Kultur : Das Gesicht des Kanzlers

Was die Mienen der Macht erzählen: ein physiognomischer Streifzug – zu Gerhard Schröders 60. Geburtstag

Claudia Schmölders

Am liebsten lacht oder lächelt er, der nach Meinung des „Spiegel“ einst „charismatischste Kanzler seit Brandt“, bald auch befördert zum „Meister der Medien“ und „Genosse der Bosse“ genannt. Nicht eben Figuren eines sozialdemokratischen Wertehimmels, passen sie trotzdem gut zu dieser kräftigen, tiefstimmigen Gestalt, die allzu viele Sorgenfalten gern an Mitstreiter wie Fischer und Müntefering abgibt. Bis auf eine winzige Anspannung in den Mundwinkeln – beim Posieren für eine Kamera.

Dass es zum Phänotyp Gerhard Schröders eine schöne Geschichte gibt, hat schon Herlinde Koelbl geahnt, die Meisterin fotografischer Evidenz. Acht Jahre lang verwickelte sie Schröder in ein antikes Spiel namens „Spuren der Macht“, konnte ihn filmen, fotografieren und dabei ziemlich unverblümte Fragen stellen. „Was ich von mir selber erwarten konnte, habe ich erreicht“, antwortet ihr der neue Ministerpräsident anfangs 1991. „Das stelle ich mir auch bildlich vor: Das Land Niedersachsen muss mich jetzt malen lassen, in Öl.“

Und zum Schluss 1999, dann als Kanzler erneut porträtreif, antwortet er auf die Frage, was er denn nun gewonnen habe: Ihm genüge, dass er geworden sei und habe tun können, was er wollte. Das war weiß Gott keine antike, das war überhaupt keine republikanische Antwort. Die Karikaturisten haben es ihm heimgezahlt. Fast immer ist Schröders Kinn überdimensioniert, steil hochgereckt.

Aber zurück zur Geschichte. Kein deutscher, wohl aber ein penibler griechischer Autor hat Schröders Typus gründlich beschrieben. Dieser Mann, meinte er, hat einen angemessen großen Mund und ein ziemlich quadratisches, nicht zu knochiges Gesicht. Der Oberkiefer liegt passgenau auf dem Unterkiefer, die Nase ist eher dick als dünn, die funkelnden Augen liegen eher tief, sind nicht sehr rund, aber auch nicht zu oval und mittelgroß; ausgeprägte Augenbrauen hat er und eine viereckige Stirn unter Haaren, die sich weder sträuben, noch zu eng anliegen.

Auch der Körper wird wohlgefällig betrachtet: der stämmige Hals, der Dicke gemäß proportioniert, kräftige Schultern und Brustkorb, ein guter Rücken; ja, der Grieche lobt selbst noch die sehnigen Beine und schließt, etwas zu feierlich für unseren Geschmack: „Dieser Mann schreitet langsam, macht große Schritte und wiegt sich in den Schultern, wenn er geht.“

Man merkt es bald: Hier wird kein Mensch beschrieben, sondern ein Ideal. Zugegeben, es war ein früher Vorgriff auf den Kanzler. Der Grieche war ein namentlich unbekannter Schüler des Aristoteles. Er teilt uns mit, wie ideale Männer aussehen sollen. Aber sein Phänotyp ist gar kein Mensch, sondern ein Löwe. Zwar weiß man nicht sicher, ob es damals überhaupt griechische Löwen gab, wohl aber Darstellungen. Wer mit dem Löwen kämpft, ist ein Herkules, besagen die Bilder, er muss selbst löwenhaft sein. Auch wer nicht weiß, dass der vaterlos aufgewachsene Gerhard Schröder seine Mutter gern eine „Löwin“ nennt, könnte hier eine ziemlich gute Kanzler-Physiognomie finden, entnommen den „Physiognomonika“, der klassischen Schrift aus dem 3. Jahrhundert v.Chr. Aber was wird nun, nach Art der Physiognomen, aus der Löwenerscheinung geschlossen? „In seiner Seele ist er freigebig und edel, großgesinnt und auf Sieg bedacht, aber auch sanft, gerecht und denen, mit denen er zu tun hat, liebevoll zugetan.“ Das passt nun nicht unbedingt zu den Auskünften an Frau Koelbl. Des Kanzlers Tun-können-was-man-will, als Inbegriff politischen Erfolgs, straft die antike Projektion Lügen.

Dabei haben wir Gerhard Schröder seit 1999 natürlich viele Male dabei erlebt, tun zu müssen, was er womöglich nicht wollte. Wir haben 2001 seine erschrockene Miene gesehen am Rande von Ground Zero, wir haben ihn 2002 herkulisch kämpfen sehen, als die Oder über die Ufer trat, wir haben ihn völlig erschöpft gesehen nach der überraschenden Wiederwahl im selben Jahr, vor allem aber haben wir Schröder erlebt als hartnäckigen Kriegsdienstverweigerer in Sachen Irak.

Vergessen war damals die schwelende Empörung über des Kanzlers Liebe zum Luxus und zu den Frauen. Dabei sind Fotos der lächelnden Frohnatur, mit der winzigen Anspannung in den Mundwinkeln, nie ganz verschwunden. Neulich drängelten sie sich wieder nach vorn, als der spürbar verkrampfte Präsident der Vereinigten Staaten sich durch Schröder erheitert und ganz versöhnt fühlte.

Nicht nur zwei Gesichter hat dieser Kanzler, ein weinendes und ein lachendes, sondern viele, wie jeder von uns, ob müde oder wach, gesund oder krank, jung oder alt. Auch wächst die Zahl der Gesichter mit der Zahl der Medien. Aber historisch gesehen bewegt sich das physiognomische Rätseln immer nur zwischen Lavater, Lichtenberg und Nietzsche. Lavater, der stets Gottes Ebenbild suchte, Nietzsche, der zweifelte, „ob ein Vielgereister irgendwo in der Welt hässlichere Gegenden gefunden hat als im menschlichen Gesichte", und Lichtenberg, der das Gesicht immerhin als „unterhaltendste Fläche auf der Erde“ betrachtete. Alle drei Positionen sind unübertroffen. Die letzte könnte man in der Spaßgesellschaft unserer Massenmedien sowieso als unüberholbar bezeichnen. Aber es gibt auch andere Fragen als die nach schön oder hässlich oder ulkig.

Zum Beispiel: Hat Schröder ein deutsches Gesicht? Eine peinliche Frage. Wie hat sich die deutsche Intelligenz damit abgearbeitet. Von Friedrich Sieburg, der nach 1945 fand, „dass dem deutschen Gesicht etwas fehlt“, über Zwischenträger zurück zu Hugo von Hofmannsthal, der um 1900 geradezu eine Philippika losließ: „So verwischt sind die meisten deutschen Gesichter, so ohne Freiheit, so vielerlei steht darauf geschrieben, und alles ohne Bestimmtheit und ohne Größe.“ War es diese fortwährende Vermisstenanzeige, die schließlich nach einem Führergesicht, etwa Stefan Georges, rief?

Oder haben all diese Klagemänner hundert Jahre lang doch immer nur Goethe geglaubt? „In unsern Gesichtern verlaufen die Züge regellos durch- und ineinander, oft ohne irgendeinen Charakter anzudeuten“, schrieb dieser 1792, „oder es hält wenigstens schwer, das Original herauszufinden; man kann sagen: In einem deutschen Gesichte ist die Hand Gottes unleserlicher als auf einem italienischen.“

Das kann man nun von Schröders Vorgänger gerade nicht sagen. Alles an dessen Erscheinung und Absicht besagte das Gegenteil von nichts. Welche Hand Gottes hat bloß jene berüchtigte „regierende Masse“ (Grass) modelliert? Jedenfalls gibt es hier deutlich einen Generationenblick. Wo Günter Grass und Karl-Heinz Bohrer über die „jeder geistigen Wahrnehmung widersprechende Körperlichkeit“ Helmut Kohls klagten, sehen die jungen, wie Gustav Seibt und Patrick Bahners, den demokratischen Inbegriff. Kohl habe den Typus des uncharismatischen Herrschers kreiert – man müsse dem Volksvertreter doch ansehen, dass er aus dem Volke stammt. Aber haben wir wirklich so viele Riesen unter uns? Oder drängt durch solche Statements nicht eine zur Wörtlichkeit hin entstellte physische Hoffnung auf Herrscher-Größe ans Licht?

Als das klassische Herrschertier nicht nur Europas gilt der Löwe. Seine Gesichtsform hat als „leoniner Typus“ die Kunst beherrscht. Plutarch etwa rühmte das Standbild des Lysipp, der dem „löwengleichen“ Alexander am nächsten gekommen sei. Ein paar Jahrhunderte später finden wir dann ein lebendes Inkarnat, nun unter den Römern. Der Historiker Sueton hat ihn beschrieben. Darf man das noch zitieren? Hat nicht Peter Bender soeben die Gleichung zwischen dem Römischen Reich und den Vereinigten Staaten von Amerika für den politischen Argumentkasten ausgefeilt?

Der Mann, schreibt Sueton in aristotelischer Manier, „besaß eine mittelgroße Figur, feste, kräftige Glieder und hatte im Gesicht einen Zug, als sei er beständig angespannt. Im Übrigen erwies er sich vom Anfang bis zum Ende seiner Herrschaft als bürgerlich schlicht und milde, verbarg nie seine frühere einfache Stellung, ja rühmte sich ihrer häufig.“ Vaterlos wuchs der Mann auf, wurde berühmt mit seiner Steuerreform und berüchtigt wegen seiner Liebe zum Geld. Vor allem aber liebte er Witze. Er hieß nicht Gerhard Schröder, sondern Vespasian und lebte von 9 bis 79 n.Chr. Nach einfachen Anfängen als Soldat wählten die Römer ihn zum Kaiser. Es war im Jahr seines sechzigsten Geburtstages.

Die Autorin lebt als Kulturwissenschaftlerin in Berlin und hat neben dem Erfolgsbuch „Hitlers Gesicht. Eine physiognomische Biographie“ (C.H. Beck Verlag, 2000) grundlegende Werke zur Physiognomik veröffentlicht. Vor wenigen Tagen erhielt sie den Heinrich-Mann-Preis 2004.

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