Kultur : Das geheime Tagebuch

Aus dem Herzen des Wirtschaftswunders: Das Berliner Filmmuseum würdigt die deutsche Diva Hildegard Knef

jan Schulz-Ojala

Die Boulevardpresse war immer dabei. Und sie lieferte sich auch schon mal Schlachten um die Knef. So informierte die „Bild“ ihre Leser im März 1953 exklusiv über eine Romanze mit Gregory Peck, mit dem Hildegard Knef „Schnee am Kilimandscharo“ gedreht hatte – und nun sei der verliebte US-Star ihr auch noch nach Europa nachgereist. „Die Filmküsse waren echt!“, jubelte das Blatt, was die härter recherchierende Münchner Abendzeitung noch am selben Abend – „Filmküsse waren nicht echt“ – auflagesteigernd zu dementieren trachtete. Zwei Tage später brachte „Bild“, anderswo gilt so was als Journalistenschmach, eine zweispaltige Gegendarstellung – allerdings in Form eines elegant formulierten Knef-Briefs, abgesandt noch dazu in „Berlin, Hotel am Zoo“. Schon wieder exklusiv!

Rund 400 Mal in knapp 50 Jahren, weiß Ausstellungskuratorin Daniela Sannwald, war Knef „Bild“-Aufmacher, wahrscheinlich ewiger Star-Rekord – und „meistens positiv“. Ein Medienphänomen, vom „Spiegel“-Titel immerhin bereits in Nr. 19, erster Jahrgang („Ein Fräulein kommt aus der Mode“) bis zur allerherzlichst vereinnahmenden Würdigung in der „Berliner Morgenpost“Anfang Februar 2002. „Danke, Hilde!“ rief das Blatt, gewisslich stellvertretend für Millionen, der berlinischsten deutschen Diva ins Grab nach. Einem Menschen, der die Medien genutzt hatte von Anfang an und den die Medien, immer wieder auch mal schamlos, für ihre Zwecke ebenso nutzten. Eine win-win-situation fürs Leben, möchte man behaupten, und schon vor 50 Jahren sehr modern.

Nun wird diese stets diszipliniert öffentlich geführte Biografie noch einmal ins – gute – Licht gesetzt: Es ist ein deutsches Familienalbum, das das Berliner Filmmuseum mit der Ausstellung „Hildegard Knef – eine Künstlerin aus Deutschland“ aufblättert, vor ihrem 80. Geburtstag (28. Dezember) und drei Jahre nach der Erwerbung des Nachlasses. Es ist die Geschichte einer, die mit 19 Jahren nach Kriegsende durchstarten konnte, böse berauntes Buh-Mädchen zwar nach der kurzen Nacktszene in Willy Forsts „Sünderin“, die gleich drei Millionen Deutsche begafften, aber auch Identifikationsfigur: Da ließ eine nichts anbrennen auf dem Weg nach oben, da ging eine stellvertretend nach Hollywood, da kam 1947 Glamour in das kalte, kriegskaputte Land. Schon das erste Ausstellungsfoto zeigt „Hildchen“ überlebensgroß am Flughafen Tempelhof, im Hintergrund eine BEA-Propellermaschine. Da steht sie im schicken weißen Mantel und mit dunklen Lederhandschuhen: ein Mädchen von Welt.

Sie lebte, vom frühen Anlauf in den vierziger Jahren bis zur stillen Rückkehr nach Los Angeles in den Achtzigern, mit Unterbrechungen in den USA, hatte schon mit Mitte Zwanzig einen amerikanischen Pass – aber nie haben die Deutschen sie verstoßen wie etwa Marlene Dietrich, der sie anfangs nacheiferte und mit der sie dann befreundet war. Nie aber auch hat sie sich so scharf gegen die Deutschen gestellt – „Typus des deutschen Mädchens in Reinkultur“, wie sie schon 1943 die „Berlin-Film“ nach Probeaufnahmen beurteilt. Die Knef siedelte im Herzen der Wirtschaftswunder-Generation, und als sie 1955 mit dem Musical „Silk Stockings“ als „Hildegarde Neff“ endlich ihren Broadway-Durchbruch feierte, tönten die Glückwunschtelegramme aus tiefster Brust: „As one Berliner to the other: you were knorke!“

Klar, nüchtern, sorgfältig und zugleich warmherzig zeichnet die Ausstellung Knefs Lebensstationen nach – und lässt dabei jene kurze Phase, die sie postum noch einmal fast in die Boulevard-Schlagzeilen brachte, bewusst beiseite. Hat Hildegard Knef 1945 aus Karrieregründen ihren Ex-Nazi-Liebhaber an die Ami-Gegner verraten oder nicht? Dass damit eine nach Einspruch des Knef-Witwers Paul von Schell eingestampfte Knef-Biografie unlängst um Aufmerksamkeit trommelte, interessiert die Ausstellungsmacher nicht. „Keinerlei Belege“ habe man für die böse These gefunden – und was nicht belegbar ist, bleibt außen vor.

Und doch, der Schatz dieser so scheinbar extravertierten Biografie ist noch nicht gänzlich gehoben. So zeigt die Ausstellung hinter Glas ein Tagebuch aus den Jahren 1962 und 1963, das der Witwer in seiner Gesamtheit noch eifersüchtig auch vorm Forscher-Einblick hütet. „Ich finde mein tägliches Leben so füllend und wichtig“, lesen wir da in schwungvoll großer Handschrift auf der freigegebenen Seite, „dass ich mich fürchte, in der Vergangenheit, und sei es für Stunden, unterzutauchen.“

Das hat die Knef später, zum ersten Mal in ihrem „Geschenkten Gaul“, dem damals erfolgreichsten deutschen Weltbestseller, ausführlich getan. Und für ihr Leben, das in der Tiefe ruhelos und unsicher zwischen Schauspielen, Chansonschreiben- und singen, autobiografischer Literatur und sogar Malerei oszillierte, immer wieder Rede und Antwort gesucht. Die Vaterlose, die labile Ehefrau, die zeitweise Alkohol- und Medikamentensüchtige, die von Krebs Geschlagene trat in zahllosen Talkshows auf, als das Format diesen Namen noch gar nicht hatte, und stellte sich. Einmal, da war sie fast 60 und hatte alles bekommen, was ein Star-Leben so möglich macht, sagte ihr der Journalist Matthias Walden vor der Kamera einen ewigen Nachholbedarf an Zärtlichkeit auf den Kopf zu. Kurzes Nachdenken und dann ertönt die verraucht-verbrauchte, unvergessliche Stimme selbstmitleidlos: „Ja, das muss ich zugeben.“ Und Punkt.

Filmmuseum Berlin am Potsdamer Platz, bis 17. April, Di–So 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Katalog: „Hildegard Knef. Eine Künstlerin aus Deutschland“, Bertz + Fischer Verlag, 160 Seiten, 19,90 €. Ab 25. 12. zeigt das Arsenal eine Knef-Filmreihe.

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