Kultur : Das gebannte Chaos

VOLKER STRAEBEL

"Es wird sich zeigen ..."

Wahrhaft zeitgenössisches Musiktheater zu schaffen stellt die Komponisten heute vor kaum zu lösende Schwierigkeiten.Seit Boulez die Opernhäuser in die Luft sprengen wollte, sind die Konservativen unter den jungen Tonsetzern nicht müde geworden, am traditionellen Modell der Literaturoper festzuhalten.Einen Ausweg aus der auf Narration und Identifikation gegründeten Gattung boten Musikperformance und Instrumentales Theater, denen in Deutschland Dieter Schnebel und Mauricio Kagel den Weg bahnten.Zwei Kagel-Schüler, Manos Tsangaris und Carola Bauckholt, schufen nun die bislang interessantesten Uraufführungen der diesjährigen Musik-Biennale, wobei Bauckholt im Hebbel-Theater Gelegenheit erhielt, ihr einstündiges Musiktheater für drei Stimmen, Schlagzeug und Streichquartett "Es wird sich zeigen ..." vorzustellen.

Schon das erste der zwölf, von der Komponistin und Christian Kesten detailgenau inszenierten Bilder verbürgt die stimmige Verschmelzung der Medien, wenn das Rubin Streichquartett im Dunkeln auf dem Boden sitzt und mit rhythmisiertem Streichholzzündeln Klang wie Licht erzeugt.Yoko Onos "Lightning Piece" (1955) ist die historische Keimzelle, aus der Bauckholt bald eine abwechslungsreiche Struktur aus Atem- und Schabegeräuschen, Flüstern, Murmeln und Lachen entwickelt, in die der Countertenor David Cordier und der Stimmperformer Jaap Blonk mit einem ungleichen Duett einsetzen.Deren Wettstreit gehört zu der Reihe menschlicher Grunderfahrungen, die sich mit Trauer, phantasiesprachlichem Dissens, Idylle oder Aggression durch das Stück zieht.

Bauckholt gruppiert ihr Personal zu wechselnden Besetzungen, die jeweils klangliche Annäherung thematisieren: Der Countertenor singt unisono zur Solo-Violine, während ein Streichtrio um die am Boden sitzende Salome Kammer lagert und deren Glottisknacken mit längs zur Saite geführtem Bogen imitiert.An anderer Stelle verschmelzen die Glissandi, die die auch schauspielerisch überzeugende Perkussionistin Françoise Rivalland mit Gummischlegeln auf einer Glasplatte erzeugt, homogen mit denen des Streichquartetts.

Doch Carola Bauckholt bricht immer wieder mit dem ihr eigenen Humor die Künstlichkeit des Bühnengeschehens.Da verstummt das Streichquartett und probt eine Stelle noch mal, oder Rivalland hantiert mit ihrem Jazzbesen wie mit einem Küchenquirl.Auch hier keine unbekannten Aktionen, doch Bauckholts Meisterschaft liegt im sicheren Gefühl für Spannungen und Tempi, in ihrem Gespür für die Architektur der mit verkürzten Reprisen geschickt konstruierten Großform.Die Zeit der Experimente ist vorbei.Das Instrumentale Theater ist erwachsen geworden.

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