Kultur : Das Gedächtnis der Stadt

Bauen mit Logik und Disziplin: der große Berliner Architekt Josef Paul Kleihues ist tot

Falk Jaeger

Der nüchterne Westfale konnte leicht als Preuße durchgehen, und als Wahlpreuße fühlte er sich auch. 1933 in Rheine geboren, zum Architekten ausgebildet in Stuttgart, Berlin und an der Ecole des Beaux Arts in Paris, war er als Lehrer im Westen tätig, zuerst 1974 bis 1994 an der Universität Dortmund, dann an der Kunstakademie in Düsseldorf. Doch Kleihues fühlte sich immer zu Berlin hingezogen, in die Stadt Gillys und Schinkels, wo er 1962 sein eigenes Büro eröffnete. Und wenn ihm jetzt die letzte Ehre erwiesen wird, so gilt sie dem bedeutendsten Berliner Architekten der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Mehr noch als Hans Scharoun, der mit seinem Städtebau gescheitert war, gelang es ihm, die Stadt zu prägen.

Seine Bauten, bekannt und geschätzt vor allem in Fachkreisen, wollen nicht durch modische Sensationen bestechen, sondern sie überzeugen durch preußische Tugenden, durch ihre klare konzeptionelle Logik, gestalterische Disziplin und Detailqualität. Zu den Hauptwerken zählen der Vinetablock im Wedding 1977, die Hauptwerkstatt der Berliner Stadtreinigung in Tempelhof 1978 und das Krankenhaus Neukölln1977-86.

Wenn seine Berliner Projektliste in den Achtzigerjahren eine Lücke aufweist, so liegt das an seiner Funktion als Planungsdirektor der Internationalen Bauausstellung IBA, für die er sich 1979 bis 1987 engagierte. In dieser Zeit wirkte er als Initiator, Juror, Impressario, und verlegte sich beim Bauen auf Projekte außerhalb Berlins. Damals begründete er seinen Ruf als Museumsarchitekt: Er verwandelte eine Klosterruine in Frankfurt am Main in das Museum für Vor- und Frühgeschichte, er errichtete die Galerie der Stadt Kornwestheim und die Städtische Galerie Sindelfingen und baute die Hamburger Deichtorhallen als Ausstellungsort für die Körber-Stiftung um. Als größten internationalen Erfolg konnte er den Auftrag für den Neubau des Museum of Contemporary Art in Chicago verbuchen, das 1996 eröffnete. Dort, aus seinem Büro im berühmten Chicago Tribune Tower blickend, sah er sich auf Augenhöhe mit Helmut Jahn gegenüber.

Währenddessen sorgte er in Berlin für ein architektonisches Feuerwerk. Er war es, der für die IBA die internationale Crème der Architekten nach Berlin holte, von Isozaki bis Eisenman, von Stirling bis Libeskind. Er machte Berlin zur Architekturhauptstadt der Welt, denn mit der Wiedervereinigung entwickelte sich die von Kleihues begründete einzigartige internationale Szene weiter, folgten Piano und Rogers, Forster, Jahn, Gehry und viele andere dem Ruf nach Berlin.

Schon bei der IBA ging es um den Wiederaufbau der noch immer vom Krieg gezeichneten Stadt. Kleihues entwickelte das Prinzip der ,kritischen Rekonstruktion’ und löste damit den offenen Städtebau der Nachkriegsmoderne Scharounscher Prägung ab, der allerorts zu unbefriedigenden Ergebnissen geführt hatte. Ihm ging es um die Wiedererweckung des im Grundriss, im Straßenraster verborgenen ,Gedächtnisses der Stadt’, um die Wiedergewinnung historischer Straßen- und Platzräume der „europäischen Stadt“, um den Geist des Ortes. ,Kritisch’ nannte er die Rekonstruktion, weil es nicht um plumpe Faksimilefassaden ging, sondern um Neuinterpretation, auch um Korrektur. Innerhalb dieses Ordnungsrahmens jedoch konnten Bohémiens wie Avantgardisten, Reaktionäre wie Pragmatiker ihre Architektur verwirklichen. Die Spannweite reichte von Frei Otto bis Sawade, von Libeskind bis Ungers, da war Kleihues ganz offen.

Als eigene Architektursprache hatte der philosophisch und architekturtheoretisch bewanderte Kleihues den ,poetischen Rationalismus’ erdacht, eine Architektur der Moderne, die mit einem poetischen, erzählerischen, also einem subjektiven Element versetzt ist, sozusagen ein Lerneffekt aus der Zeit der Postmoderne. Das Hochhaus ,Kantdreieck’ ist ein sprechendes Beispiel dafür, wie das streng geometrische Ensemble durch die riesige Windfahne, durch einen Brunnen, eine Linde in Modulordnung des Hauses und durch eine Freiplastik von Markus Lüpertz ,poetisiert’ wird.

An all seinen jüngeren Bauten zu beobachten ist seine akribische Detailarbeit, beispielsweise bei den Fenstern und Türen, die er mit einem eigens entwickelten Profil bauen ließ, einem intelligenten System, das viele Probleme auf verblüffend einfache Art löst und trotzdem für alle denkbaren Tür- und Fensterformen einsetzbar ist. Und für das Krankenhaus in Neukölln ließ er eine neue Fliesenproduktionslinie einrichten, damit die Fugenraster der Sanitärräume auch mit dem Konstruktionsraster des Gesamtbaus korrespondieren. Fliesen und passende Leuchten sind seitdem listenmäßig zu haben.

Als sein Hauptwerk in Berlin gilt jedoch der Hamburger Bahnhof, den er 1989-1996 durch Umbau und Anbau einer großartigen Galeriehalle zum Museum für Gegenwartskunst umgestaltet hat. Dessen Westflügel war im Sommer 2003 Schauplatz der Werkschau zu seinem siebzigsten Geburtstag. Da er sich krankheitshalber aus dem aktiven Entwurfsgeschäft zurückziehen musste, kam sein Lebenswerk mit der Ausstellung und der gleichzeitig im Nicolai Verlag erschienenen Monografie zu einem würdigen Abschluss.

An den Rollstuhl gefesselt, nahm Kleihues dennoch am architektonischen Leben der Stadt Anteil, meist in Begleitung seines Sohnes Jan, mit dem zusammen er in den letzten Jahren das Büro geführt hatte. Noch am vergangenen Mittwoch konnte er die Einweihung der Simulation von Schinkels Bauakademie am Friedrichswerder erleben. Die Gründung des Vereins Internationale Bauakademie, der in der rekonstruierten Inkunabel der Baukunst seinen Sitz nehmen soll, geht auf ihn zurück. Er war deren erster Präsident, bis er den Staffelstab an Hans Kollhoff weitergab.

Die Bedeutung von Josef Paul Kleihues für die Architektur dieser Stadt kann schwerlich überschätzt werden. Und vielleicht wird in Bälde auch die Bauakademie und das künftige Berliner Architekturmuseum mit seinem Namen verbunden sein. Dann hätte er sich noch postum für sein eigentliches Anliegen eingesetzt: die Förderung der Baukultur. Josef Paul Kleihues starb gestern in seiner geistigen Heimatstadt. Berlin. Die Architektenschaft haben ihm viel zu verdanken.

GEBOREN 1933

in Rheine, Westfalen, studierte Josef Paul Kleihues in Stuttgart, Berlin und Paris, unter anderen bei Hans Scharoun

IM JAHR 1962

gründete er sein eigenes Büro in Berlin. Sein erster großer Erfolg dort war die Hauptwerkstadt der Berliner Stadtreinigung 1978.

VON 1979 BIS 1987

war er Planungsdirektor der „Internationalen Bauausstellung“ (IBA) in Berlin und sorgte dafür, dass die Crème der internationalen Architekten in Berlin baute

SEINE HAUPTWERKE

sind der Umbau des Hamburger Bahnhofs

in Berlin (kleines Bild), das Museum of

Contemporary Art

Chicago und das

Berliner Kant-Dreieck

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