Kultur : Das Geheimnis der 1002. Nacht

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Frederik Hanssen fordert die Privatisierung der schönsten Beine Berlins

Warum redet eigentlich keiner vom Friedrichstadtpalast? Seit Jahren wird der Berliner Haushalt nach Einsparpotenzialen umgekrempelt – doch der Vergnügungstempel an der Friedrichstraße taucht in keiner Giftliste auf. Das könnte sich ändern, wenn die Berliner SPD auf dem Landesparteitag im Mai endlich Ernst macht mit ihrer Privatisierungsoffensive. Denn wenn es im Berliner KulturPortfolio eine Institution gibt, die reelle Chancen hat, sich auf dem freien Freizeitmarkt zu behaupten, dann der Friedrichstadtpalast. Doch die Bühne gilt in der Hauptstadt als heilige Kuh – wenn auch als die mit den schönsten Beinen am Ort. Nach den 32 Mädels, die zum Höhepunkt jeder Show die „Pferdenummer“ machen, ist ja ganz Berlin verrückt. Für ehemalige DDR-Bürger gehört der Revue-Besuch immer noch zu den musts, und zumindest an Premierenabenden stimmt auch die alte Westberliner Filzelite ins heimliche Haus-Motto ein: Oh, frivol ist mir am Abend! Während fast alle Berliner Kulturinstitutionen, bis hin zu den Philharmonikern, 2002 Einnahmerückgänge hinnehmen mussten, verzeichnete der Palast 94 Prozent Auslastung: ein Plus von 22000 zahlenden Zuschauern.

Dass der Senat dennoch jährlich fast sieben Millionen Euro Subventionen an das Haus überweist, ist ein Unding in Zeiten, da zugesagte Zuwendungen für etablierte wie experimentelle Bühnen zurückgezogen und die Mittel für auswärtigen Kulturaustausch gnadenlos eingestrichen werden. Mit dem Geld vom Staat unterbietet der Friedrichstadtpalast seine auf eigenes Risiko wirtschaftende Konkurrenz: Am Samstag kostet das teuerste Ticket für die Revue „Wunderbar – die 2002. Nacht“ hier 57 Euro, während beispielsweise die Preise für das Musical „Cats“ bei 52 Euro gerade erst anfangen.

Dass in Europas größter Revuebühne Shows über die Bretter gehen, auf die man mitunter selbst in Las Vegas neidvoll blickt, ist unbestritten.Dass der Staat aber für markttaugliche Unterhaltung Steuergelder locker macht, ist nur als Subventionsmärchen noch komisch. Denn eigentlich ist der heutige Friedrichstadtpalast sowieso eine Fata Morgana. Der 1984 realisierte Entwurf war ursprünglich für ein Gebäude gedacht, das mit freundlicher Unterstützung der DDR in südöstlicheren Zonen entstehen sollte: als Kulturpalast – von Bagdad.

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