Kultur : Das Geheimnis der Schleckmuschel

Alle Welt ist verreist. Nur in den Parteizentralen herrscht Hochsaison. Heute: die

Harald Martenstein

Als einzige Parteizentrale spielt das Willy-Brandt-Haus eine Rolle im Kulturleben Berlins, wegen der Ausstellungen. Man kann auch Büros mieten, zur Zeit gibt es Leerstände. Oder man feiert im Großen Sitzungssaal eine Party. Vier Stunden SPD-Flair kosten 462 Euro.

Die SPD-Parteizentrale sieht wie ein Schiff aus. Ganz oben im Bug, 6. Stock, also da, wo in „Titanic“ Leonardo di Caprio „Ich bin der König der Welt!“ ruft, befindet sich der Präsidiumssaal. Direkt darunter: das Büro des Parteivorsitzenden. Dieses Arrangement soll politischinhaltlich an eine Kapitänsbrücke erinnern. Käptn Münte. 200 SPD-Matrosen arbeiten in der Wilhelmstraße 140. In den übrigen Büros arbeiten Anwälte, Architekten, Steuerberater und die Firma „Konzentration GmbH“. Außerdem befinden sich dort – ganz im Sinne Willy Brandts – eine Weinhandlung sowie der ImageShop, der SPD-Artikel vertreibt. Es gibt SPD-Kaffeetassen von der Arbeitsgemeinschaft kaffeetrinkender Frauen oder das Hartz-IV-feste SPD-Kondom von den Schwusos. Bis vor kurzem gab es auch echte Äpfel mit eingewachsener SPD-Aufschrift, gereift im Alten Land. Die Wahlkampfartikel kommen erst im August rein, unter anderem rote Silikonarmbänder mit der Aufschrift „Gerechtigkeit“ sowie SPD-Schleckmuscheln, was immer das sein mag. 156 Schleckmuscheln kosten 31 Euro. Auf der Schleckmuschel steht allerdings nicht „Gerechtigkeit“.

Außerdem kann man bei der SPD Reisen buchen, zum Beispiel eine Wolgakreuzfahrt, möglicherweise in Anspielung auf das gute Verhältnis zwischen Kanzler Schröder und seinem Freund Putin. Als Reiseführer tritt Bundesminister a. D. Karl Ravens in Erscheinung. Ob Manfred Stolpe und Heide Wieczorek-Zeul später auch mal als Reiseführer eingesetzt werden? Mit Vater Stolpe auf dem Pferdefuhrwerk mautfrei durch Masuren?

Wer das Willy-Brandt-Haus im Internet besucht, wird mit einer munteren Melodie empfangen, die an „Schmidtchen Schleicher“ erinnert, und erfährt, dass die Partei die SPD-Card eingeführt hat – aha, noch eine Reform! Mithilfe der SPD-Card können Sozialdemokraten Autos, Versicherungen und Kredite zu günstigen, nein: solidarischen Bedingungen erwerben. Wenn der deutsche Staat, der ja viele Schulden macht, SPD-Mitglied wäre, könnte er hier auch seine Kredite aufnehmen. Das wäre eine Art Kreislaufwirtschaft, denn die Zinsen würden wieder der SPD zufließen, die damit Arbeitsplätze für Apfelpflücker, Schleckmuschelfischer und Kondonarden oder Kondomolzen stiften könnte, oder wie auch immer sozialdemokratische Kondomhersteller sich nennen.

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