Kultur : Das Gewehr am Fenster

Ein junges Paar und der „Krieg gegen den Terror“: Graham Swifts Roman „Wärest du doch hier“.

Volker Sielaff

Archaisch mutet die Vergangenheit in diesem kräftigen, dunklen Roman an, der eine Familiengeschichte ist – und viel mehr als das. Es gibt darin müde, verzweifelte Tatmenschen, die sich bis zum Schluss treu bleiben, der manchmal die Zerstörung des eigenen Selbst zum Ziel hat; und hoffnungsvolle junge Träumer. Für sie liegt das Glück in einem fernen Anderswo. Da ist der in die Jahre gekommene Farmer Luxton, dessen Selbstmord von Graham Swift in seinem Roman „Wärest du doch hier“ über viele Seiten hinweg beschrieben wird; und da ist dessen Sohn Jack, der mit einem Gewehr am Fenster hockt, ebenfalls entschlossen, aber wozu? Graham Swift lässt keine Einzelheit aus, das ist seine Stärke – und manchmal seine Schwäche.

Der Londoner Schriftsteller, geboren 1949, ist ein Spezialist fürs Depressive. Er schreibt über Menschen, die sich in einer Lebenskrise befinden. Über solche, die von längst vergangenen Ereignissen eingeholt werden. Wie Jack, der eigentlich glücklich sein müsste mit Ellie, dem Nachbarskind, das jetzt seine Frau ist. Doch eines Tages gerät alles ins Wanken, denn ihn erreicht die Nachricht vom Tod seines jüngeren Bruders Tom.

Tom war der Erste, der der elterlichen Farm den Rücken kehrte. Im Alter von 18 Jahren ging er zum Militär, kam nach Bosnien, später als Scharfschütze nach Basra im Irak, wo er einem Anschlag zum Opfer fiel. Jack, „der einzige Überlebende der Familie Luxton“, wie er sich gerne nennt, muss seinen toten Bruder begraben. Er muss in seine Vergangenheit zurück, auch an den Ort, von dem aus er einst mit Ellie in ein neues Leben aufgebrochen war: auf die schöne Isle of Wight, wo die beiden von den Erlösen aus dem Verkauf der elterlichen Farm einen Trailer-Park eröffnet haben. Was geschieht mit einem Menschen, wenn sein neues Leben von lange zurückliegenden Geschehnissen durchkreuzt wird?

Nur ihre alten Väter waren damals geblieben und hatten die Milchfarmen weiter bewirtschaftet, obwohl dort zuerst der Rinderwahn und bald auch die Maul- und Klauenseuche wüteten. Es ist eine vom Untergang bedrohte, bäuerliche Welt, die Graham Swift schildert. Die alten Männer stehen hier auf verlorenem Posten, nicht nur, weil ihnen die Frauen davongelaufen oder verstorben sind, sondern auch, weil die Farmen schlicht ein Auslaufmodell sind.

Graham Swift, der 1996 für seinen Roman „Letzte Runde“ den Booker-Preis erhielt, erzählt nicht chronologisch, sondern mit zeitlichen Einschüben und Verschiebungen. Er ist darüber hinaus ein Meister der Rückblenden: Jack, ein Kind noch, reist mit seiner Mutter in den Urlaub, in eine Wohnwagensiedlung fernab der Farm und erzählt Ellie davon. Als Ellie ihn später überreden will, das elterliche Farmland zu verkaufen und mit ihr ein ganz neues Leben zu beginnen, braucht sie nur ein Wort, um ihn umzustimmen: „Wohnwagen“. Es sind solche scheinbaren Kleinigkeiten, die Graham Swift nutzt, um insgeheime Verknüpfungen zwischen den Biografien seiner Protagonisten herzustellen.

„Wärest du doch hier“ ist Graham Swifts neunter Roman, und auch in diesem geht es, wie in vielen anderen seiner Bücher, um das Zusammenspiel von persönlicher Geschichte und Weltgeschichte. Die Auswirkungen des so fern erscheinenden „Krieges gegen den Terror" reichen in ihrer Konsequenz bis hinein in die abgeschlossene Welt des jungen Paares.

Graham Swift ist dem Symbolischen durchaus zugetan, will man das Provisorische des Wohnwagenparks und seiner wechselnden Sommergäste als Gegenentwurf zu den Milchfarmen sehen, die letztlich auch eine Art verdrängte Innenwelt Jacks darstellen. Nicht selten schneidet Swift solche Kontraste gegeneinander, etwa wenn er beschreibt, wie der Soldat Tom fern der Heimat im Fernsehen die von der Krankheit befallenen Rinder sieht und sofort an seinen niedergemetzelten Kameraden Willis denken muss, der, nachdem er von einer feindlichen Kugel getroffen wurde, „herumsprang wie eine große zappelnde Marionette, an der ein paar Fäden fehlten“.

Auf seiner Reise zurück in die Heimat, nach dem militärischen Beerdigungszeremoniell erscheint ihm der tote Bruder gleich mehrmals als Geist und Tagtraumgestalt: „Ellie hatte gesehen, wie der Teil von Jack, der zu Tom gehörte, der doch jetzt tot war, größer wurde, während das Stück von Jack, das ihr gehörte, kleiner wurde.“ Der Kampf um die gemeinsame Zukunft des Paares wird von Graham Swift mit wortkarger, beinahe demutsvoller Bangigkeit auf beiden Seiten ausgetragen.

Doch der britische Schriftsteller entlässt den Leser mit Zuversicht: Jack, mit dem Gewehr am Fenster (demselben, mit dem sein Vater sich auf der Farm „das Hirn aus dem Kopf gepustet hat“), wartet auf Ellie. Ihr Herz hämmert, und er ist wild entschlossen. Und senkt es dann doch, im Wissen, „dass es nie wieder abgefeuert werden würde.“ Volker Sielaff

Graham Swift:

Wärest du doch hier. Roman. Aus dem

Englischen von

Susanne Höbel.

Deutscher Taschenbuch Verlag,

München 2012.

420 Seiten, 15,90 €.

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