Kultur : Das Geheimnis der Zeichen - Züricher Ausstellung über das achte Weltwunder

Matthias Mochner

Sie sind bis zu über viertausend Quadratmeter groß und nur aus der Vogelperspektive sichtbar: riesige Wüstenzeichnungen von Kolibris, Füchsen, Kondoren und Mischwesen, überlagert durch geometrische Muster wie Spiralen, Zickzackformen, Dreiecke, Trapeze oder kilometerlange, gerade Linien. Im extrem trockenen Süden von Peru gelegen, gelten die sogenannten Nasca-Linien als achtes Weltwunder. Pampa, "weite Fläche", nennen die Einheimischen diese einsame Wüstenlandschaft, in der Niederschläge kaum messbar sind (0-25 Millimeter pro Jahr). 1995 wurden die erstmals in den 1920er Jahren zufällig von Piloten über die Anden entdeckten Linien der Nasca-Kultur (200 vor Christus bis 600 nach Christus) als Weltkulturerbe unter Unesco-Schutz gestellt.

Wer jedoch stellte diese Linien her? Was veranlasste Menschen dazu, Tonnen von Gestein zu entfernen, um derartige Zeichnungen mit gigantischen Linien auf dem Erdboden zu schaffen? Welchen Sinn und welche Funktion hatten diese Bilder? Die sogenannten "Geoglyphen", das merkwürdigste Bilderbuch der Welt, bergen noch viele ungelöste Fragen.

Die Spekulationen über die Zeichen in der subtropischen peruanischen Wüstenzone (jährliche Durchschnittstemperatur 21 Grad Celsius) sind vielfältig: Landebahnen für Außerirdische sieht der Berufsspintisierer Erich von Däniken in ihnen, die Mathematikerin Maria Reiche erforschte, was für sie astronomische Beobachtungsorte à la Stonehenge und Newgrange sind: riesige landwirtschaftliche Kalender. Vielleicht sind die Linien auch das größte Astronomiebuch der Welt, wie Paul Kosok meinte. Am plausibelsten erscheint die Interpretation, die sie als begehbare Ritualorte und Kultplätze oder Straßen bezeichnet, vergleichbar den entsprechenden Anlagen der benachbarten Inka-Kultur (Anthony F. Aveni). Den Studien David Johnsons zufolge handelt es sich bei den Nasca-Linien - sehr praktisch gesehen - auch um Markierungen für unterirdische Wasservorkommen. Ob das Rätsel um die Zeichen in der Pampa allerdings jemals gelöst wird, ist offen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung "Nasca - Geheimnisvolle Zeichen im Alten Peru" im Zürcher Museum Rietberg stehen die Fakten archäologischer Forschung sowie - davon abgeleitet - neue Theorien zum Nasca-Problem. Rund 235 Objekte dokumentieren den Stand internationaler Nasca-Forschung. Zu sehen sind überwiegend keramische Funde, wenige Goldbleche sowie - aufgrund der hervorragenden Konservierung in der Wüste - auch knapp 30 Textilfragmente.

Aus der abstrakt geometrisierenden Ornamentik, der dynamischen Farbigkeit sowie der Formensprache dieser Gegenstände - Schalen, Figurengefäße, Mumien- und Tonmasken, bemalte Ponchos, Totentücher, Goldschmuck, Taschen, Federponchos oder Kopfbedeckungen - spricht enorme Kraft. Manchmal weckt die Schönheit der in bis zu zwölf Farben bemalten keramischen Objekte beim Betrachter Assoziationen zur religiösen Malerei eines Alexeij von Jawlensky im 20. Jahrhundert. Man "vergleiche" etwa den Becher in Gestalt eines Trophäenkopfes mit den Christusbildnissen des Russen.

Eines der ersten Rätsel der Nasca-Kultur löste Max Uhle, noch bevor diese Kultur im Jahre 1912 ihren Namen nach der heutigen Stadt Nasca bekam. Der Mitarbeiter am Berliner Museum für Völkerkunde war der erste, der im Jahre 1901 Ausgrabungen im Nasca-Gebiet durchführte, 31 Gräber dokumentierte und das Herkunftsgebiet der zahlreichen im Kunsthandel zirkulierender Keramiken bestimmte.Museum Rietberg, Zürich, bis 3. Oktober; Katalog 58 Franken.

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