Kultur : Das Gesicht des Unsichtbaren

Die Bilder von Diane Arbus wollen im Gropius-Bau „für sich selber stehen“. Eine Meditation.

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Eine als Höflichkeit getarnte Furcht bringt uns dazu, wegzuschauen bei Menschen, die obskur aussehen. Bei Außenseitern, Exzentrikern, Behinderten. Und jetzt, stellen wir erschüttert fest, schauen diese mit ruhigem, gedehnten Blick zurück. Wir können so lange hinschauen, wie wir das in der Realität nie wagen würden, ihren Ausdruck wahrnehmen, ihren Ernst, ihre Haltung, das Licht, die Frisuren, die Brüche. Brüche gibt es viele.

Rund 200 Bilder hängen in den Fluchten des Gropiusbaus, wir blicken auf das irisierende Werk von Diane Arbus, 2012, und das Werk, beendet 1971, blickt zurück. Die Augenhöhe ist kein Zufall.

Doon Arbus, die älteste Tochter der Fotografin, hat einmal geschrieben, dass sie die Bilder ihrer Mutter „vor dem Ansturm von Theorie und Interpretation“ beschützen muss. Als würden die Bilder mundtot gemacht durch ihre Beschreibung, vertraut diese Ausstellung darauf, dass allein die Konfrontation mit dem Bild die Erkenntnis bringt. Sie will nichts mehr erklären, nicht Zusammenhänge herstellen, wo keine sind. Neben den Bildern steht deshalb nur eine Jahreszahl und der Titel, den Arbus ihnen gab.

Und dann steht man schon im Fadenkreuz der Blicke, denn das direkte Porträt ist Diane Arbus’ Spezialität. Irgendetwas ist mit diesen Blicken. Sie irritieren, weil ihre Figuren ebenbürtig zurückschauen. So gewiss, nicht verschämt, schon gar nicht ertappt. Ihrer vermeintlichen Randständigkeit gar nicht bewusst. Wie frech! Als seien sie auf einer Höhe mit dem Betrachter. Der in den letzten 40 Jahren doch hauptsächlich danach trachtete, sie als „Freaks“ abzuwimmeln.

Die Kritik tut nämlich noch immer so, als seien all diese Blicke Blicke von Bewerbern um Aufnahme in die Gesellschaft. Sie ordnet die Leute ein, nicht die Fotografie. Aber diese „Freaks“ hier, und das ist das Verstörende, die weigern sich. Die schauen zurück. Die lassen sich nicht nur betrachten. Sie machen mit ihrem in sich ruhenden Selbstverständnis die Kritik lächerlich, die sie immer nur darauf abklopft, ob die Abgebildeten jetzt zur Gesellschaft gehören, ob sie mitspielen dürfen oder nicht. Vielleicht ist das überhaupt die falsche Frage an das Werk.

Der Kommentar, meinte Diane Arbus selbst, sollte in den Bildern enthalten sein. 1960 schreibt sie an das Magazin „Esquire“: „Wenn diese umwerfend genug sind, wäre jede Erklärung oder Bewertung des Motivs ein Verrat an den Bildern und an uns selbst.“

Ein Bild also. Eines mit diesem direkten Blick. „A naked man being a woman, N.Y.C. 1968“: Den Penis zwischen den Oberschenkeln eingekniffen, steht ein nackter Mann in feierlicher Pose vor einer billigen Pritsche. Wäsche, Papier und eine Aludose liegen herum. Standbein und Spielbein wie die Geburt der Venus. Er ist geschminkt, offen und ganz bei sich. Ein Abdruck verläuft auf der Haut unter der flachen Brust, als hätte er gerade einen strammen BH abgelegt.

Diane Arbus wollte das Unsichtbare zeigen. Paradoxerweise hat sie sich dafür die Fotografie ausgesucht.

Tatsächlich ist viel Unsichtbares zu sehen in „A naked man being a woman.“ Da fällt ins Auge, was Arbus als „Lücke zwischen Absicht und Wirkung“ bezeichnet. Die Feierlichkeit der klassischen Botticelli-Pose, theatralisch umrahmt von einem Bettvorhang, konkurriert auf Dauer mit dem ärmlich-wirren Zimmer.

Auch die Beziehung zwischen ihm und der Fotografin hat sich in 44 Jahren nicht verflüchtigt. Beider Einvernehmen spiegelt sich in der Nacktheit des Mannes, in der Privatheit des Ortes, in der Pose, die einzunehmen Zeit war.

Hier kommen wir ins Spiel. Im Dreieck aus Person, Betrachter und Fotografin wird schnell klar: Dieser Blick hätte den wenigsten von uns gegolten, die wir, mit unserem Urteil im Gesicht, auf den Mann zugetreten wären, so wie Arbus es tat: Ich finde Sie schön, darf ich Sie fotografieren?

Wenn auch dieser Moment „gestohlen“ sein sollte, wie es der Fotografie immer nachgesagt wird, dann ist hier die Fotografin die Bestohlene. Wir benutzen ihre Unvoreingenommenheit, um einen noch nachträglich voyeuristischen, einen forschenden oder einen kühlen, in jedem Fall unverdienten Blick zu werfen.

Arbus hat ihre Bilder einmal als ihre „Schmetterlingssammlung“ beschrieben. Das könnte heißen: aufgespießt. Durchbohrt von Blicken. Es könnte auch heißen: Alle von einem Stamm. Oder: Die Schönsten ihrer Art.

Ängstliche und Bequeme weisen die angebotene Nähe gern zurück. Sie schlagen auch die Fotografin gleich dem Kosmos zu, in dem sie fotografiert. Puh, dann ist die beruhigende Distanz zu den Freaks wieder hergestellt. Dass sie sich 1971 umgebracht hat, na logisch.

Aber hier muss auch der Betrachter einem Blick standhalten. Arbus war nicht ängstlich und bequem. Das ist nicht erlaubt. Ihr echtes Interesse, ihre kräftezehrende Methode, die so reich belohnt wurde und immer wieder eine echte Begegnung möglich macht, darf man nicht unterbieten. Diese Frau brachte es fertig, Aufreibendes zu suchen, Wiedersprüche stehen zu lassen, länger hinzusehen und die Spannung zu halten. Die ist ja auch jetzt noch in den Bildern. Dann geht man bewundernd oder auch etwas beschämt aus dieser Charakterprüfung.

Auf diese Art ist es, dass man hier gezeigt kriegt, wer man ist.

„Diane Arbus“ im Gropius-Bau, 22. Juni bis 23. September, Mi–Mo 10–19 Uhr

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