Kultur : Das Gespensterhaus

Peter von Becker

Der Star scheint aus Porzellan zu sein. Blassweiß, fragil und kühl. Aber in der zerbrechlichen Hülle steckt eine stählerne Feder - und vielleicht ist die Figur der wunderbar ätherischen und zugleich schaurig tyrannischen Nicole Kidman in Alejandro Amenábars Thriller "The Others" (Die Anderen) doch eher aus marmoriertem, hartem Plastik. Eine Kunstpuppe. An den Fäden eines Schicksals, das seine Geschöpfe nach der Musik nur eines einzigen Unheilkammertons tanzen lässt. Und immer im Halbdunkel, das den Tag zur Nacht macht und alle Welt draußen in ewigen Nebel taucht.

Ein Spukdrama, eine neogothic novel. Nicht im schottischen oder Londoner Nebel angesiedelt, sondern (merkwürdigerweise) auf der sonst eher als südlich, freundlich, golfstromumflossen geltenden Kanalinsel Jersey. Vielleicht aber sieht der britische Süden einfach so aus: im Kopf des spanischen Regisseurs Alejandro Amenábar, der ein Liebhaber des stillen Horrors und der düsteren Seelenstücke ist. Und Hollywoods neuer Wunderjunge.

Es ist erst sein dritter Film, doch hat er in den USA schon gut 100 Millionen Dollar eingespielt, und die Produzenten und Schauspieler reißen sich um den in Chile geborenen 29-jährigen Amenábar, der "The Others" wie ein Altmeister inszeniert. Als hätte sein Landsmann Luis Buñuel noch einmal die Hand aus dem Grabe gehoben. Jede Einstellung ist bis ins kleinste Zwielicht-Schattenspiel exquisit durchdacht (Kamera: Javier Aguirresarobe), jedes Arrangement im schlossähnlichen, nebelumwaberten viktorianischen Anwesen, das die blonde Kriegerwitwe Grace mit ihren zwei Kindern alleine bewohnt, wirkt von ausgesucht eleganter Morbidität. Auch die Akteure sind, das gehört zu Amenábars leisem Kammerton, von präzisester Dezenz, allesamt glänzend. Vor allem Nicole Kidman. Sie ist als Grace in ihrer schier unnahbar vornehmen Leichenblässe, gepaart mit einer tückisch tragischen Biestigkeit, besser denn je.

Über das Finale des Films bittet der Verleih aus Spannungsgründen nicht allzuviel zu verraten. Das ist gut so - weil es ohnehin nur ein scheinbares Geheimnis gibt. Graces Mann kehrt 1945 nicht heim aus dem längst beendeten Krieg; die Kinder Anne und Nicholas (Alakina Mann und James Bentley), die klösterlich streng und altkatholisch erzogen im Haus gefangen sind, hält Grace im Glauben, dass der Vater den bösen Feind noch immer bekämpfen müsse. Als dann drei neue Dienstboten kommen, und die düstere Haushälterin Mrs. Mills (Fionnula Flanagan) sich nicht als Drache, sondern für die verschreckten Kinder als gütiger Engel erweist, da könnte wohl neues Leben einkehren in das Gespensterhaus. Grace aber befiehlt, immerzu alle Türen versperrt und alle Fenster mit dicken Vorhängen verschlossen zu halten, weil die Kinder angeblich an einer tödlichen Lichtallergie leiden. Irgendwie wird es dann doch mal schockhell, irgendwann taucht auch der Ehemann als tragischer Zombie für ein Zwischenspiel aus dem Nebel auf - und überhaupt ist bald nicht mehr klar, wer hier tatsächlich noch aus dem Diesseits stammt oder nur verhext und verwunschen als lebender Leichnam seine Spiele treibt.

Und genau das wird zum Killer-Problem dieses formal so perfekten Films. Indem die Trennlinie zum Jenseits, zum Traum, zum Alptraum sich ins Beliebige verwischt und in Alejandro Amenábars nebulöser Welt die "Anderen" auch nicht "anders" sind, erscheinen uns alle gleich. Und gleichgültig. Jedes Dielen-Knarzen und Ungeist-Spuken wird da zum hohlen Effekt, obwohl der junge Regisseur alles Grelle, Blutige, offensiv Horrorhafte sonst vermeiden und den Schrecken bloß in den Köpfen der Zuschauer entstehen lassen will. Aber dazu müsste auch den Seelen seiner Figuren auf der Leinwand etwas Schrecklicheres und Spannenderes widerfahren als allein die Gebanntheit in eine unentrinnbare, zeit- und ortlose Fatalität.

Graces Land ist von keiner Welt, auch ihre mütterliche Licht-Neurose schafft nur den Fall einer Dunkelzicke. Dieses Zickenhafte allerdings spielt Kidman zum hassenswerten Verlieben. Viel kalter Kaffee - in feinstem Porzellan. Der Regisseur und seine Hauptdarstellerin hätten in solcher Form zu einem großen Film nur noch eines gebraucht: eine wirkliche Geschichte. Dieses Frühalterswerk eines 29-Jährigen nämlich wirkt in seiner Spuk-Synthetik wie eine Fälschung ohne Original. Jetzt müsste Amenábar als junger Meister noch sein authentisches Debüt geben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben