Kultur : Das Gewissen entscheidet

Dichten und Glauben: ein Gespräch mit Arnold Stadler, Ehrendoktor der FU

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Herr Stadler, Sie haben gerade die Ehrendoktorwürde des Seminars für Katholische Theologie der FU Berlin verliehen bekommen. Was macht Sie zu einem katholischen Schriftsteller?

Bin ich das? Katholisch: ja. Schriftsteller wohl auch. Aber katholischer Schriftsteller? Fest steht, dass es auch in Berlin ein kleines, aber sehr lebendiges Seminar für Katholische Theologie gibt, wo es doch in meinem Roman „Sehnsucht“ heißt: „Christus kam nur bis Hildesheim.“

Stimmt. Aber Sie stammen nicht aus Berlin, sondern aus einem Ort am Bodensee mit dem sprechenden Namen Messkirch.

Ein Schriftsteller greift ja immer auf seine eigene Geschichte zurück. Mein erster Roman „Ich war einmal“ spielt in diesem katholischen Milieu. Aber ich schreibe keine Bekenntnisliteratur.

Sie bekennen sich aber zu christlichen Haltungen.

Sicher, etwa zu der des Erbarmens. Meine Figuren sind oft die Übersehenen, so kleine lächerliche Witzfiguren. Dazu kommt meine angeborene Freude am Schrägen, Woody-Allen-artigen der Welt. Und den Schmerz dürfen Sie auch nicht vergessen. Der Mensch ist für mich ein diffuses Wesen zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen. Ein Fragen und Mitleid provozierendes Geheimnis. Ich sage nicht, dass es gut so ist.

Was sagen Sie denn?

Ich habe keine Botschaft. Wenn ich die hätte, wäre ich Missionar geworden oder Politiker. Oder Nato-Soldat mit einem sogenannten robusten Mandat am Horn von Afrika. Obwohl, als Kind wollte ich in die Mission. Das gab ich in der ersten Klasse als Berufswunsch an – und nicht Flugzeugpilot. Aber ein Schriftsteller darf sich nicht zur Magd des Herrn machen. Er muss den Menschen im Blick haben, und zwar den einzelnen Fall.

Sie haben in Rom Theologie studiert, das Priesterseminar besucht und haben das dann abgebrochen. Warum?

Mein Studium habe ich abgeschlossen, ich habe nur Abstand genommen von der Perspektive, Priester zu werden. Das Studium hatte eine verheerende Auswirkung auf meinen Glauben. Die historisch-kritische Exegese . . .

. . . die Methode, einen biblischen Text in seinem historischen Kontext auszulegen . . .

. . . und einen eigentlich literarischen Text wie die Bibel als theologischen Steinbruch zu missbrauchen, finde ich für den Glauben nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich. Mir muss man doch nicht sagen, dass die Erde nicht in sechs Tagen erschaffen ist. Aber warum soll ein Gläubiger nicht an die Himmelfahrt Jesu glauben? Die Vorstellung, dass einer es in den Himmel geschafft hat, ist doch schon eins der allergrößten Wunder. Da kann man doch auch kleinere Wunder für möglich halten. Man kann die Bibel nicht wie ein Sachbuch lesen.

Sie wurden mal beschrieben als „katholisch-antiklerikaler Radikalist“.

Wie bitte? Das ist eine Absurdität. Ich schreibe gerade einen Beitrag für eine Festschrift zum 80. Geburtstag des Papstes. Die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen ist eine Art Heimat für mich.

Die Protagonisten in Ihren Werken machen häufig homosexuelle Erfahrungen. Das widerspricht doch der Auffassung der Kirche zur Sexualität?

Das interessiert mich nicht, weil ich die kirchliche Position dazu absurd finde. Da berufe ich mich auf das klassische Institut des Gewissens, wie es in der Diskussion um die Enzyklika „Humanae Vitae“ zum Pillengebrauch genannt wird. Die letzte Instanz ist das Gewissen, nicht der Papst. Und was bitte ist homosexuell? Das ist ein technisches Wort, fast schon wie aus der Tiermedizin. Es stammt aus dem sexualfeindlichen 19. Jahrhundert. Dass in meinen Büchern Männer vorkommen, die katholisch sind und sich lieben, ist nur lebensnah. Die katholische Kirche ist traditionell überhaupt nicht sexualfeindlich. Die Liebe oder auch nur die Sexualität mit dem schauderhaften Wort „geordnet“ zusammenzubringen, wie das in kirchlichen Verlautbarungen geschieht, halte ich für unbarmherzig. Kann man sich aus dem Mund Jesu das Wort „geordnet“ vorstellen?

Sicher nicht. Doch woher kommt die neue Begeisterung für die katholische Kirche?

Im öffentlichen Diskurs und in Talkshows kommt Religion fast schon inflationär aufs Tablett. Aber da wird sie nur instrumentalisiert und auf der spirituellen Ebene, auf der Religion sich eigentlich entfaltet, nicht wahrgenommen.

Und was treibt den Einzelnen?

Bei vielen steckt bestimmt nicht die sogenannte Bekehrung dahinter. Auf all jene, die aufgrund ihrer Fremdenangst oder Islamophobie jetzt katholisch werden oder christlich, auf die kann ich verzichten. Solche Leute richten nur Schaden an.

Das Gespräch führte Sandra Stalinski.

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