Kultur : Das Gefühl Pur

Durchschnittsmenschen, Durchschnittsmusik – keine Schmähung, sondern das Rezept der derzeit erfolgreichsten deutschen Band

Sven Goldmann[Halle/Westfalen]

Hartmut Engler senkt die Stimme: „Wir haben ein Problem.“ Das Publikum seufzt. Uuuh! Na klar, seit zwei Stunden stehen Engler und seine Kollegen von Pur schon auf der Bühne, es ist öffentliche Generalprobe, am nächsten Tag beginnt die Tournee. Zeit ins Bett zu gehen. „Aber das Gute ist“, jetzt hebt Engler die Stimme: „Wir haben eine Lösung dafür.“ Aaah! „Wir werden alle älter jeden Tag, aber wisst ihr: Das macht richtig viel Spaß!“ Jetzt jubeln sie unten vor der Bühne und oben in den Logen, ein paar tausend Feuerzeuge werden angeknipst, und Engler singt das Lied vom grauen Haar, das er bei sich entdeckt hat. Vor längerer Zeit übrigens schon.

Ja, sie werden immer älter bei Pur. Seit 25 Jahren stehen sie auf der Bühne, 25 Jahre Erfolg, und seit 25 Jahren rätseln die Kritiker: Wie machen die das?

Keine deutsche Band verkauft mehr CDs – bisher zwölf Millionen – , keine füllt so zuverlässig Säle, Hallen, Stadien wie die fünf Jugendfreunde aus der schwäbischen Provinz. Der Chef des Berliner Olympiastadions hat mal gesagt, es gebe nur zwei deutsche Künstler, die ihm ein ausverkauftes Haus garantierten – Grönemeyer und Pur. Die Rolling Stones, das am Rande, haben es im vergangenen Sommer nicht geschafft. Heute spielt die Band in der Berliner Max-Schmeling-Halle, und es wird wenig Luft zum Atmen sein.

Bei Wolfgang Petry schreien sich die Leute den „Wahnsinn!“ aus den Leibern, Jürgen Drews darf sich König von Mallorca nennen, weil er eine Masse im Ausnahmezustand in eben diesen Wahnsinn treibt. Pur dagegen kommen ohne Freundschaftsbändchen und Boulevardschlagzeilen aus. Pur sind pur. Das Auditorium weiß, was es bekommt: Arrangements, die keinen Millimeter vom Mainstream abweichen. Texte mit viel Gefühl und ohne jede Ironie.

Pur ist die Band einer schweigenden Mehrheit, hat Engler mal gesagt. Da ist was dran. Im Bekanntenkreis findet sich für gewöhnlich niemand, der zugibt, im Besitz einer Pur-CD zu sein. Das liegt auch an der öffentlichen Rezeption. In den vergangenen 20 Jahren ist keine deutsche Band regelmäßig so verrissen worden wie Pur. Im besten Fall. Der Normalfall heißt: totschweigen. Kein Feuilleton mag sich über Kompositionen wie „Abenteuerland“ oder „Wo sind all die Indianer hin“ Gedanken machen. „Lindenstraße des Pop“ ist noch eine der netteren Beleidigungen, die brutalste formuliert der Autor Wiglaf Droste: „Die Musik von Pur muss man sich vorstellen wie eine fremde, warme, feuchte Hand, die sich ungefragt auf deinen Oberschenkel legt.“

Es gibt viele Hände, die am Donnerstagabend feucht sind. Feucht vor Aufregung. Im westfälischen Halle zahlen 8000 Zuschauer Eintritt, um die Generalprobe für die Tournee zu verfolgen. Das Publikum ist ein wenig älter geworden, aber immer noch überraschend jung. Männer kommen eher selten. Angela Wieland teilt die Besucher eines Pur-Konzerts in zwei Gruppen ein: Fans und Begleiter. Es gibt nicht viele Begleiteter, man erkennt sie daran, dass sie bei den Pur-Klassikern auf ihren Bänken sitzen bleiben und nicht mitsingen. Angela Wielands Mann ist nicht mal Begleiter. „Der lehnt das total ab, aber da muss er durch. Er hat mich schließlich mit Pur kennengelernt.“

Angela Wieland ist 30 Jahre alt und Krankenschwester, eine blonde, hübsche Frau, die sich nicht so leicht über den Mund fahren lässt. Sie war 15, als sie ihr erstes Pur-Konzert sah. „Mein Partner aus dem Tanzkurs hat mich überredet, der war, wie Tänzer halt so sind, ein bisschen schwul angehaucht.“ Die Musik hat ihr gefallen, vor allem der Gesang. „Das war damals sehr ungewöhnlich, dass einer Deutsch singt. Es gab in den Liedern so viele Lebenssituation, in denen habe ich mich total wiedergefunden.“ Heute kennt sie alle Texte der Band auswendig, „na ja, fast alle, so 95 Prozent“.

Die Texte. Hartmut Engler schreibt sie, heute wie vor 25 Jahren. Engler ist 44 Jahre alt, er hat Anglistik und Germanistik studiert und wollte eigentlich Lehrer werden, aber das war damals schon ein schlecht bezahlter Job mit schlechtem Sozialprestige. Als Pur den ersten Plattenvertrag erhielt, brach er das Studium ab. Seitdem hält er seine Lektionen nicht im Klassenraum, sondern via Tonträger.

Das neue Album heißt „Es ist wie es ist“. Der Titel erinnert an eine berühmte Gedichtzeile von Erich Fried: „Es ist was es ist“. „Hab ich auch schon mal was von gehört“, sagt Engler, aber mit Fried habe er beim Komponieren nichts am Hut. „Da war diese Melodie, ba-bam-baba-bam, ich hab die Jungs gefragt: Passt das? Es ist, wie es ist?“ Es hat gepasst, so einfach ist das.

Engler singt von Glück und Kummer, Freundschaft und Trennung, auch gegen Fremdenfeindlichkeit, Kindesmissbrauch, Armut. Was einen halt so bewegt. Gerade erst haben Pur einen Song zum Wohl der SOS-Kinderdörfer veröffentlicht:

Wohinein ein Kind geboren wird

In welche Zeit in welches Land

Liegt in der Macht des Schicksals

Doch zu helfen, dass wir helfen

Liegt ganz allein, allein in unserer Hand

Auf den Videoleinwänden neben der Bühne sind dunkelhäutige Kinder zu sehen, die erst traurig in die Kamera schauen und dann begeistert den Daumen nach oben recken, als Engler und Kollegen zu Besuch nach Nigeria kommen. Es ist gar nicht so schwer, die Welt ein bisschen besser zu machen. In einem anderen Lied heißt es:

Ich find auf meinem Globus

so viel Flächen ohne Brot

und ehemals bunte Teile

färbt ein Blutstrom tödlich rot

Unfreiwillig komisch wird es, wenn Engler im bekanntesten Pur-Song „Abenteuerland“ dichtet:

Komm mit mir ins Abenteuerland

Der Eintritt kostet den Verstand

Das geht auf Kosten der Fans, aber die singen die Passage stets am lautesten mit. Andere Bands wären mit Zeilen wie Ich lieb mich in dir fest oder Ich tauch mich hinein in deinen Schoß längst auf dem Index gelandet. Engler kommt damit an. Gesellschaftsübergreifend.

Schon vor zehn Jahren sang er in „Freunde“: Und das ist gut so!, unüberhörbar am Ende jeder Strophe. Saß Klaus Wowereit damals im Publikum? Als die Band im Juni 2002 zur Final-Party der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach Yokohama eingeflogen wurde, staunten die Gäste, dass alle deutschen Spieler alle Pur-Songs mitsangen. Alltag bei Live-Auftritten.

Wenn Engler das Mikrofon wegnimmt, springt das Publikum ein, tausendfach und einstimmig und fast genauso laut wie er da vorn auf der Bühne. Die Kritik tut sich schwer damit, die breite Akzeptanz der puren Lyrik zu verstehen. Wiglaf Droste sagt: „Immerhin kann man Pur eins nicht nachsagen, nämlich, dass sie ihr Publikum intellektuell überfordern.“

Angela Wieland kennt solche Schmähungen. Es war nicht einfach für einen Pur-Fan in der Schule, viele haben sie als Dummchen beschimpft. „Pur haben schon immer polarisiert“, sagt sie. „In der Schule fand man sie entweder supergut oder total scheiße, also die meisten natürlich total scheiße. Dumme Sprüche mussten wir uns immer anhören.“ Ihr aber hat das ganze Umfeld gefallen, die große Pur-Familie. „Das ist ja keine Band, zu der man geht, weil man die Typen so toll findet. Da sind keine Mädels, die BHs auf die Bühne werfen und brüllen: Hartmut, ich will ein Kind von dir.“

Die Bühnenshow ist, nun ja, konventionell. Die Band-Mitglieder stehen zweieinhalb Stunden lang auf ihrem Platz, für die Show ist der Sänger zuständig. Hartmut Engler hat einen leichten Rundrücken und steht meist breitbeinig vor dem Publikum, er geht in die Knie und navigiert mit den Händen, so ungefähr, wie Joe Cocker das früher gemacht hat. Mit seiner Performance hätte er bei „Deutschland sucht den Superstar“ vielleicht nicht einmal die Vorrunde überstanden. In seinem Publikum gibt es mutmaßlich jede Menge besserer Tänzer und Bewegungstalente, und vielleicht lieben sie ihn genau deswegen so sehr. Engler ist einer von ihnen. Robbie Williams ist unendlich weit weg, aber einen wie Hartmut Engler könnte man im Supermarkt nebenan treffen und sich mit ihm auf ein Bier verabreden.

Engler hat das Image der Band geprägt. Er gibt sich so schwäbisch, wie Schwaben nur sein können: bescheiden, zurückhaltend, sparsam. Er trägt Jeans und keine Designeranzüge, meidet rote Teppiche und lebt immer noch daheim in Schwaben. Als er sich vor vier Jahren von seiner Frau trennte und mit einer Sängerin aus der Schweiz zusammenzog, beruhigte er seine irritierten Fans, indem er das private Drama in einen Song verarbeitete, gerichtet an seine beiden Söhne:

Ich weiß es geht Euch auch bei Mama wirklich prima

und Ihr könnt mit uns beiden richtig gut

wenn die Großen sich auch nicht mehr ganz so gut vertragen

bleibt, dass jeder für sich alles für Euch tut

Die Pur-Gemeinde empfindet das nicht als peinlich, sondern als authentisch. „So etwas gehört auch zum Leben“, sagt Angela Wieland. Die Bandmitglieder sind heute mehrheitlich geschieden, aber die meisten Fans kennen wie Angela „sowieso nur den Engler, vielleicht noch den Pianisten“, wie heißt er doch gleich, „Ingo Reichelt“?

Der Mann heißt Ingo Reidel und steht zu Unrecht im ewigen Schatten des Sängers. Wie Hartmut Engler für die Lyrik steht, so verantwortet Reidel den Sound der Band. Die „taz“ hat mal behauptet, Pur habe aus einer guten Melodie und tausend schlechten Texten Millionen gemacht. Vielleicht wären die Bietigheimer nie über den Status einer normalen Deutschrockband hinausgekommen, hätte Reidel zu Beginn der Erfolgsgeschichte nicht ein paar einprägsame Tonleitern komponiert. Die Melodien von „Abenteuerland“, „Lena“, oder „Hör gut zu“ entfalten eine Wirkung, der sich auch überzeugte Pur-Hasser schwer entziehen können. Keine genialen Kompositionen, nichts Überraschendes, wer die ersten Noten hört, weiß sofort, wie es weitergeht. Aber es sind Tonfolgen, die auch widerwillige Füße mitwippen lassen.

Man kennt das von Salzstangen oder Kartoffelchips. Wer einmal anfängt, kann nicht mehr aufhören. Der hohe Salzgehalt bindet die Speichelflüssigkeit, wir schlucken, die Röstaromen und Gewürze und Geschmacksverstärker ziehen neuen Speichel. Vielleicht hat Ingo Reidel das akustische Äquivalent dazu entdeckt: Eine Klangfolge, die sich unaufhaltsam ihren Weg bahnt ins vegetative Nervenzentrum und sich nicht mehr vertreiben lässt. Wenn die Pur-Fans bei Konzerten mitsingen, rezitieren sie nicht nur den Text perfekt, sie treffen auch jeden Ton.

Angela Wieland hört die Songs heute so gern wie vor 15 Jahren. Natürlich wird sie auf dieser Tournee wieder ins Konzert gehen. In die selbstverständlich ausverkaufte Kölnarena. 44 Euro kostet die Karte, das ist ein stolzer Preis für den ganz normalen Durchschnittsmenschen, den Pur bedienen will.

Das klingt banal und ist doch unsagbar schwierig: Wer gesteht sich schon selbst ein, dass er normal ist? Will nicht jeder etwas Besonderes sein? Bei Pur steht unausgesprochen im Raum: Wir nehmen euch ernst. Wir spielen eure Melodien und singen eure Texte. Wir sind, wie ihr seid. Vielleicht liegt hier das Geheimnis des Pur-Erfolges: einer breiten Masse das Gefühl zu geben, dass ihr als normal empfundenes Leben etwas Besonderes ist. Hartmut Engler hat das in einem Interview mit „Amica“ einmal so ausgedrückt: „Ich finde Normalität nicht schlimm, wenn man das Recht hätte, nicht normal zu sein, und aus bewusster Entscheidung normal ist. Wenn man normal ist, weil man nicht anders sein darf, dann ist Normalität schlimm.“

Als Referendar wäre Hartmut Engler mit dieser schwer verständlichen Textprobe vermutlich nicht so gut angekommen. Für Deutschlands kommerziell erfolgreichsten Popliterat aber gelten andere Kriterien.

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