Kultur : Das geflohene Kind

PETER KÜMMEL

Auf die Frage "Wo ist der Humor geblieben?" hat sie geantwortet: "In den Urnen." Diese schwarze Lakonik, die Unfähigkeit, das Wüten der Weltgeschichte zu akzeptieren, auch wenn daran die eigenen Leute beteiligt waren - es konnte ihr, aus der Ferne gesehen, als Verschrobenheit ausgelegt werden.Sie war unfähig, sich mit Gemeinheiten zu arrangieren.Für Ortrud Beginnen war die Bühne die einzig sichere Seite, eine Richtung, in die man gehen konnte, wenn anderswo die Gesetze aufgehoben waren und Vereinbarungen nicht mehr galten.

Als kleines Mädchen erlebte die am 5.Februar 1938 in Hamburg Geborene Ausbombung und Evakuierung, und das Bewußtsein, die Mehrheit der Menschen als Gegner sehen zu müssen, erwachte früh in ihr.Sie war ein uneheliches, ungewolltes Kind und wuchs bei den Großeltern auf.Das Spielen, das Leben in vorgestellten Zusammenhängen, wurde für sie "die einzige Möglichkeit, diese traurige Kindheit verlassen zu können".Das sah man ihr an, man hörte es in ihrer Stimme: das Ungetröstete, das Ungelebte.Hier war ein Kind im Spiel dabei, seine Kindheit zu verlassen.Ehe sie es sich versah, hatte sie einen ganzen Zug von Kindern hinter sich.Die hielt sie einerseits auf Distanz, um sie mit einem alles verrückenden Witz doch in ihre Richtung zu locken.

Fast erscheint es wie Ironie, daß Ortrud Beginnen das Schauspielerinnenleben, jene "gelungene Form von Geisteskrankheit", in den letzten Jahren vor allem in Stuttgart ausübte.Denn Stuttgart war ihr ja unheimlich, eine Stadt, besessen von Ordnungswahn und Putzzwang.Schon 1976 war Ortrud Beginnen Mitglied in Claus Peymanns Stuttgarter Ensembles (mit ihm ging sie auch nach Bochum, dann folgten Jahre in Hamburg am Schauspielhaus).1993 kam sie zurück, ins Ensemble Friedrich Schirmers.Längst war sie da nicht mehr nur Schauspielerin, sondern auch Diseuse, und ihre Spezialität war das Genre des ernüchternden deutschen Liederabends.Mit ihrem trockenen, bisweilen unheimlich-androgynen Witz, entdeckte sie Lieder neu.

1995 wurde Ortrud Beginnen "Schauspielerin des Jahres" in der Wiener Inszenierung von Werner Schwabs Fäkalienkomödie "Die Präsidentinnen".1996 spielte sie die Maria Callas in der Stuttgarter Aufführung von Terrence McNallys "Meisterklasse".In dieser Saison noch wollte sie in Stuttgart Moritz Rinkes "Der Graue Engel" spielen.Dazu kommt es nicht mehr.Am Montag ist Ortrud Beginnen in Stuttgart nach schwerer Krankheit gestorben, ein großes, trauriges Kind, dem wir nicht mehr folgen können.



Dem Ende ganz leicht entgegen

Das Staatstheater Stuttgart widmete Ortrud Beginnen am 19.Januar die Aufführung "Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte" von Moritz Rinke.Die Schauspieler spielten teilweise in alten Kostümen von Beginnen, am Ende der Aufführung traten alle Techniker wie Maskenbildner als auch Leitung auf die Bühne und berichteten vom Tod der Schauspielerin.Der Regisseur Stephan Kimmig las einen am Vormittag geschriebenen Text von Moritz Rinke.

Heute Mittag, als ich mich so freute, daß das Stück am Abend nun endlich so richtig beim Stuttgarter Publikum ankommt, erreichte mich die Nachricht.Ortrud Beginnen ist gestern Nacht gestorben.

Ich weiß noch genau: Im Juni vor zwei Jahren saß ich mitten in der Nacht in Mannheim im Büro des Theaters und hörte meinen Anrufbeantworter ab.Ich kann ihre Stimme nicht beschreiben, aber das allererste, was sie sagte, war dies: "Guten Tag.Ich habe Sie erkannt.Ich werde dein Stück inszenieren.Und es wird mein Debüt." Dann sprang die Sicherung raus und es war stockdunkel im Theater.

Heute, den ganzen Tag, habe ich in Berlin die alten Bänder abgehört, um ihre Stimme wiederzufinden.

Ortrud Beginnen.

Gehört hatte ich so viel von ihr, aber gesehen habe ich sie das erste Mal hier auf dieser Bühne als Maria Callas.

Mein Gott, was für eine tolle Frau! Ich meine natürlich nicht Maria Callas, sondern sie, diese unglaubliche Schauspielerin.Ihre Direktheit, ihr Witz, ihre Poesie, ihre Schönheit, ihr Lachen und all die Geschichten, die sie uns jungen Leuten erzählte.Wo sollen wir sie jetzt suchen?

Im März wollte sie auf dieser Bühne den "grauen Engel" spielen.Und ich war so stolz, daß sie dieses Stück, mein erstes, spielen will.Am Telefon erzählte sie vor vier Wochen, sie könne jetzt den Text fast auswendig, und mitten hinein in meine Freude sagte sie: "Man muß mit sauberen Händen und ohne Rolle beim Tod ankommen." Dieser Satz steht auch im Stück, kurz vor dem Schluß, als der kranke Engel entscheidet, dem Ende ganz leicht entgegenzugehen.

Zur Premiere vor zwei Wochen schickten sie und ihr Freund James Lyons ein Fax.Es hängt hier gleich an der Seite beim Inspizienten: Sie schrieb "Toi Toi Toi" und in einem Postskriptum: "Kann leider nicht kommen.Die Hose ist noch in der Reinigung."

Ja.Ohne sie und ihren Mitstreiter Andreas Beck wäre dieses Stück nie nach Stuttgart gekommen.Darum und nicht nur darum spielen wir heute für sie.

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