Kultur : "Das Gedächtnis der Kunst": Ab in die Kiste

Christian Huther

Historiker bekommen zunehmend Konkurrenz von den Erinnerungen der Zeitzeugen. Auch Künstler bieten seit den siebziger Jahren statt schnöder Worte Gedächtniskunst zum Nachdenken. So schwelt seit einiger Zeit der Streit, ob Geschichte nur durch empirisches Wissen oder auch durch künstlerische Beiträge konstituiert werde. Bei der neuen Ausstellung des Frankfurter Historischen Museum fällt die Antwort zugunsten der Kunst aus: "Das Gedächtnis der Kunst" präsentiert in der Kunsthalle Schirn rund siebzig im letzten Jahrzehnt entstandene Arbeiten von vierzig Künstlern, dazu einige Werke im Museum selbst und in der Paulskirche.

Allerdings geht die 1,5 Millionen Mark teure Schau nicht chronologisch vor, sondern widmet sich einzelnen Themen von der Französischen Revolution bis zum Mauerfall. So ist ein "begehbares Geschichtsbild" entstanden, wobei die Grenzen zwischen Kunst und Dokumentation oft fließend sind. Das älteste Werk von 1969 verneint jegliche künstlerische Gedächtnisleistung. Denn Marcel Broodthaers drehte einen slapstickartigen Stummfilm über den Transport einer Kiste zum Waterloo-Denkmal. Aber die Kiste ist leer: Für Broodthaers kann Kunst kein Gedenken leisten.

Doch die meisten Künstler sind davon überzeugt, dass sich Geschichte in Bilder umsetzen lässt. Beispielsweise Kara Walker, die in einem Rundbau einen monumentalen Scherenschnitt aufgehängt hat. Walker illustriert die Verfolgungsgeschichte der Schwarzen. Dass es dabei um Vorurteile geht, symbolisiert sie durch das Ausschneiden der Silhouetten. Denn Vorurteile und Scherenschnitte sind beides vergröberte Wahrnehmungen. Während Ilya Kabakov im zentralen Saal ein mächtiges Monument aller seiner künstlerischen Ideen im Modell gebaut hat und damit zwischen Geschichts- und Kunstmuseum pendelt, teilte Sigrid Sigurdsson Notizbücher an knapp einhundert Frankfurter Persönlichkeiten aus. In drei Jahren sollen die ersten historischen oder biografischen Notizen abgeliefert werden, im Jahr 2050 die letzten Bücher. Die "Bibliothek der Alten" wird der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Diesen individuellen Sichtweisen stellt Hans-Peter Feldmann eine Dokumentation gegenüber: Er sammelte Fotos der seit 1967 aus politischen Gründen ums Leben gekommenen Menschen, von Benno Ohnesorg über Hans-Martin Schleyer bis zu Ulrike Meinhof. Feldmann macht im Tod Opfer wie Täter gleich. Diese betont sachliche Arbeit ruft sicher die von Feldmann gewünschten Diskussionen hervor. Damit dient Kunst oft als Vermittler oder Provokateur.

Viele der gezeigten Arbeiten sind denn auch sperrig, verweigern sich dem Konsum und erfordern historische Vorkenntnisse. Kunst kann zu Erkenntnis führen, Geschichte aber konstituiert sich auch über erläuternde Worte. Ob dieses Dilemma ein Grund für die Absage von Christian Boltanski war, des Erinnerungskünstlers par excellence? Jedenfalls verweigerte er die Teilnahme mit der Begründung, dass er nicht mit den Themen Geschichte und Erinnerung arbeite.

Dabei könnte sich Boltanski auch im Historischen Museum davon überzeugen, dass sich seine Kollegen subtil mit der deutschen Nazihistorie beschäftigen. Doch alle der hier und in der Schirn Kunsthalle gezeigten Werke sind ohne Auftrag entstanden. In der Paulskirche indes geht es um Auftragskunst. Denn 1987 wurde für die Paulskirche ein Wettbewerb ausgeschrieben, um die Wiege der deutschen Demokratie von 1848 zu würdigen. Den Wettbewerb gewann Johannes Grützke, dessen 33 Meter langes, über drei Meter hohes Wandbild den Einzug von 200 Parlamentariern zeigt. Nun sind erstmals auch die Entwürfe von drei weiteren Kandidaten zu sehen: A. R. Pencks Strichmännchen wirken anonym, Jörg Immendorffs Revolutionsszenen haben keinen Zusammenhang, Alfred Hrdlicka schließlich wollte Bronzereliefs machen, die aber nicht erlaubt waren. So muss man jetzt mit Grützkes derben, satirischen Szenen leben. Aber wer weiß, wie künftige Generationen mit Erinnerung umgehen. Die Kunst kann da nur als Gedankenauslöser fungieren.

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