Kultur : Das Gesicht des Hexenjägers

Silvia Hallensleben

über die Bilder aus einem unabhängigen Amerika Das Entsetzen über die sadistischen Fotosouvenirs aus dem Irak ist ein erneuter Beweis für die aufklärerische Kraft, die dem fotografischen Abbild trotz aller Bilderskepsis immer noch anhaftet. Doch der Kulturschock stellt auch eine andere Frage: danach, welche Bilder und Geschichten es überhaupt schaffen, sich im medial vermittelten öffentlichen Gedächtnis dauerhaft anzusiedeln. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Konfrontation der aktuellen Misshandlungsszenen mit dem tief im deutschen Kollektivbewusstsein verankerten Bild des netten kaugummispendenden Besatzungs-GIs. Wo aber sind die Jahrzehnte dazwischen geblieben? Die Berichte vom Massaker in My Lai und den vermeintlichen Vietcong, die von ihren Bedrängern aus einer soldatischen Laune heraus an Hubschrauberrotoren festgebunden und zerrissen wurden? Selbstverständlich darf, ja muss man schockiert sein von den aktuellen Bildern und den Tatsachen, von denen sie berichten. Und doch wünscht man sich, ein Film wie Emile de Antonios VietnamDokumentation „In the Year of the Pig“ hätte eine Langzeitwirkung geschaffen, die den jetzigen Schock in einem historischen Kontext erfahrbar machen würde.

Wie kein anderer Filmemacher hat der US-amerikanische Dokumentarfilmer Emile de Antonio seit den Sechzigerjahren seiner eigenen Gesellschaft und ihrer politischen Klasse den Zerrspiegel vorgehalten. Im Alter von nur vierundzwanzig Jahren hatte Antonio sich ein 300 Seiten starkes FBI-Dossier „erarbeitet“, wie er später in einem Interview erzählt. Im letzten Herbst wurde Antonios Werk in einer große Retrospektive der Wiener Viennale seit langer Zeit erstmals wieder zusammenhängend der Öffentlichkeit vorgestellt. In der zweiten Maihälfte ist die bearbeitete Schau jetzt auch im Berliner Arsenal zu sehen. Eröffnet wird sie am Sonntagabend mit Point of Order (1963), einer der ersten Arbeiten des Regisseurs: 188 Stunden Live-Fernsehaufzeichnungen der McCarthy-Hearings zur US-Army werden hier zu einem spielfilmlangen Aufklärungsstück über die Arbeitsweise des Hexenjägers kondensiert. Die Methode der kritischen Rekonstruktion zeithistorischer Ereignisse sollte Antonio auch in Zukunft anwenden: etwa in Rush to Judgement , einem zweistündigen Film, der schon 1966 substanzielle Zweifel am offiziellen Tathergang des Kennedy-Mordes formulierte (Mittwoch, Wiederholung Donnerstag).

Eine andere Ikone des unabhängigen amerikanischen Kinos wird zurzeit im Potsdamer Filmmuseum gewürdigt: Sean Penn gehört zu den wenigen Stars, die weniger durch glamouröse Auftritte und gutes Aussehen als durch faszinierende Anverwandlungskunst betören und selbst weniger glanzvollen Werken noch ein wenig darstellerischen Glanz verleihen. Von den Filmen dieser Woche ist neben Sweet and Lawdown von Woody Allen (am Montag) wohl Nick Cassavetes’ Alles aus Liebe der gehaltvollste, eine Beziehungstragikomödie, die von Nicks Vater John schon mit Penn als Darsteller angedacht war (bis Samstag). Ich bin Sam dagegen (Dienstag und Mittwoch), als Sprungbrett zur Oscar-Prämierung gedacht, bietet dem Schauspieler zwar eine dankenswerte Plattform, sich als liebenswerter Geistesgestörter zu profilieren. Filmisch ist das wohlmeinende Mainstreamwerk aber bedeutungslos, die deutsche Synchronfassung eine regelrechte Katastrophe. Deshalb sei hier angesichts beider Reihen ein kritischer Kommentar zum Umgang mit Sprachfassungen angebracht: Während Antonios teilweise auch sprachlich sehr dichte Filme aus verständlichem Mangel an anderen Kopien fast durchgängig in Originalfassung ohne Untertitel gezeigt werden, sind die Filme in Potsdam mit kleinen Ausnahmen nur in der deutschen Synchronfassung zu sehen. Wie soll man denn einen Schauspieler wie Sean Penn kennen lernen, wenn man nicht einmal die Stimme hört?

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