Kultur : Das Gift im Denken

Philipp Sarasin

Wir beginnen Dinge "neu" zu sehen, wenn die grundlegenden Regeln unserer Welt verletzt werden. Eine dieser Regeln lautet: "Anthrax, caused by the spore-forming bacterium Bacillus anthracis, is rarely seen in industrial nations but is common in developing countries." Die Autoren dieses Satzes, Ärzte an der Yuzuncu Yil University School of Medicine in Van in der östlichen Türkei, berichteten im Juni dieses Jahres über einige Fälle von Hautmilzbrand, der in der Türkei endemisch ist. Aber nicht nur in der Türkei: In Texas etwa tritt Anthrax primär als Viehseuche auf, und es kommt dort auch immer wieder zu Ansteckungen von Menschen, zum letzten Mal am 3. Juli 2001 in der Nähe von Rock Springs.

Wir haben das nicht gewusst und es auch nicht wissen müssen. Anthrax ist erst jetzt eine "Realität". Doch die Wirklichkeit steckt voller Paradoxe: Wohl sind die Sporen auf dem Capitol Hill real und können Menschen krank machen oder töten - doch wie real genau? So sehr, dass man das Gebäude räumen muss, in dem sie auftreten (Repräsentantenhaus, republikanische Mehrheit) oder nur so, dass Politiker "besonnen" weiterarbeiten können (Senat, demokratische Mehrheit)? Die Wirklichkeit ist das, was wir wahrnehmen, und unser Wahrnehmungsapparat - ein Verbund von Neuronen, Augen, Ohren, Symbolsystemen, elektronischen Medien, Papier und Buchstaben - ist erst jetzt, unter ganz spezifischen Umständen, darauf eingestellt worden, Anthrax zu "sehen".

Was wir sehen, wird deutlicher, wenn man die Geschichte der Vergiftungsängste untersucht. Die jüngsten Ereignisse erhalten dann plötzlich eine lange Vorgeschichte, ja sie geraten in den Verdacht, Teil eines im Abendland wohlbekannten Narrativs zu sein. Und sie verweisen zurück auf die Geschichte der Bakteriologie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts.

Seit der Antike wurden immer wieder die Juden beschuldigt, sich gegen Andersgläubige zu verschwören und Gift zu streuen. Am massivsten im 14. Jahrhundert: Die Juden, hieß es, hätten die Brunnen mit allerlei Substanzen vergiftet, um die Christen auszurotten. Als die Hintermänner dieser angeblich von langer Hand vorbereiteten Aktion vermutete man die Araber: Der "König von Granada" oder der "Sultan von Babylon" hätten das Gift geliefert und die Verschwörung finanziert. Da sich Araber in Europa nicht unbemerkt bewegen könnten, würden sie die Juden gegen große Bestechungssummen für die Aktion gewinnen.

Dieses Verschwörungsmuster zur Tötung der Christen, bei der immer die Juden eine zentrale Rolle spielen, findet sich in diversen Varianten. Im 18. und 19. Jahrhundert glaubten viele Leute felsenfest an die Verschwörung der von Juden "unterwanderten" Freimaurer als Anstifter der Französischen Revolution, und im 19. Jahrhundert hieß es immer wieder, die Juden seien für die großen Choleraepidemien verantwortlich.

Im späten 19. Jahrhundert wandelt sich allerdings die Vorstellung von "Gift" grundlegend: Als giftig und für die Bevölkerung besonders gefährlich galten nun zunehmend Mikroben, wie die Bakteriologen Robert Koch (1843-1910), Louis Pasteur (1822-1896) und andere sie nachweisen und teils schon durch neue Impfverfahren bekämpfen konnten. Im Zentrum dieser modernen Geschichte der Infektionskrankheiten steht der Milzbrand: 1876 publizierte der damals noch unbekannte preußische Kreisphysikus Robert Koch seine Arbeit über den Lebenszyklus des Anthrax-Bazillus und wies dabei die Sporenbildung nach, und 1881 zeigte Louis Pasteur in einem Feldversuch, dass sich Milzbrandbakterien soweit abschwächen ließen, dass Tiere geimpft und so die französischen Herden vor der Viehseuche geschützt werden konnten.

Besonders aufschlussreich ist dabei die Sprache der Bakteriologen. Was genau wird sichtbar, wenn man weiße Blutkörperchen aus den Blutgefäßen austreten sieht, um sich um einen "Fremdkörper" im Gewebe herum anzulagern? Rudolf Virchow und andere vermuteten, die weißen Blutkörperchen funktionierten als eine Art "Fünfte Kolonne", eine Verschwörertruppe des Körpers, die die fremden Mikroorganismen im Blut verteilen und so die Krankheit befördern. Andere wie der Bakteriologe Elie Metchnikoff beschrieben die weißen Blutkörperchen als "Fresszellen", die wie "Soldaten auf dem Schlachtfeld" ihre Feinde bekämpfen.

Wie genau der Körper die Abwehr gegen die "fremden Eindringlinge" organisiert, ist ein komplizierter und bis heute noch nicht vollständig begriffener Vorgang. Klar ist, dass kriegerische Metaphern dabei eine die Wahrnehmung organisierende Rolle noch immer spielen. Zentral dabei: die Verknüpfung von Unsichtbarkeit, "fremdem Eindringling" und "Feind" in der Beschreibung von nicht-körpereigenen Mikroorganismen: Das sind "unsichtbare Feinde", die mit den "Waffen der Wissenschaft" bekämpft werden müssen. Diese Worte sind nicht einfach falsch und sie bedeuten auch nicht, dass die Mikroben durch sie bloß konstruiert würden: Es gibt Milzbrand-Bakterien - aber die Worte, die verwendet werden, um sie zu begreifen, haben immer auch einen metaphorischen Überschuss. Sie lassen Dinge und Zusammenhänge anklingen, die unsere Wahrnehmung und unser Handeln prägen. Von Anfang an sprach die Bakteriologie von Eindringlingen und Abwehrschlachten, und die Epidemiologen ließen um die Jahrhundertwende nie einen Zweifel daran, woher die gefährlichen Mikroben nach Deutschland eingeschleppt würden: aus dem Osten.

Ins Visier der Sanitätsbehörden von Preußen bis hin zu jenen auf Ellis Island, der Eintritts- und Kontrollstation für europäische Immigranten vor New York, gerieten sehr schnell die osteuropäischen Juden. Die Vorstellung, sie seien gefährliche Träger von Mikroben und von krankheitsübertragenden Läusen, hat in Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg vielfältige Anstrengungen zur "Desinfektion" dieser Bevölkerungs- bzw. Migrantengruppe ausgelöst. Es war dann nur noch ein kleiner Schritt, die Juden selbst als jene gefährlichen Eindringlinge zu verstehen, die den "Volkskörper" oder gar die "Rasse vergiften". Der so aufgeheizte Desinfektionswahn endete im Einsatz von Zyklon B in den Vernichtungslagern. In Auschwitz starben die Juden unter einer "Desinfektionsdusche".

Ähnliches lässt sich für die vom Chemiker Fritz Haber (1868-1934) entwickelten Giftkampfgase feststellen, die ab 1915 an der Westfront eingesetzt wurden. Mit ihnen wollte man die im Ersten Weltkrieg erstmals unsichtbaren Feinde - die Soldaten in den Schützengräben - auf eine völlig neue, von der Bakteriologie inspirierten Weise bekämpfen. Nicht zufällig hießen die Kompanien, die mit der "Gaswaffe" ausgerüstet wurden, in der Sprache des deutschen Generalstabs "Desinfektionskompanien".

Was bedeuten diese historischen Beispiele für die aktuellen Vergiftungsängste? Die Vorstellung eines Volkskörpers oder gar einer Rasse, die von fremden Eindringlingen vergiftet werden könnte, ist heute weitgehend delegitimiert und leitet zumindest offiziell die Politik nicht mehr an. Aber ob sie nicht doch aus dem Hintergrund heraus unsere Vorstellungen von "fremd" und "eigen", von good and evil lenken? Es ist eine interessante sprachliche Konvergenz, dass US-Verteidigungsminister Rumsfeld die Terroristen ebenso als "unsichtbare Feinde" bezeichnet, wie dies schon Robert Koch vom Milzbranderreger gesagt hat. Und auch wenn die Beweise fehlen, so scheinen doch in der öffentlichen Wahrnehmung die vergifteten Briefe und die terroristischen Akte vom 11. September unter dem Zeichen der Unsichtbarkeit zusammenzugehören.

Es geht nicht darum, die Gefährlichkeit von Milzbranderregern zu unterschätzen oder die Gefahr solcher Angriffe für unsere Gesellschaften zu negieren. Aber man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass die medial verstärkten Ängste einen imaginären Raum schaffen, in dem der Fremde immer schon der Feind ist. Das aber droht nun zu verschärften Ausgrenzungskampagnen zu führen. Das neue polizeiliche Konzept der "Schläfer" etwa ist verheerend gefährlich, weil dadurch eine bestimmte Gruppe von Menschen, die Teil unserer Gesellschaft sind - vom 14. bis zum 20. Jahrhundert Juden, heute Araber -, unter Generalverdacht geraten. Die Konsequenz ist, dass in den neuen Personalausweisen unter anderem die Abmessungen des Schädelknochens zur Identifizierung der Person verwendet werden soll, wie das der Schily-Entwurf vorsieht. Hat man in Deutschland nicht schon genug leidvolle Erfahrungen mit der Vermessung von Schädelknochen gemacht, um auf diese biologistische Weise "fremd" und "eigen" scheiden zu wollen? Es ist leicht vorstellbar, dass arabische Schädelknochenindices bei Rasterfahndungen mit dazu benutzt werden können, potenzielle "Schläfer" auszusortieren und Täterprofile zu erstellen. Dazu passt, dass in den USA die Polizei ermächtigt werden soll, Ausländer ohne richterliche Verfügung in Gewahrsam zu nehmen, oder dass die chinesische Regierung ihre Fluggesellschaften angewiesen hat, keine Tickets mehr an Muslime zu verkaufen. Das ist offener Rassismus, mit anderen kulturellen Wurzeln als bei uns. Aber auch im Westen scheint nun klar: Der Feind ist nicht nur fremd und unsichtbar, sondern trotz aller Beteuerungen ein Araber.

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