Kultur : Das Gesetz des Originals

SIMONE MAHRENHOLZ

Warren Beatty hat einen produktiven Vorschlag für die Lösung des Rassismusproblems. Es gehe einfach so lange jeder mit jedem ins Bett, bis alle dieselbe Hautfarbe haben. Ungefähr von dieser Art ist der Geist des ganzen Films: geniale Flachsinn. Warren Beattys Geist schlägt Schneisen in die Probleme der Wirklichkeit, und neben diesen Schneisen wächst kein Gras mehr.

Wer ist Warren Beatty? War es nicht jener Schauspieler, der Woody Allen dereinst Diane Keaton ausgespannt hat und daher sehr von Nachteil für die weitere Filmgeschichte wurde? Er ist vor allem Produzent von 53 Filmen und Drehbuchautor von umstrittenen Kult-Werken wie "Heaven can wait" und "Shampoo". Mehrfach war er in Personalunion Hauptdarsteller, Autor, Produzent und Regisseur. So auch hier: Der 62jährige will mit "Bulworth" der Serie respektloser Präsidenten-Filme, die seit der Clinton-Ära vermehrt auf den Markt drängen, eine noch radikalere Version entgegensetzen: radikaler - vernichtender und alberner zugleich. Wobei Albernheit bei Beatty etwas Subversives ist, das die Auseinandersetzung mit Inhalten nicht ausschließt.

Sein Held ist Senator. Jay Billington Bulworth (Warren Beatty) befindet sich in der Vorwahlkampagne für die Präsidentenwahl 1996, in der er für die Wiederwahl in den Senat kandidiert. Die Quoten sind mies, Gegner und Wähler nehmen dem Ex-Liberalen seine konservative Kampagne nicht ab und er selbst kriegt Pickel, wenn er sein Wahlkampfvideo sieht. Seine Ehe ist bankrott, und in solcher Stimmung, seit Tagen ohne Schlaf und Nahrung, beschließt er sich umbringen zu lassen, nicht ohne vorherigen Abschluß einer hohen Lebensversicherung zugunsten seiner Tochter. Gedacht - getan, der Versicherungsdeal wird mit dem korrupten Lobbyisten Crocket (Paul Sorvino, Ex-Opernsänger und Vater von Mira Sorvino) abgeschlossen, und über einen Mittelsmann wird ein Killer engagiert, der während des letzten Wahlkampfwochenendes zuschlagen soll.

Erstmals seit langem kann Bulworth wieder gelassen in die Zukunft sehen. Also nimmt er bei seinen Wahlkampfauftritten in Kalifornien kein Blatt mehr vor den Mund. Vor einer schwarzen Gemeinde erklärt er, ihre Interessen gäben für die Politiker nichts anderes als werbewirksames Lokalkolorit ab und bringt damit seinen hyperaktiven Beraterstab (Oliver Platt, Joshua Malina) ins Rotieren. Im Publikum sitzt auch die junge Afro-Amerikanerin Nina (Halle Berry), mit ebenso coolem wie aufreizendem Wimpernschlag. Ohne sonderliche Verrenkungen des Drehbuchs landet Bulworth mit ihr und zwei ihrer Freundinnen in einem Nachtclub. Hier entdeckt er, die Nacht durchtanzend, sein Talent und Faible für den Rap. Fortan bringt er seine Messages in gereimter Form an die Öffentlichkeit, die Afro-Amerikanerinnen geben auf den Kundgebungen die rhythmische Rahmung dafür ab, und Bulworth dämmert langsam, daß es eine Freiheit gibt jenseits des Lebens, das er bis dahin führte. Entzückt neben der schmelzhäutigen Nina sitzend, die mit ihm intelligente und mithin erotisierende politische Gespräche führt, sucht er den Killer wieder abzusagen, nicht ahnend, daß seine Angebetete mit ihm zusammenarbeitet.

Die philosophische Dimension des Filmes ist deutlich: Warum müssen wir erst unser Leben aufgeben, um wirklich Freiheit zu erlangen? Warum wissen viele erst im Angesicht des Todes, was sie vom Leben wollen? Seine Komik wiederum bezieht der Film aus dem Zusammenprall des Selbstdarstellungsbusiness der Politiker mit der Rap-Kultur der Jungen.

Bulworth, der inzwischen mit Hiphop-Klamotten und Pudelmütze in Fernsehauftritten reimt und richtet, hat enorm gestiegene Quoten, sein Beraterstab ist begeistert. Aber diese Entwicklung muß wie ein Soufflé in sich zusammenstürzen. Der Schluß des Films sei nicht verraten, doch hat sich Beatty mit ihm zu leicht aus der Affäre gezogen. Auch wird das letzte Film-Drittel dann doch zu albern. Vorher freilich sollte man sich innerlich entspannen, um das böse Scherz-Niveau so zu goutieren, wie es das verdient. Wirkliche Bewunderung fordert, wie ein Sechzigjähriger sich hier die Kultur der Enkelgeneration - Rap- und Hiphop - zu eigen macht, nicht nur musikalisch. Das ist nicht Anbiederung und Kommerz, sondern ein dringend nötiger Versuch der Wiederannäherung unter den auseinanderdriftenden Generationen und Kulturen.

Cinemaxx Potsdamer Platz; die Kinos Blow Up und Moviemento zeigen die untertitelte Originalfassung; in der Kurbel ist die Originalversion zu sehen

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