Kultur : Das Geheimnis der übermalten Mütze

„Rembrandt Rembrandt“: Das Frankfurter Städel zeigt 42 Gemälde des niederländischen Meisters – und fünf aus seinem Umkreis

Christian Huther

Die Japaner hätten zu gerne unter der Internetadresse „ www.rembrandt.com“ ; für ihre Ausstellung des Niederländers Rembrandt Harmensz. van Rijn (1606-1669) geworben. Doch die beanspruchte schon eine kalifornische Zahnpastafirma. Also wollten sie auch den schlichten Ausstellungstitel nicht mehr und verdoppelten ihn. Seit Freitag ist „Rembrandt Rembrandt“ nun leicht verändert im Frankfurter Städel zu sehen. Das verdankt man der Städel-Ausleihe von Werken des Rembrandt-Zeitgenossen Jan Vermeer vor drei Jahren an die Japaner. Die Frankfurter hoffen nun, bei Kosten von 2,4 Millionen Euro, auch auf 300000 Besucher wie in Kyoto. Immerhin handelt es sich um die größte deutsche Rembrandt-Ausstellung seit der Berliner Schau 1991.

Die letzte Schau über den großen Barockkünstler vor einem Jahr in Kassel hatte sich auf das Frühwerk konzentriert. Allerdings treten in Frankfurt die drei Museen mit dem umfangreichsten Rembrandt-Besitz - nämlich Amsterdam, London und Berlin - fast gar nicht mit Leihgaben auf; dafür verlegte sich das Städel auf selten zu sehende Werke aus den großen Museen der Welt. 47 Gemälde sind in der Städel-Halle über zwei Etagen chronologisch gehängt; 42 Bilder aus des Meisters Hand und fünf aus seinem Umkreis. Denn Rembrandt änderte seinen Stil manchmal von einer auf die andere Minute, vom feinen zum groben Malstrich. Das macht heute die Zuschreibung schwierig. Von einst 1000 Rembrandt-Bildern gelten noch etwa 250 als gesichert.

Wechselhafte Einordnungen erlebte auch das „Selbstportrait mit Halsberge“ von 1629, das in zwei Varianten in Nürnberg und Den Haag existiert. Beide können jetzt im Städel dank punktgenauer Beleuchtung gut miteinander verglichen werden. Das Nürnberger Bild galt wegen seiner verschatteten Malweise lange als Kopie, das Haager Bild wegen seines klaren Pinselstriches als Original. Erst kürzlich erkannte man, dass es sich umgekehrt verhält. Der Ausstellungstitel mit dem doppelten Rembrandt-Namen passt also durchaus zum Nebeneinander von Original und Kopie. Trotz dieser teilweise diffizilen Vergleiche richtet sich die Städel-Schau an das breite Publikum, sie will Rembrandts Leben und Werk nachvollziehbar werden lassen. Sie feiert zwar vor grauen Stellwänden mit starken Lichtkegeln das einzelne Werk, hält sich dabei aber an die Biografie und verzichtet auf alle Legenden, die sich um sein Verhältnis zu Frauen und zum Geld ranken.

Den Auftakt bildet „Die Taufe des Kämmerers“ des 20-jährigen Künstlers. Einiges scheint noch ungelenk wie ein zu groß geratener Hund oder der schwebende Kopf eines Dieners. Doch wenig später ist von Unsicherheit nichts mehr zu spüren. Bereits beim „Alten Mann mit Turban“ (um 1627) konzentrierte sich Rembrandt auf das Psychologische seiner Sujets. Dabei spielte er mit dem Hell-Dunkel-Kontrast und den wunderbar aus dem Dunkel hervorleuchtenden Farben.

Neben diesen als „Tronien“ bezeichneten Charakterstudien malte er auch sich selbst, lachend oder weinend. Damit, meint Städel-Direktor Herbert Beck, habe er wesentlich zur Entwicklung der Individualität im 17. Jahrhundert beigetragen. Doch Rembrandts ganzes Spektrum wird an zwei großformatigen Bildern deutlich, die im Zentrum der Schau stehen. Die „Blendung Simsons“ von 1636 aus Städel-Besitz zeigt den Ehrgeiz des 30-Jährigen, sich an den großen Meistern seiner Zeit zu messen, vor allem an Rubens. Da war der aus Leiden stammende Rembrandt bereits erfolgreich in Amsterdam aufgetreten.

20 Jahre später widmete er sich wieder einer biblischen Erzählung, diesmal dem heute in Kassel beheimateten „Jakobssegen“. Allerdings ist die gewaltsame Szenerie einer ruhigen Komposition gewichen – mit subtiler Dramatik. Ein weiterer Höhepunkt der Schau ist das Bild der römischen Blumengöttin „Flora“ aus St. Petersburg (1634), das lange als Porträt von Rembrandts erster Frau Saskia galt. Mit zunehmendem Alter trug er die Farbe immer freier auf, als modelliere er ein Relief aus den Gesichtszügen. Auf seinem letzten Selbstbildnis aus dem Todesjahr 1669 stellte er sich mit einem eleganten Turban dar; Röntgenfotos indes belegen, dass er sich erst mit einer Malermütze präsentierte. Weshalb er zuletzt nicht als Künstler auftrat? Es wird wohl ein Geheimnis bleiben.

Städel, Frankfurt/Main, bis 11. Mai. Katalog 28 Euro.

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