Das gedruckte Internet : Wie aus Blogs Bestseller werden

Unterhaltsame Taschenbücher sind für das Verlagswesen echte cash cows. Interessant dabei: Häufig fristeten diese Kassenschlager ihr früheres Leben im digitalen Raum.

von
Internetnutzer und Blogger als Bestseller-Autoren? Das ist längst Realität.
Internetnutzer und Blogger als Bestseller-Autoren? Das ist längst Realität.Foto: dpa

Reden wir über den Buchmarkt. Nicht über den im feuilletonistischen Scheinwerferlicht, mit seinen gebundenen Wälzern, aufwendig gemacht, 19,95 Euro aufwärts. Sondern über den anderen Markt, die Taschenbücher, außen bunt, innen grobes Papier, fünf bis acht Euro. Mitnehm- und Verschenkware, Kategorie Klobuch.

Dabei sind manche dieser Titel für die Verlage das, was die „Bild“ für Springer ist: wahre cash cows. Weil sie quasi unbemerkt Auflagen erreichen, über die sich sogar Charlotte Roche freuen würde. Beispiele? Die Flugzeug-Witze „Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt“, die der Ullstein Verlag in Kooperation mit „Spiegel Online“ veröffentlicht, hat sich 500 000 Mal verkauft; der Nachfolger „Sorry, Ihr Hotel ist abgebrannt“ bereits 110 000-mal. Die Todesanzeigensammlung „Aus die Maus“ ging 200 000-mal über den Ladentisch. Auf 150 000 verkaufte Exemplare kommen die Alltagsdialoge „Entschuldigung, sind Sie die Wurst?“. Und dann ist da noch „Du hast mich auf dem Balkon vergessen“, eine Kollektion nächtlicher SMS-Unterhaltungen, seit Monaten oben auf der Taschenbuch-Bestsellerliste, 190 000-mal hat es sich verkauft.

Was lernen wir daraus? Dass die Deutschen ein selbstironisches Völkchen sind? Dass nichts über den brachialen Humor der Realität geht? Das auch. Noch interessanter ist, dass all diese Bestseller auf Webseiten oder Internetforen basieren. Oft von Hobbybloggern gegründet, wurden diese zu Orten kollektiven Alltagsgedächtnisses. Auf www.belauscht.de, www.smsvongesternnacht.de oder auch www.todesanzeigensammlung.de haben Hunderte Anekdoten oder Textschnipsel eingespeist, Tausende haben sie kommentiert, bewertet, empfohlen. Die Seiten waren längst erfolgreich, bevor die daraus entstandenen Bücher es wurden.

Verlage und Agenturen haben reagiert: Weil das Netz offenbar ein guter Seismograf für den Geschmack des breiten Publikums ist, wird es systematisch nach neuen Ideen und Talenten durchkämmt. Der pointensichere Jan-Uwe Fitz, der bei Twitter als @vergraemer 34 000 Fans hat, kam auf diesem Weg zum Dumont Verlag; sein erster Roman heißt „Entschuldigen Sie meine Störung“. Ähnlich Mehmet Akyazi: Auf dem Mitmach-Literaturportal www.bookrix.de hatte der Abiturient aus Duisburg Texte veröffentlicht. Sie begeisterten derart viele Leser, dass die Betreiber des Portals den Heyne Verlag ansprachen. „Getürkt. Mein krasses Leben als Doppelbürger“ ist vor wenigen Tagen erschienen.

Spätestens wenn auch diese Taschenbücher zu Verkaufsschlagern werden, wird man einen Mythos der digitalen Gesellschaft endgültig zu Grabe tragen müssen: Dass sich die Gratiskultur im Netz nicht mit der Content-nur-für-Geld-Kultur der Buchbranche verträgt. Gerade am unteren Ende, bei den kleinen, humoristischen Formaten, ist es der zahlenden Kundschaft egal, dass ähnliche Inhalte im Internet auch umsonst zu haben sind. Im Gegenteil: Wer die Webseite liebt, kauft vermutlich erst recht das Buch. Und verschenkt es vielleicht noch zwei-, drei-, viermal. Das wiederum beschert den Webseiten noch mehr Fans, Klicks, Werbebanner, Einnahmen … Ein Geschäftsmodell ohne Verlierer – und mit vielversprechender Zukunft. Jedenfalls so lange das Internet noch nicht so wasserdicht ist, dass man es einfach auf dem Spülkasten liegen lassen kann.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben