Kultur : Das Genie der vier Saiten

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Die Stücke der englischen Popband The Who haben ein spezifisches Erkennungsmerkmal: Sie dröhnen. Bei „I Can See For Miles“ dauert es eine halbe Minute, bis sich der Gesang aus Tieffrequenzrauschen und Krachsplittern erhebt. „My Generation“ - die Jahrhunderthymne über das Recht, für immer jung zu sein - besteht fast nur aus Basstönen. Und selbst bei einer Ballade wie „I’m Free“ tun sich unter der Lieblichkeit von Backgroundchören und Klavierakkorden düstere Abgründe auf. Pete Townshend und Roger Daltrey, der exaltierte Gitarrist und der lockenköpfige Sänger, waren die Stars der Who.

Aber das eigentliche Genie der Gruppe war wohl John Entwistle, der Mann am Bass. Die vier Saiten seines Instruments versetzte er in nie gehörte Schwingungen, er war ein Virtuose des Minimalen. Andere Bands sangen vom „Street Fighting Man“, bei The Who schien die Rebellion direkt in der Musik zu stecken. Es war, als ob in ihren mit postpubertärer Wut aufgeladenen Songs die Elemente miteinander kämpfen würden. Am Donnerstag ist Entwistle tot in einem Hotelzimmer in Las Vegas gefunden worden. Der Bassist wurde 57 Jahre alt, vermutlich war er im Schlaf einem Herzinfarkt erlegen.

Entwistle, 1944 im Londoner Stadtteil Chiswick geboren, hatte French Horn und Musiktheorie studiert und als Steuerbeamter gearbeitet, bevor seine Rockkarriere begann. Townshend und Daltrey traf er in einem Jugendklub in Shepherd’s Bush, ihre Band hieß zunächst „The Detours“. 1964 stieß Keith Moon als Schlagzeuger zu ihnen, sich „The Who“ zu nennen, war ursprünglich als Tresenscherz gemeint. Ein Jahr später katapultierte „My Generation“ das Quartett ins Rampenlicht. Fortan kultivierten die Who das Image einer Garagenband, die eher zufällig in die Charts hineingeraten war. Doch aller Simplizität zum Trotz waren ihre Stücke immer auch clever konstruierte Kunstwerke. The Who waren die erste Beatband, die Lärmcollagen aus elektronischen Rückkoppelungen formte, dass sie am Ende ihrer Auftritte regelmäßig ihre Instrumente zertrümmerten war Teil ihres Bühnen-Expressionismus.

Entwistle kam bei den Liveshows die für einen Bassisten übliche Rolle einer Nebenfigur zu. Während er stoisch seinen Bass bediente, schien er wie versunken in der eigenen Musik. „Mein Spiel ist oft reine Improvisation“, hat er gesagt. Als Songwriter stand er stets im Schatten von Townshend. Seine Kompositionen hießen „Boris The Spider“ oder „Dr. Jekyll & Mr Hyde“ und waren die Pubrockversionen britischer Bildungstraditionen. In „Whiskey Man“ besang er den Abstieg eines trinkenden Arbeiters in die Psychatrie. Keith Moon, der charismatische Schlagzeuger, starb 1978 den Drogentod. Jetzt folgt Entwistle, sein Rhythmus-Partner, ihm ins Rock-Nirvana. Die Mods werden Trauer tragen. Christian Schröder

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