Kultur : Das ganze Ding

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Das Jahr 1963 markierte den entscheidende Wendepunkt im Schaffen des amerikanischen Künstlers Don Judd (1928-1994): In zwei Gruppen- und einer Einzelausstellung trat er das erste Mal mit seinen abstrakten kadmiumroten Holzobjekten an die Öffentlichkeit. Die spannende Entwicklung von Judds Frühwerk in den Jahren zwischen 1955 und 1968 dokumentiert jetzt eine bemerkenswerte Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld, die deren Direktor Thomas Kellein konzipiert hat.

Die schlichten, klaren Formen von Judds dreidimensionalen Objekte lassen keinerlei Bezug zur Dingwelt des Alltags erkennen. Es sind einfache Kästen, die im Raum stehen oder an den Wänden hängen. Auf der Oberseite einer dieser roten Kisten hat Judd ein Eisenrohr eingelegt, bei einem anderen Objekt handelt es sich um zwei Holzplatten, die durch Sprossen miteinander verbunden sind. Mit diesen Arbeiten bezog Judd eine radikal andere Position als etwa die Vertreter der Pop-Art, die die Gegenstände der Konsumwelt zum Kultobjekt erhoben. In intensiver Auseinandersetzung mit den abstrakten Farbfeldern des älteren Barnett Newman und in Abgrenzung zu den europäischen Konstruktivisten schuf er seine eigene Welt dreidimensionaler Objekte und wurde damit zum Mitbegründer der Minimal Art.

Dabei erweisen sich Judds „Boxes“ vom Beginn der sechziger Jahre als eine konsequente Weiterentwicklung seiner künstlerischen Anfänge. Judd, der nach dem Kunststudium in New York auch Philosophie und später noch Kunstgeschichte studierte, begann vergleichsweise konventionell mit der Malerei von illusionistischen Tafelbildern. Doch zunehmend drängten architektonische Motive in seine Arbeiten. Ende der fünfziger Jahre - Judd verdiente seinen Lebensunterhalt als Kunstkritiker - wurden seine farbigen Arbeiten zunehmend abstrakter, konzentrierten sich auf raumbildende Strukturen. Konsequent verfolgte er diesen Weg von der zweidimensionalen Tafelmalerei zur dreidimensionalen Raumkunst weiter.

„Das Ding als Ganzes ist interessant“, so formuliert er es in seinem 1965 veröffentlichten programmatischen Aufsatz „Specific Objects“, mit dem Judd einen Schlüssel zum Verständnis seiner minimalistischen Kunstauffassung lieferte. Anfang der sechziger Jahre fügte er den Pigmenten seiner Bilder Sand und Wachs hinzu. Die Oberfläche der Arbeiten erhielt dadurch eine raue, reliefartige Wirkung. Damit war der nächste Schritt in den Raum getan.

Erst 1963 vollzog Judd mit seinen abstrakten roten Kästen den entscheidenden Schritt in die dritte Dimension. Allerdings fand die Rigorosität seiner puristischen Objekte nicht nur Zustimmung. Etliche Kritiker konnten mit seinen vermeintlich spröden Arbeiten wenig anfangen. Dessen ungeachtet setzte sich Judds Eroberung des Raumes weiter fort. Dabei verwendete er zunehmend auch andere Materialien. Ob an der Wand oder auf dem Boden, seine Kuben aus bernstseinfarbenem Plexiglas und Stahl oder aus galvanisiertem Eisen, die von einer Stange aus blau lackiertem Aluminium verbunden werden, loteten das Verhältnis von Horizontale und Vertikale aus, schafften interne Ordnungen. Es waren letztlich gestaltete Räume, die – so Judd selber – „mehr mit Architektur als mit herkömmlicher Skulptur zu tun haben“.

1971 fand Judd im texanischen Marfa schließlich den geeigneten Ort, um seine Kunstwerke auf einem ehemaligen Militärgelände angemessen auszustellen. Dort sind auch seine frühen Werke zu sehen, die bis zu seinem Tod im Jahr 1994 einem größeren Publikum kaum bekannt waren. Mit der Präsentation seiner Kuben in Marfa machte Judd den letzten, konsequenten Schritt bei der Eroberung des Raumes, in dem er seinen Objekten ihren festen Platz in einer ganzheitlichen künstlerischen Installation zuwies. Jürgen Tietz

Kunsthalle Bielefeld, bis 21. Juli. Katalog 19 €.

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