Kultur : Das Gesetz des halben Scheiterns

Wettbewerb (2): In „Kong Que“ erzählt Gu Changwei von drei Geschwistern

Gregor Dotzauer

Wenn Menschen werden, wie sie nie werden wollten, weil sie bleiben, was sie sind, reicht das immer für einen Seufzer. Ach, diese Niederlagen auf halber Strecke, bilden sie nicht das kleinste gemeinsame Vielfache aller Schicksale zwischen Berlin und der chinesischen Provinz Henang? Gu Changweis Regiedebüt „Kong Que“ (Pfau), die Geschichte dreier Geschwister zu Anfang der Achtzigerjahre, probt die Einübung ins Unvermeidliche. Dass der Schmerz dabei nicht so richtig spürbar wird, liegt auch daran, dass die Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit immer mit der Genugtuung zusammenfällt, dass es anderen ja genauso geht. In der Kunst heißt so etwas, arg verkürzt gesagt, poetischer Realismus. Und Changwei weiß, wie man ihn heraufbeschwört.

In Zhang Jingchu, die die große Schwester spielt, hat er eine Darstellerin gefunden, die Stärke, Verschlossenheit und Eigensinn ideal verkörpert. Und als Kameramann, der in Peking zusammen mit Chen Kaige und Zhang Yimou, den Starregisseuren der so genannten Fünften Generation, studiert hat, besitzt er eine Geschmackssicherheit bei der Bild- und Lichtgestaltung, von der im Westen schon Robert Altman und Anthony Drazan profitierten. Jede Einstellung ist eine fotografische Trophäe, ohne gleich dem Postkartenismus zu verfallen – und jedes Sentiment gerade so weit hochgezogen, dass es nicht ins Süßliche kippt. Was macht „Peacock“ letztlich doch beliebig?

Es ist der Stoff der drei in ihrem kleinstädtischen Schicksal gefangenen Geschwister: der kapriziösen Schwester, die sich immer in die falschen Männer verliebt; ihres geistig zurückgebliebenes Bruders, ein Dickerchen, über das sich alle lustig machen; und des opportunistischen kleinen Bruders, der das Gespött nicht aushält und den Größeren verleugnet. Li Qiangs Drehbuch ist zu klein und zu privat in den aus der Rückschau erzählten Mikrodramen, die es aneinander reiht, und der Versuch, sie größer aussehen zu lasssen, bringt ihre harmlose Poesie erst recht zum Vorschein.

„Peacock“ ist ehrenwertes Qualitätskino, das sich inzwischen überall auf der Welt findet. Die Fahrradfahrerin im Kornfeld, der Blick in blinde Spiegel, der melancholische Akkordeonspieler, das Halbdunkel von Kühlhäusern: Nichts ist überraschend. Und die Zentralmetapher von „Peacock“, ein an einem Fahrrad befestigter Fallschirm, der sich beim Ziehen wie ein Pfauenrad öffnet, bedeutet offenbar: Fliegen müsste man können. Ach ja.

Heute, 12 Uhr und 18 Uhr (Urania); 22.30 Uhr (International)

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