Kultur : Das Geheimnis der Würzburger Reise

CHRISTOPH FUNKE

Von August bis Oktober 1800 hielt sich Heinrich von Kleist in Würzburg auf.Heinrich von Brockes, ein "inniger Freund, ...ein edler gebildeter Mann voll hohen Ernstes der Seele" (Varnhagen), begleitete ihn auf der kurzen Reise, die nach Wien führen sollte, aber in Berlin endete.Bis heute hat das Geheimnis um den Würzburger Aufenthalt des Dreiundzwanzigjährigen nicht gelüftet werden können.Was wollte Kleist in Würzburg? War er der "wirklich kranke" Gast des Stadt-Chirurgus Wirth, von dem in einem Ratsprotokoll berichtet wird? Hatte er eine diplomatische Mission zu erfüllen? Ließ er sich an den Geschlechtsorganen operieren? Handelte es sich um einen gut getarnten Spionage-Einsatz? Am 17.Oktober dieses Jahres gibt es ein Streitgespräch über das Geheimnis des dreimonatigen Aufenthaltes in Würzburg.Sieben Experten diskutieren in der Konzerthalle "Carl Philipp Emanuel Bach" in Frankfurt (Oder) ihre Hypothesen.Die Leitung hat Hans-Jochen Marquardt vom Kleist-Museum der Stadt.

Kleist-Museum? Das als "gesamtstaatlich bedeutsame Kultureinrichtung", also als "Leuchtturm" vom Bundesministerium des Innern geförderte Museum hat einen viel längeren Namen: "Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte e.V.".Und damit viele Aufgaben, für die das Haus, in dem es seit 1969 eine Heimat gefunden hat, viel zu klein ist.Aber dieses Haus hat seine Geschichte: Es wurde im Geburtsjahr Kleists, 1777, als Garnisonschulgebäude vom Frankfurter Bauinspektor Martin Friedrich Knoblauch im Auftrag des Prinzen Leopold von Braunschweig direkt am Oder-Ufer gebaut.Für Museumszwecke mußte es erst hergerichtet werden, und im vergangenen Jahr hätte nicht viel gefehlt, und es wäre vom Oderhochwasser weggespült worden.Das Erdgeschoß und die Magazine waren schon völlig geräumt, wenige Meter nur vom rückwärtigen Garten entfernt kam der Pegel zum Stehen.

Zur Zeit sind Handwerker im Haus.Das ist, fast immer, ein gutes Zeichen, auch wenn die Arbeit der Museumsleute dadurch beeinträchtigt wird.Und in der Tat sieht Direktor Hans-Jochen Marquardt, habilitierter Germanist mit Hochschul- und Auslandserfahrung, überraschend frohgemut in die Zukunft.Das von Bund, Land und Stadt gemeinsam finanzierte Museum wird grundlegend erneuert, in zwei Stufen.Im Erdgeschoß erhält der Veranstaltungsraum bis zum 14.September Eichendielen in Anlehnung an den historischen Zustand.Es folgt im nächsten Jahr nach der Abdichtung des Bauwerks die völlig neue Innenraumgestaltung, besonders des Eingangsbereiches.Von April bis August 1999 bleibt das Museum geschlossen, dann präsentiert es sich, zu den Kleist-Festtagen des nächsten Jahres, mit einer neuen Dauerausstellung.

Und das alles sind Abenteuer.Ohne die "Einwerbung von Drittmitteln", wie es heute heißt, wäre kaum ein Stein zu bewegen.Wobei das Bauen ja nur eine Nebenaufgabe ist.Doch Germanistik hin oder her - ohne organisatorisches Geschick und Fingerspitzengefühl in allen ökonomischen Fragen wäre Hans-Jochen Marquardt mit seinem Museum schnell am Ende.Wenn aber alles gelingt, die Bohlen im Boden, Putz und Farbe an der Decke und den Wänden sind, dann bleiben die inhaltlichen, die eigentlichen Aufgaben eines Literaturmuseums.Hans-Jochen Marquardt führt sein Haus als eine "Drehscheibe" aller mit der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte Heinrich von Kleists verbundenen Fragen und Erkenntnisse, als Bewahrer der Spuren, die vom Dichter geblieben sind, als Anreger und Beiträger zur internationalen Forschung.Das klingt gewichtig, hat aber einen durchaus sinnlichen Anspruch, meint die aufregende Vermittlung, ja "Inszenierung" eines großen dichterischen Werkes und eines kurzen Lebens, deren Rätsel noch längst nicht gelöst sind.Die neue Dauerausstellung, im August 1999, wird davon Zeugnis ablegen.

Das Museum müht sich deshalb um das Miteinander der Künste, besonders in thematisch vielgestaltigen Wechsel- und Sonderausstellungen.Dazu gehört die Teilnahme an Auktionen, der Erwerb von Handschriften, die freundschaftliche Beziehung zu Universitäten im In- und Ausland, der Kontakt zum benachbarten Polen.Kürzlich erst konnte ein 1911 von Max Slevogt geschaffenes Öl-Porträt "Heinrich von Kleist" erworben werden, das der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich war und zur Zeit restauriert wird.In der "inneren" Museumsarbeit (Konzerte, Lesungen und mehr) spielt jetzt die elektronische Erschließung der Bestände (etwa 30 000 Medieneinheiten, Bücherei mit 7000 Bänden) eine besonders wichtige Rolle.Im Internet ist das Museum bereits abrufbar, eine CD-ROM soll hergestellt werden - noch fehlen die dafür notwendigen, nicht unerheblichen finanziellen Mittel.

Zur wichtigen "äußeren" Museumsarbeit gehört die Mitwirkung an den jährlichen Kleist-Festtagen der Stadt Frankfurt (Oder), die Zusammenarbeit mit dem Kleist-Theater und anderen kulturellen Einrichtungen der Stadt.Das Frankfurter Kleist-Kolloquium (16./17.Oktober) mit namhaften Fachgelehrten mehrerer Kontinente steht während der diesjährigen Festtage unter dem Thema "Kleists Beitrag zur Ästhetik der Moderne".Zu hoffen bleibt, daß sich Frankfurt noch weit entschiedener als bisher als "Kleist-Stadt" begreift - es gibt viele ideenreiche Persönlichkeiten, viele Gemeinschaften in der sich oft noch immer "am Rande" fühlenden Stadt, die wie Hans-Jochen Marquardt und seine Mitarbeiter im Kleist-Museum zu wirkungs- und phantasievoller, zu unermüdlicher Arbeit nicht zuletzt für das Ansehen der Stadt bereit sind.

Kleist-Forschungs- und Gedenkstätte Frankfurt (Oder), Faberstraße 7, geöffnet Dienstag und Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch von 10 bis 20 Uhr.

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