Kultur : Das ganze Leben ist ein Quiz

Der Schauspieler Timo Dierkes ist vernarrt in gute Fragen. Am Deutschen Theater sucht er den klügsten Berliner

Katrin von Tippelskirch

Wer spielte in „Das Experiment" die Rolle eines Elvis-Imitators?

Wie heißt der in der Berliner Club-Szene unter dem Pseudonym „TeeDeeJay" auftretende DJ wirklich?

Und wer moderiert seit einem Jahr in der KammerBar des Deutschen Theaters "Quiz it!", die Quizshow, bei der Überforderung Programm ist?

Na, Sie zögern noch? Das gäbe bei Hans Hanno Habichthorst direkt 100 Punkte Abzug. Aber wir wollen mal nicht so sein. Die Antwort lautet dreimal: Timo Dierkes. Der vielseitige Herr ist 35 Jahre alt und hauptberuflich Schauspieler. Ein kurzer Abriss seiner Karriere zeigt eine Erfolgsgeschichte: Nach Ausbildung im Wiener Max-Reinhardt-Seminar erhält er ein Engagement am Residenztheater in München. Dort ist er in sechs Jahren in über 30 Rollen zu sehen. Außerdem wirkt er bei mehreren Film- und Fernsehproduktionen mit. Seine bisher größte Filmrolle in Oliver Hirschbiegels „Das Experiment", einem psychologischen Gefängnisdrama, war die Figur des einfältigen Wärters Eckert, der, dem Rausch der Macht erlegen, zum skrupellosen Unterdrücker mutiert. Seit Februar diesen Jahres nun zählt er zur festen Besetzung des Ensembles des Deutschen Theaters.

Beinahe ein Komödiant

Zum Interview im Keyser Sauzy erscheint Timo Dierkes, der sowieso immer etwas zerknittert aussieht, ein klein wenig verkatert. Kein Wunder, denn am Vorabend war wieder eine Premiere und so heizte er den Gästen bei der After-Show-Party als „TeeDeeJay" am Plattenteller noch bis in die frühen Morgenstunden ein. Offenbachs Operette „Die Großherzogin von Gerolstein", in der er den General Bumm spielt und singt, wurde vom Publikum begeistert gefeiert. „Schade, dass die Zuschauer nicht mal die Kritiken schreiben", ärgert er sich über die Verisse, die diesen mühsamen Tag gründlich ruinieren könnten. Im Stück tritt er mit angeklebter, rot-versoffener Nase und Lametta-Orden behängt als trottelig-intrigante Parodie eines Militärs auf die Bühne und scheut sogar kleine Tanz-Einlagen nicht.

Man könnte ihn also für einen Komödianten halten. Doch seine Vorliebe, schon seit den Achtzigern, gehört dem Quiz. Es ist wie ein Spieltrieb: ich weiß etwas, was ihr nicht wisst, und ihm lässt der gebürtige Westfale einmal im Monat freien Lauf. Dann verwandelt er die KammerBar des DT in die Bühne einer Quizshow. Vier mal sechs Teilnehmer sitzen dicht gedrängt auf Sitzwürfeln, und in der Mitte wartet der so genannte „Buzzer", eine Plastiktröte im Plexiglasgehäuse, auf seinen Einsatz. Als Quizmaster Hans Hanno Habichthorst besteigt Dierkes eine Art Schiedsrichterhochsitz, wie er bei Tennis-Matches benutzt wird. Oben angekommen, drückt er ein paar Knöpfe seines Mischpults. Aus dem Lautsprecher tönt ein eigens gemixter „Quiz it!"-Jingle. Mit verschmitzem Grinsen groovt er ein wenig zur Melodie und fühlt sich offensichtlich pudelwohl auf seinem Master-Thron. Da oben hat er alles, was er braucht: die Soundstation zur Linken, Wasser und Bier stehen griffbereit zur Rechten. Das Licht der Klemmlampe, die direkt über seinem Kopf verankert ist, scheint einen Heiligenschein auf sein Haupt zu werfen. Wer ist hier der Boss? Diese (erste) Frage ist jedenfalls geklärt.

Habichthorst wälzt einen dicken Ordner, den Fragenkatalog. Timo Dierkes beweist ein geniales Talent, Menschen zu motivieren und Interesse für eher abgelegene Skurrilitäten aufzubringen. Denn wen würde unter normalen Umständen interessieren, dass Unwägbarkeiten auch Imponderabilien sind, geschweige denn, dass der bleichgesichtige Lehrer Winnetous Klekhi-Petra hieß. Timo Dierkes schafft es. Aus harmlosen Barbesuchern sind im Handumdrehen eiskalte Zocker geworden. Da hechtet schon mal einer todesmutig zum Buzzer, und das, bevor die Frage überhaupt vollständig formuliert worden ist. Die Vorstellung ist einfach unerträglich, dass ein anderes Team mit des Rätsels Lösung schneller herausplatzen könnte.

Trotz lautstarken Protests lässt Timo Dierkes Gnade vor Recht ergehen („40 Punkte für die Beantwortung einer Frage, die nie gestellt wurde") und amüsiert sich königlich darüber, dass ein Kandidat aus Team Nord ihm Brad Pitt als Westernheld eines Sechzigerjahre-Klassikers verkaufen will. Eigentlich ist die Punktvergabe des Meisters nichts als Willkür. Doch Timo Dierkes – so behauptet er zumindest – hat sein eigenes, streng durchdachtes Regel-System. Wie dem auch sei, am Ende herrscht das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Im Keyser nippt Dierkes an seinem Tee und verrät schmunzelnd, er sei stets auf der Lauer nach neuem Wissensstoff. Egal ob Zeitung lesend, fernsehend oder auf Theaterproben: „Es ist wie ein Fluch! Immer ertappe ich mich dabei, alles Neue direkt in Quizfragen umzuwandeln." Seine Freunde hätten ihm bereits das „goldene Klugscheißer-Band verliehen", fügt er lachend hinzu. Damit tun sie ihm Unrecht, das will gesagt sein! Denn der Oberlehrer ist ihm fremd. Sein unstillbares Interesse an Wissenswertem und seine Ausdauer beim Recherchieren sind bewundernswert, vor allem, wenn man erfährt, dass er als absoluter Technik-Verweigerer einen weiten Bogen um das Internet macht. Die Fülle an Fragen, die über 60 Stunden Quizshow füllen könnten, trägt Timo Dierkes in liebevoller Kleinstarbeit zusammen. Zu Hause schließt er sich stundenlang ein und wälzt dicke Lexika.

König der Klugscheißer

Langeweile kommt unter seiner Leitung in der KammerBar nie auf. Hier herrscht allmonatlich kreatives Chaos. Die über dreistündige Show gewinnt schnell an Eigendynamik: Teammitglieder verbrüdern sich gegen ihre Kontrahenten, führen wilde Pantomimen auf, wälzen sich zuweil sogar am Boden und auch die Technik gibt zwischenzeitlich ihren Geist auf. Kein Grund, nervös zu werden. Der Maestro hat die Ruhe weg. Und den Schalk im Nacken. Seinem Spezi aus Team Nord gewährt er trotz wiederholt falscher Antwort noch ein paar Extra-Punkte („Mut muss belohnt werden. Sogar wenn du wieder Brad Pitt gesagt hättest"). Widerspruch ist zwecklos und die Quiz-Gemeinde lacht.

Ob er das Potenzial seiner Show schon ausgeschöpft hat? Er könnte, gerät Dierkes nach einer Stunde Gespräch ins Schwärmen, für „Quiz it!" einen Businessplan erstellen. Warum sollte man sein Quiz nicht mieten und nach Hause holen können?

„Quiz it!" mit Timo Dierkes morgen Abend um 22 Uhr in der KammerBar des Deutschen Theaters .

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