Kultur : Das Genie am Schreibtisch

Jörg Königsdorf

Gerade Anfang Juli, anlässlich seines 80. Geburtstags, hat es wieder Porträts und Ehrungen zuhauf gegeben, in denen Hans Werner Henze zum Säulenheiligen der zeitgenössischen Musik kanonisiert wurde. Die schönste Henze-Charakterisierung ist allerdings etwas älter: In seinem vor sechs Jahren erschienenen Roman „Tristanakkord“ beschreibt Henzes ehemaliger Librettist Hans-Ulrich Treichel seine Erfahrungen mit Henze, der in dem Buch unter dem Namen „Bergmann“ auftritt. Wie der Name schon andeutet, ist dieser Bergmann kein hoch fliegender Fantast, sondern ein disziplinierter Arbeiter.

Das Genie blüht nur am Schreibtisch auf, im Kontakt mit seinen Mitmenschen zeigt er eher menschliche Schwächen wie den Kleinkrieg mit seinem ärgsten Konkurrenten um den Titel des größten lebenden deutschen Komponisten. Der Konkurrent ist natürlich Karlheinz Stockhausen , und tatsächlich böte die Konfrontation der beiden Stoff für ein grandioses Theaterstück oder eine Oper. Auf der einen Seite Stockhausen, der durchgeknallte Esoteriker, der mit seinem „Licht“-Zyklus schon von den Dimensionen her das moderne Pendant zu Wagners „Ring“ geschaffen hat und Musik für Helikopter schreibt. Und auf der anderen Seite eben Henze, in allem das Gegenteil dieses gigantomanen Visionärs.

Henze ist längst ein Klassiker, auch bei young-euro.classic im Konzerthaus hat der Altmeister seinen Platz: Heute spielt das Symphonieorchester des Konservatoriums Schanghai seine zweite Streichersonate, am Mittwoch stellt das Rias-Jugendorchester die nächtlich stimmungsvolle erste Sinfonie und das 1966 entstandene Doppelkonzert zwei Mozart-Werken gegenüber. Am 31. August gibt es, konzertant in der Philharmonie , sogar eine ganze Henze-Oper: das 1980 in Berlin uraufgeführte „Verratene Meer“ mit einem Text Treichels. Aufgeführt wird das Werk allerdings in einer japanischen Neufassung. Aber vielleicht ist das ja die subtile Rache des Herrn Bergmann an seinem ehemaligen Librettisten.

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