Kultur : Das Geheimnis des Jägers

Angst schafft ihre eigene Lust: Der Serienkiller von Washington, die deutsche Seele und neue, uralte Szenarien der Bedrohung

Thomas Lackmann

Gott hat olivenfarbene Haut. Gott ist bretonischer Kadettenschüler. Gott fährt einen Lieferwagen. Gott hinterlässt am Tatort Spielkarten. Gott ist ein weißer Scharfschütze. Gott ist ein Al-Qaida-Terrorist. Gott arbeitet vorzugsweise an Werktagen. Gott ist ein frustrierter CIA-Agent. Gott tötet mit einem Schuss. Gott wählt seine Opfer nach einem scheinbaren Zufallsprinzip. Gott ist ein israelischer oder palästinensischer Extremist, der den Bürgern rund um Washington die Lebensbedingungen während der zweiten Intifada demonstriert. Gott ist ein Verrückter. Gott ist ein Ideologe, der aller Welt die Unsicherheit der Supermacht in ihrer eigenen Hauptstadt vorführt. Gott telefoniert, ist allerdings schwer zu verstehen.

Natürlich wird jenes höhere Wesen, das wir verehren, im Großraum Washington D.C., wo Ermittlungen gegen den Heckenschützen, der zehn Menschen getötet hat, auf Hochtouren laufen, nicht per Phantombild gesucht. Doch die geschichtstheologische Konstruktion von einem Gott, der als Rächer, Vernichter, Killer agiert, ist selbst unserer säkularen Gesellschaft nicht ganz abhanden gekommen: die Vorstellung von sehr menschlichen Terminator-Eigenschaften, so genannten anthropomorphen Zügen eines höchsten Wesens, das per Bluttat und Naturentfesselung seine moraldarwinistische Ordnungspolitik exekutiert. Der Gott der Bibel benutzte militärische Massaker, Seuchen und physikalische Tricks zur Durchsetzung seines Heilsplans: um Feinde zu eliminieren und sündige Gläubige zu strafen. Im ersten Buch des Alten Testaments wird der Schöpfer sogar, nachdem er aus Zorn auf seine missratene Schöpfung fast alle Kreaturen hat ersäufen müssen, als Killer dargestellt, der sich nun aber auf Verhandlungen einlässt: „Ich stelle meinen Bogen in die Wolken“ , heißt es am Ende der Sintflut-Erzählung. Der große Jäger will seine Menschheit künftig nicht mehr abschießen! Er bietet ihr einen Bund an, stiftet zum Zeichen dieser Versöhnungschance den Regenbogen: ein Angebot, das im Bodensatz des kollektiven Unbewussten wohl weniger präsent ist als die sehr viel leichter auszulösende schuldbewusste Angst vor irgendeinem übermächtigen Bestrafungsprojekt.

Denn sobald unentrinnbare Schicksalsschläge und apokalyptische Fantasien am medialen Horizont Realität annehmen, wächst (jenseits vernünftiger polizeilicher Suche nach Täterprofilen) in der globalen Mediengemeinde die furchtsame Lust an der irrationalen Projektion. So erhält auch der rätselhafte Anonymus von Washington alle erdenklichen Attribute aus dem Paranoia-Arsenal. Sein Bogen hängt mitnichten in den Wolken: Dieser Killer könnte jeden treffen.

Könnte er das? Welcher Killer will uns treffen, in diesem Land? Seit gut einem Jahr hat in Deutschland das Alltagsleben mit „hochspannenden“ Bedrohungs-Szenarien eine auffällige Eigendynamik entfaltet, die sich weder durch die Ereignisse selbst erklären lässt noch mit der Expansion perfektionierter Berichterstattung. Wohlgemerkt: Die Rede ist von Deutschland. Nicht von New York oder von Afghanistan. Die Bereitschaft, ferne Szenarien als eigene Gefahr mitzuerleben, sie als Thriller-Warnung von irgendwo in die eigene Situation hineinzuimaginieren, nimmt zu. Sobald freilich der emotionale Grad der Teilhabe sinkt, wird die Bedrohung schon nicht mehr als solche erkannt.

Das Schul-Massaker von Erfurt ist, seitdem es psychologisch analysiert, der Aura des unerklärlichen Verhängnisses somit scheinbar entzogen und gesetzgeberisch darauf reagiert wurde, vergessen. Den „11. September“ hat man, solange er bildmächtig im Pantoffelkino stattfand, als globale Attacke auf den eigenen Lebensstil, ja auch schuldbewusst als Vergeltungsaktion gegen die Sünden des Westens interpretiert; diese Wahrnehmung verdampfte, nachdem die Glotze im Schlafzimmer wieder abgebaut war, mit dem Nachlassen der optischen Schrecksignale. Die mitteleuropäische Sintflut wiederum, von der wenige Regionen direkt betroffen waren, erreichte vergleichsweise trockene Gegenden zwar als Bußpredigt: Das droht uns allen, falls wir nicht ökologisch umkehren! Aber der Regenbogen „danach“ hing schief: Gute Vorsätze? An diese Flut vor wenigen Wochen können jene, die verschont blieben, sich kaum noch erinnern. In irgendwelchen Ausschüssen wird gewiss schon an der Lösung der Probleme gearbeitet werden.

„Irgendwo, hoch über dem Regenbogen, ist ein Land, von dem ich im Wiegenlied gehört habe. Dort ist der Himmel blau und die Träume, die du zu träumen wagst, werden wahr.Eines Tages werde ich auf einem Stern erwachen und die Wolken sind weit hinter mir: dort, wo alle Sorgen schmelzen wie Zitronendrops. Irgendwo, jenseits des Regenbogens. Eines Tages wache ich dort auf und reibe meine Augen...“ Judy Garlands Utopie-Hymne von Hollywood kündet nicht nur von der Märchenhoffnung, alle Konflikte könnten sich von selbst auflösen, so wie sie einmal, aus mehr oder weniger heiterem Himmel, entstanden sein mögen. Das berühmte Lied besingt auch den Konfliktlösungstraum jener so genannten Regenbogengesellschaft, in der alle schwierigen Verschiedenheiten als gegenseitige Ergänzung funktionieren, in der mörderische Verteilungsprobleme und traumatische Verletzungen harmonisch aufgehoben sind: Die Traumfabrik versöhnt mit der „Realitätserfahrung“ einer Chaos-Welt, welche nur richtig real erscheint, solange sie ihren Zuschauer schockt und fasziniert.

In der realen Realität funktioniert diese Regenbogenvision bekanntermaßen nicht. Verteilungskämpfe müssten auch in einer gerechten Welt ausgetragen werden; Konfliktlösung gehört zu jeder Art des Zusammenlebens, ergibt sich aber selten auf dem Verordnungswege, ist ein Ergebnis detaillierten Engagements. Das miese Gewissen sensibler Menschen im Westen nach dem „11. September“ mag auch damit zusammenhängen, dass sie als Medienkunden aus der Omnipotenzperspektive stetig diverse Weltuntergänge an sich vorbeiziehen lassen, ohne eingreifen zu können. Wir sind passive Zuschauergötter, die alles beobachten, aber nichts an jenen Verhältnissen ändern, die sie (im weitesten Sinne) verursacht haben: „unbewegte Beweger“, wie die Deisten des 17. Jahrhundert ihr ketzerisches Gottesbild definierten.

Der Killer des Schicksals, der „uns“ in einem künftigen Horrorfilm – unentrinnbar – nach dem Leben trachtet, ist ein aktives Ungeheuer. Die postive Idee von einem aktiven höchsten Wesen, das sich leidenschaftlich einmischt in die Welt des Verbrechens, ist dagegen der postchristlichen Gesellschaft kaum nachvollziehbar. „Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken in allen Stücken dem Himmel gleiche geht! Daran, nachdem die Wasserwogen von unsrer Sündflut sich vollzogen, der allerschönste Regenbogen als Gottes Gnadenzeichen steht.“ Solch eine Arie (aus Bachs Johannespassion) geht jeder aktuellen Lesart gegen den Strich. Der Passionsdichter besingt im Sinne mittelalterlicher Vergeltungsregeln, wie Schuld nur durch Bestrafung gutgemacht werden kann: Auf dem Rücken des gefolterten Gottessohnes erscheint der Versöhnungsregenbogen. Die Moral – Konflikte lösen sich nur, wo einer konkret bezahlt – ist nachvollziehbar, der sadistisch-masochistische Selbstopfer-Plot kaum. Genauso fremd ist für heutige Welt-Zuschauer die barocke Poesie der Nahaufnahme: Ihre Aufforderung zur gläubigen Identifikation entspringt einer Epoche, in der Mitteleuropäer häufiger blutige Rücken live zu sehen bekamen, als das gegenwärtig der Fall ist. Heute wird der allerletzte Voyeurs-Zoom auf ein individuelles Leid aus gutem Grund eher unterlassen: Weil die Zuschauer wohl wissen, dass ihre Betroffenheit nur geliehen ist.

Dass US-Bürger rund um Washington derzeit Angst haben auszugehen, ist verständlich. Doch auch in anderen Regionen übertrifft die TV-Sehbeteiligung bereits die Quoten des „11. September“. Nach Berlin wird der Heckenschütze von Washington sich kaum verirren, aber – wenn nun ein hiesiger Trittbrettfahrer... In unser lokales Obsessionsprogramm ist dieser akute thrill (bis zum nächsten Programmwechsel) eingebaut. Es mag manche Gründe geben, Angst zu haben; der sniper an seinem distanzierten Zielfernrohr gibt ihr ein Drehbuch. Als Autor ist er dabei für uns auswechselbar. Er symbolisiert die Angst vor dem Einbruch unkontrollierbarer Realität in das göttergleiche Käseglockenplanetarium unserer Fernbedienung. Doch fast genauso erschreckend wie der Verlust dieser teilnahmsvoll-sicheren Distanz wäre ein Leben ohne den thrill, der heute „die Welt“ bewegt: die Furcht vor dem Nichts ohne Spannungsbogen, der horror vacui.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben