• Das gemeinsame Gedächtnis Ekaterina Genieva, Hüterin ausländischer Literatur in Moskau, erhält in Berlin den Max Herrmann-Preis

Kultur : Das gemeinsame Gedächtnis Ekaterina Genieva, Hüterin ausländischer Literatur in Moskau, erhält in Berlin den Max Herrmann-Preis

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Wer war Max Herrmann? Die Frage rührt, alle Jahre wieder, an ein schmerzhaftes Kapitel unserer Vergangenheit, sehr geeignet zur Vertiefung unseres Geschichts und Gegenwartsbewusstseins. Begründer der Theaterwissenschaft an der alten Berliner Universität, Bücher-Liebhaber, wurde Herrmann zum Opfer des Dritten Reiches: als Jude 1933 entlassen, gedemütigt, nach Theresienstadt verbracht, wo er 1942 starb. Nach ihm ist der Preis genannt, der jährlich am 10.Mai, dem Tag der Bücherverbrennung, vom Verein der Freunde der Staatsbibliothek verliehen wird. Den Gelehrten von der Nutzung dieses Hauses auszuschließen, war eine der letzten Schikanen, die das System einem deutschen Wissenschaftler zufügte.

Die diesjährige Verleihung - wegen der Einweihung des Holocaust-Mahnmals auf den Mittwochabend verlegt - gab dem Preis einen neuen Akzent. Denn mit der Preisträgerin, Ekaterina Genieva, Direktorin der Allrussischen Staatlichen Bibliothek für ausländische Literatur in Moskau, wurde zwangsläufig die leidige Frage der Beutekunst zum Thema - und wie man anders, vernünftig mit ihr umgehen kann. Frau Genieva habe schon zu Beginn der Neunzigerjahre, so Laudator Hans-Dieter Lehmann, Präsident der Preußen-Stiftung, „klar und eindeutig für Rückgabe“ Stellung bezogen, weil Bibliotheken „nur im Kontext wirksam sind und nicht als Trophäen taugten“. Kein zäher, eigensüchtiger Diskurs über Besitzrechte also: vielmehr ein Bekenntnis zur Rolle der Bibliotheken als, so Lehmann, „geistigem Gedächtnis“.

Überhaupt wuchs der Abend im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek über den Anlass hinaus. Er wurde zu einer Bekundung von Freundschaft und Versöhnung. Auch dank Kathinka Dittrich, einst Chefin des Goethe-Instituts in Moskau, die, gleichsam als Co-Laudatorin, das Bild dieser engagierten Frau zeichnete. Vor allem aber wegen der Preisträgerin selbst, die in ihren Dankesworten eine große, fühlende Seele offenbarte. Rdh.

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