Kultur : Das gesungene Spiel der Hände

FREDERIK HANSSEN

Die Hände! Die Hände hängen herab: Es ist finster auf der Bühne, die zwei Figuren in schwarzen Gewändern verschwinden fast im Dunkel der Nacht.Nur ihre Hände leuchten weiß, heben sich ab vom Hintergrund, werden zu Protagonisten im lichtlosen Bühnenraum.Doch die Hände schweigen zu den Worten, die ihre Besitzer singen: es ist die Liebesnacht von Tristan und Isolde, das Paar spricht von Todessehnsucht und der Vereinigung der Seelen - aber ihre Hände bleiben stumm.Sie demonstrieren keine Zärtlichkeit, wo schon die Worte abstrakt bleiben.Hände, zumal die von Verliebten, können so eloquent sein.Bei der Eröffnung der Salzburger Osterfestspiele 1999 mit Klaus Michael Grübers Inszenierung von Richard Wagners "Tristan und Isolde" bleiben die Hände der Darsteller Analphabeten im Diskurs der Liebe.

Als Claudio Abbado und das Berliner Philharmonische Orchester im vergangenen November ihre diesjährige Salzburger Oster-Opernpremiere schon einmal in der heimischen Philharmonie halbszenisch aufführten, wurde die vorgezogene "Generalprobe" zu einem Triumph für den Berliner Chefdirigenten und seine Musiker.Selten hatte man Wagners Liebesepos so geschmeidig und nobel und dabei so voll innerer Glut gehört.Aber auch Klaus Michael Grüber bekam damals Lob für seine ersten Andeutungen eines Regiekonzepts, das er mit den auf einem Podium hinter dem Orchester agierenden Solisten erarbeitet hatte.Wenige zweckdienliche Bewegungen waren das gewesen, ein Zu- und Abwenden, ein paar Auftritte und Abgänge, die die übliche Stuhl-Reihe der Sänger bei konzertanten Aufführungen optisch auflockerte, ohne von der Hauptsache des Abends, der musikalischen Kommunikation zwischen Interpreten und Orchester, abzulenken.

Leider hat Grüber seiner halbszenarischen Berliner Arbeit für die szenische Salzburger Version des "Tristan"-Projekts nicht mehr viel hinzugefügt: mag es mit dem Ziel gewesen sein, durch Reduktion der Aktionen das Augenmerk ganz auf die inneren Seelenbewegungen der Figuren zu lenken, mag es Ratlosigkeit gewesen sein, wie sich Wagners gewaltiges Dialog-Drama in Bilder übersetzen lassen könnte - starr und unbeweglich dargeboten, wird das sonst süchtig machende Musikdrama in Salzburg zur bleiernen Zeit.

Mitschuld daran trägt auch Eduardo Arroyo, der für alle drei Akte szenisch wenig brauchbare Dekorationen geschaffen hat: das Stahlrohr-Gerippe eines Tankers mit Segel, die beiden ineinander verwachsenen, blätterlosen Bäume, die halb eingestürzte Wehrmauer einer wuchtigen Festungsanlage hätten allesamt auch als gemalte Bühnenprospekte ihren Dienst getan, denn sie werden keinen Moment lang "bespielt", weiten sich nie zum Raum.Teuer und tumb stehen sie genauso herum wie die Solisten in ihren zumeist unvorteilhaft zeltartig geschnittenen, zeitlos-aussagelosen Kostümen von Moidele Bickel.

Flüchtet sich Grüber im ersten Akt noch in die slow-motion-Geschäftigkeit der Schiffsbesatzung, um die magere Personenführung zu überspielen, läßt er die Protagonisten ab der Liebesnacht vollkommen allein - mit dem Effekt der hängenden Hände, die nur im Zustand größter Erregung (der verwundete Tristan gedenkt seiner Isolde) auch mal in Richtung Herz gehoben werden.

Wären da nicht Claudio Abbado und die Berliner Philharmoniker, dieser Rückfall in finsterste Regie-Zeiten der Prae-Mortier-Ära würde wohl als "Stehrumchen des Jahrzehnts" in die Salzburger Annalen eingehen.Doch die Inszenierung, die hier im Orchestergraben stattfindet, macht die optische Öde immer wieder vergessen: wie in Berlin hat Abbado wieder die Bratschen direkt zu seiner Linken plaziert, dort, wo gewöhnlich die 1.Violinen sitzen, wie in der Philharmonie auch betont er die warmen, abgedunkelten Farben der Partitur - und die Philharmoniker folgen ihm dabei mit atemberaubender Flexibilität und Präsenz, hellwach, mit einem gemeinsamen Atem.Alles, was auf der Bühne nicht passiert, geschieht im Orchester.Hier ist Leben, hier ist Bewegung, hier spielen sich innere und reale Kämpfe ab.Und hier ist auch der Jubel der Liebenden zu hören, wenn sie im Schutz der Dunkelheit endlich zueinander finden dürfen.

Denn der Gefühlsüberschwang der nächtlichen Begrüßung will den Solisten Deborah Polaski und Ben Heppner nicht so recht über die Lippen.Polaskis Isolde ist groß und wunderbar in den stillen Momenten, im Erinnerungs-Monolog des ersten Akts, im Liebestod.Im Zustand höchster Erregung, beim Fluch wie beim Liebesschwur aber ringt sie mit den hohen Noten.Auch Ben Heppner hat edle, hellglänzende Töne für die lyrischen Momente, doch was sich bei der Berliner Aufführung abzeichnete, wird hier überdeutlich: der Tristan kommt für ihn zu früh, auch wenn er ihn stimmlich problemlos durchstehen mag.Um die Vielschichtigkeit des Charakters wirklich offenlegen zu können, braucht man mehr vokale Wandlungsfähigkeit und vor allem eine Bühnenpräsenz, die Heppner (noch) nicht zur Verfügung steht.

Ganz im Gegensatz zu Matti Salminen, der mit König Markes Lamento in wenigen Minuten ein ganzes Schmerzens-Universum aufreißt.Falk Struckmann findet als Kurwenal beeindruckend zärtliche Piano-Töne in höchster Höhe zum Trost des siechen Freundes Tristan, Marjana Lipovsek hält Brangänes warnende Worte zu Beginn des Mittelaktes klug im Spannungsfeld zwischen Angst vor dem drohenden Verrat und Mitgefühl für die brennende Sehnsucht ihrer Herrin.

Die Hände der Zuschauer, die sich nach den ersten beiden Aktschlüssen nur zaghaft regen wollten, fanden am Ende deutliche Worte: dankbare für Claudio Abbado und seine Musiker, enttäuschte (und mit mancher Unmutsäußerung gemischte) für das Regie-Team.

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