Kultur : Das Gesetz der E-Kultur

Steffen Richter über den Kreislauf des Geldes

Steffen Richter

Niemand entgeht seinem Diktat – weder die neue Bundesregierung noch Friedhelm Funkel, selbst Schriftsteller: „Erfolg“, das ist eine Schlüsselvokabel der Gegenwart. Was Erfolg im kulturellen Sektor ausmacht, ist allerdings nicht ganz klar. Und ist er wünschenswert? Meist heißt es nämlich, eine Zielvorgabe zu erfüllen. Sagen wir die Halbierung der Arbeitslosenzahl in einer Legislaturperiode, der Klassenerhalt oder dreitausend verkaufte Exemplare eines Debütromans. Letzteres ist fatal, weil Verkaufszahlen bekanntlich nur bedingt über Qualitäten informieren. Umgekehrt könnte man den Erfolg zu kaufen versuchen. Etwa mit einem aufgestockten Werbebudget. Dennoch: Die Kunst muss Geld einspielen. Denn Kunst kostet Geld, erfolglose Kunst aber gilt als rausgeschmissenes Geld.

Höchste Zeit, dass mal jemand ernsthaft fragt, was um alles in der Welt Kunst mit Erfolg zu tun hat. Die Journalistin Imke Elliesen-Kliefoth hat genau das getan. Dabei sind 17 Gespräche mit Schriftstellern, Musikern oder Malern entstanden, darunter Jenny Erpenbeck, Diedrich Diederichsen, Isolde Ohlbaum oder Markus Lüpertz. Gesammelt ist alles in dem Band „Bergauf beschleunigen“ (Ammann), den sie am 12.10. (20 Uhr) in Britta Gansebohms Salon im BKA-Theater vorstellt (Mehringdamm 34, Kreuzberg). Eine bittere Ironie liegt darin, dass der Ammann-Verlag für nächstes Jahr sein Ende angekündigt hat – nicht eben ein Zeichen des Erfolgs.

Ein Ergebnis des Abends dürfte jedenfalls ein geschärftes Misstrauen gegen alles Gelungene sein. Im Nichtgelungenen liegt vermutlich ohnehin mehr Beunruhigungspotenzial, das neue Produktivität freisetzt. Folgt man dem Germanisten Hans Mayer, gilt das sogar für Goethe. Mayer hat einmal ein Buch mit dem Untertitel „Versuch über den Erfolg“ geschrieben, in dem er zeigt, dass Goethes Größe „weit eher an den Misserfolgen ablesbar ist“. Ob das auch für die grandiosen Wahlverwandtschaften gilt, deren 200. Geburtstag heute (20 Uhr 30) im Buchhändlerkeller gefeiert wird, sei dahingestellt (Carmerstr. 1, Charlottenburg).

Nicht zuletzt drängt sich aus aktuellem Anlass die Frage auf, was eine erfolgreiche Revolution ist. An der Akademie der Künste am Pariser Platz gibt es dazu am 9.10. (ab 18 Uhr) die Großveranstaltung „Wir treten aus unseren Rollen heraus“. Eine Menge erfolgreicher Schriftsteller kann man da erleben, von Volker Braun über Ingo Schulze bis Christoph Hein. Dass die DDR keine Erfolgsgeschichte war, steht fest. Aber ob die Protagonisten des Herbstes ’89 von einer erfolgreichen Revolution gesprochen hätten, wenn sie gewusst hätten, wie es heute aussieht?

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