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Kultur : Das Gedächtnishaus der Urenkel

14.10.1998 00:00 UhrVon MICHAEL S.CULLEN

Schon der Rat, bei einer Besichtigung des Märkischen Museums keine helle Hose zu tragen, läßt aufhorchen: hinter der backsteinernen Fassade gebe es nicht nur Schätze, sondern Staub und Dreck; die wirklichen Kostbarkeiten seien nicht optimal untergebracht, erst jetzt habe man Zugang zu den innersten Bereichen des Hauses geschaffen.Für den Rundgang bringt Direktor Güntzer seinen Historiker Winkler und einen "Castellan" mit - einer muß die Unmenge Schlüssel verwalten und zeigen, welcher zu welchem Schloß paßt.Zu Viert sind wir zwei Stunden unterwegs, keine Besenkammer wird ausgelassen; denn selbst dort findet sich Geheimnisvolles, Ausstellbares.

Wenn das Wort des Günter Gaus von der "Nischengesellschaft" je zutraf, hier scheint es am passendsten.Das am 10.Juni 1908 eröffnete, von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann im märkischen Stil erbaute Museum mit seinem 53 Meter hohen Turm fristete unter Direktor Hampes Leitung ein geschütztes Ost-Berliner "Nischen"-Dasein.Wenige Ausstellungen von hoher Qualität kamen hier heraus, es gab kaum Kataloge, nur dürftige Jahrbücher.80 Frauen und Männer standen in Lohn und Brot, man diente - bejahend, schmollend - dem sozialistischen Vaterland.Nicht auffallen.So hielt Hampe - kein Museumsmann, eher der Typ des kleinen Bezirksfürsts - seine Hand über die Angestellten.Gut für sie, schlecht für das Haus.

Mit dem Ende der DDR geriet es in den Strudel der Umstrukturierung.Man fürchtete die "Abwicklung", die Arbeitslosigkeit, wo doch schon viele am Arbeitsplatz "arbeitslos" gewesen waren; jahrelang hatten sie kaum wesentliches publiziert, versteckten ihre Exponate voreinander, vor Hampe und der Partei, führten kaum Buch.Wenn damals ein Neugieriger kam wie ich und Fragen stellte, waren sie dennoch hellauf begeistert und stellten tollste Sachen zur Verfügung.Ohne das Märkische Museum hätte ich kaum einen Aufsatz, geschweige denn Bücher über den Reichstag schreiben können.

Was wird aus dem Museum? Begonnen hat alles um 1865, als den Berlinern dämmerte, daß zwar Breslau, Königsberg, Danzig, Stralsund und Görlitz ansehnliche kulturgeschichtliche Museen besaßen, die Vergangenheit Berlins und der Mark Brandenburg jedoch kaum erforscht waren.Bald wurde ein Verein für die Geschichte Berlins gegründet sowie die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.1874 bestellte man den Stadtrat Ernst Friedel zum "Kommissarius für Archiv, Bibliothek und Sammlungen" der Stadtgemeinde.Als Gründungsdatum des Museums gilt der 9.Oktober 1874.

Anfangs wurden die kleinen Sammlungen im Gräflich Podewilschen Palais Klosterstraße / Ecke Parochialstraße untergebracht, dann von 1880 - 99 im Köllnischen Rathaus, Breitestraße 20a, und schließlich, bis zur Eröffnung des Museums am Märkischen Ufer, in der Zimmerstraße 90 / 91.Das waren Provisorien - mit der Überlassung eines Parkgrundstücks zwischen "Am Köllnischen Park", Rungestraße und Wallstraße lobte die Stadt 1892 einen Wettbewerb aus; unter 76 Entwürfen wählte man den des Wilhelm Möller, der kurz darauf verstarb.1898 nahm dann Hoffmann die Sache architektonisch in die Hand, machte aus vielen märkischen Baustilen einen Stil-Cocktail, der gefiel.Das Haus wurde mit Fanfaren am 10.Juni 1908 eingeweiht.

War das Gründungsziel des Museums die Darstellung märkischer Geschichte gewesen, so verschwand dieser Ansatz bald nach Eröffnung, noch mehr nach der Gründung der Gemeinde Groß-Berlin 1920.Die Sammlungsaktivitäten konzentrierten sich nun auf die Geschichte der neuen Stadt und ließen, was im Wandel der Zeit übrigblieb von der Mark, weniger vorteilhaft erscheinen.Dem breiten Publikum waren das Museum, seine Ausstellungen und Kataloge wenig bekannt.Das lag vielleicht an einer Merkwürdigkeit, von der Hampe berichtet: Bis 1932 durfte - auf Weisung des Architekten Hoffmann - dort kein künstliches Licht verwendet werden, nur Tageslicht.Ob, wie Hampe sagt, der seit 1925 amtierende Direktor Walter Stengel Hoffmann davon abbrachte, oder ob Hoffmanns Tod die Erleuchtung brachte, ist nicht bekannt.Jedenfalls erhielt das Museum 1932 elektrisches Licht und als Dependance das Ermeler-Haus.Stengel, dessen Vita einen abenteuerlichen Zeitraum umspannt - er diente von 1925 bis 1952 drei Systemen ohne Probleme - hat Memoiren und eine Zeitungsausschnitt-Sammlung hinterlassen.

Nach der Beseitigung der größten Kriegsschäden öffnete das Haus bereits 1946 wieder die Pforten.Eine harte Zeit, die nicht leichter wurde, als die Stadt von Westbesuchern 1961 abgeschnitten wurde; welche weiter fernblieben, da ab 1962 das westliche Konkurrenzunternehmen Berlin-Musum in der Lindenstraße gegründet wurde.Als 1990 der ost-westliche Magistrats-Senat ans Ruder kam, lähmte die Angst vor der Abwicklung.In dieser Situation legte der provisorische Regionalausschuß fest, daß eine Verschmelzung des Märkischen mit dem Berlin Museum stattzufinden habe.Nach Ach und Weh - wer bekommt was? - wurden die Häuser in eine Stiftung eingebracht; deren Errichtung dauerte von 1993-1995.

Gehen wird durch das Haus.Für jeden Raum ist eine Nutzung geplant; selbst für den Dachboden, für die Konzert- und Vortragssäle.Wenn das alles einmal fertig wird, man kann da nur schwärmen! Gleichwohl - es muß umgebaut werden - die Aufzüge funktionieren nicht alle, an manchen Stellen muß eine Wand raus, an anderen eine Decke rein.Doch das Haus steht unter Denkmalschutz, nicht jeder Umbau wird genehmigt.Außerdem herrschen heute andere Sicherheitsvorschriften, zum Beispiel für Lastenaufzüge.Ein Restaurant im Turmdach wird aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt.Schon bei der Eröffnung sagten Zeitgenossen, dem Museum fehle Platz für Ateliers und Verwaltungsräume.Dafür stünden nach Güntzers Meinung künftig zwei geeignete Bauten zur Verfügung: in der Brüderstraße das Nicolaihaus (siehe Tsp vom 31.7.), und in jenem Teil der Münze an der Mühlenschleuse, der nicht dem Bund, sondern Berlin gehört.In das Nicolaihaus passen die Fotosammlungen, in die Münze Stadtmodelle und Restaurierungsateliers.Vor beiden Lösungen stehen Verkaufspläne der Finanzsenatorin.

Die Entstehungsgeschichte des Stadtmuseums war von Anfang an langwierig, über die 10jährige Bauzeit des Märkischen Museums belustigten sich schon 1908 die Zeitgenossen.Damals stand im "Ulk" folgender Dialog: "Reporter: Kann ich nicht eine Karte zur Eröffnung des Märkischen Museums bekommen? Magistratsbeamter: Für Sie selbst? Reporter: Nein, für meinen Urenkel".Die äußeren und inneren Zerstörungen, von denen dieses Gedächtnis der Stadt seitdem heimgesucht wurde, sind mit ihren Folgen noch nicht ausgeheilt.Jüngst bei der Eröffnung der Fontane-Ausstellung im Märkischen Museum hat Reiner Güntzer eine Rede gehalten, die einen bitteren Nachgeschmack hinterläßt.Der Generaldirektor verwindet noch nicht ganz, daß er den großartigen Libeskindbau nicht zur Bespielung bekommt.Die neue Planung bedeute, so Güntzer, Abschiednehmen von lange "gehegten Plänen"; mancher Zuhörer könnte dabei von Verlustängsten, "vielleicht sogar von Wut" überfallen werden: "Was haben die aus unserem schönen Berlin Museum gemacht?" Der Libeskindbau sei nämlich, so Güntzer, "nicht mehr der Erweiterungsbau des Berlin Museums, sondern das Jüdische Museum und nur das Jüdische Museum".Erschwerend und die Raumnot steigernd komme hinzu, daß das Collegienhaus, der Altbau des Berlin Museums, von dieser Entwicklung tiefgreifend mitbetroffen sei.Doch sagt Güntzer auch Positives: Er hält die Trennung der Jüdischen Abteilung vom Berlin Museum für "zukunftsweisend", ebenso ihre kulturelle Autonomie.Das Jüdische Museum "steht der Hauptstadt Deutschlands gut an".Allerdings sei das "integrative Modell" gescheitert und "öffentlich nicht mehr durchsetzbar".Auch könne ein "integratives Modell gegen den Willen der Jüdischen Gemeinde nicht erzwungen werden.Herr Blumenthal und seine Mitstreiter vertreten ein anderes Konzept." Das jüdische Museum habe nun auch im Collegienhaus Hausherrenfunktion, alles andere wäre "krampfig" und "unpraktikabel".

Fazit: Das Stadtmuseum muß ein Stammhaus ausbauen, die Depots aufgeben, Nicolaihaus und Münze bekommen - das wäre vernünftig.Dafür muß Güntzer mit Rückhalt durch Senat und Abgeordnetenhaus rechnen dürfen.Aber die Beschwörung der unheilvollen Geschichte, Schuldzuweisungen, Selbsmitleid - das gehört nicht in die Annalen, nicht in eine viel beachtete Rede.Sonst werden Pläne und Visionen durch Rechthaberei beschädigt, das wäre für den Direktor und für Berlin ein großer Verlust.

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