Kultur : Das globale Gehör

Zum Start des Young-Euro-Classic-Festivals spielt das Orquestra Juvenil de Bahia im Konzerthaus am Gendarmenmarkt

von
Brasilianische Nacht. Ricardo Castro und das Orchester aus Bahia. Foto: Kai Bienert
Brasilianische Nacht. Ricardo Castro und das Orchester aus Bahia. Foto: Kai BienertFoto: MUTESOUVENIR | KAI BIENERT

Mit der Idee eines europäischen Jugendorchestertreffens, die im Jahr 2000 zur Gründung führte, hat dieses Festival längst nichts mehr zu tun. Zum Start am Freitag spielte ein Ensemble aus Brasilien, die sechzehn Teilnehmer dieses Sommers kommen aus fünf verschiedenen Kontinenten. Die Bewerber aus aller Welt rennen den Organisatoren geradezu die Türen ein.

Young Euro Classic zieht die grenzenlos mobile Klassikjugend an, so wie Berlin die internationalen Easyjetter. Darum wird das Konzerthaus am Gendarmenmarkt jedes Jahr im August zum Meltingpot der Musiknationen – und jener, die es gern wären. Darum lassen sich Prominente wie Ulrich Deppendorf, Dietmar Bär, Richard David Precht, Katja Ebstein oder Steffen Seibert als „Paten“ für die Konzerte finden - was wiederum finanziell potente Sponsoren anlockt, ohne die dieses Festival nun einmal nicht existieren kann. Young Euro Classic ist ein Publikumsmagnet. Da will auch Klaus Wowereit beim Eröffnungsabend nicht fehlen.

Bei dem Wort Bahia, sagt der Regierende Bürgermeister in seiner ebenso knappen wie launigen Begrüßung, denkt man ja so manches. Aber kaum an klassische Musik. Daran wird sich nach diesem Abend auch nichts ändern. Denn das Orquestra Juvenil de Bahia klingt so spannend wie ein Künstlerbeamtenorchester, das Dienst nach Vorschrift macht. Wenn die 12- bis 25-Jährigen Franz Liszts „Les Préludes“ schwerblütig und verhalten angehen, ist man noch versucht, „Saudade“ herauszuhören, die Melancholie der portugiesischen Vorfahren. Doch auch Chopins 2. Klavierkonzert hat diesen matten inneren Puls. Da mag sich die große Maria Joao Pires als Solistin noch so um Klarheit bemühen, das Klangergebnis bleibt erschütternd langweilig.

Schuld ist Ricardo Castro. Der Dirigent der Brasilianer ist ganz offensichtlich der Meinung, zentraleuropäische romantische Musik müsse so klingen. Und treibt seinen Schützlingen darum systematisch jegliche Spontaneität aus. Das erlebt man bei Young Euro Classic regelmäßig: Wenn der Orchestererzieher nichts taugt, entsteht schrecklicher Murx. Denn die unerfahrenen Nachwuchskünstler sind dem Interpretationsansatz des Dirigenten hilflos ausgeliefert.

Nach der Pause, wenn Südamerikanisches auf dem Programm steht, klingt das Ensemble darum wie ausgewechselt. Die vorher abgeklemmte Energie bricht sich in Silvestre Revueltas „Sensemayá“ geradezu explosionsartig Bahn. Auch bei den kurzen Stückchen von Marquez, Villa-Lobos und Fernandez haben die jungen Leute jetzt sichtbar Spaß. Ob die Werke stilistisch nicht ein wenig zu gleichförmig ausgewählt sind, ob man wirklich 100 Mitwirkende braucht, um solche Tanzmusik zu machen – geschenkt. Jetzt ist wenigstens Leben in der Bude. Und mit Wellington Gomes’ „Sonhos Percutidos“ steht eine europäische Erstaufführung am Schluss, die zeigt, wie man heimische Musiktraditionen kreativ weiterdenken kann. Da werden die brasilianischen Rhythmen immer wieder geschickt mit sinfonischen Effekten überblendet, bis die Chose am Ende klingt wie der Soundtrack zu einer Verfolgungsjagd bei James Bond.

Elf weitere Ur- oder Erstaufführungen werden bis zum 21. August noch folgen, aus denen eine Publikumsjury den Sieger des „Europäischen Komponistenpreises 2011“ ermitteln muss. Da ist es schon wieder, das hässliche E-Wort: Weil die eingeladenen Orchester dezidiert Stücke aus ihrer Heimat mitbringen sollen, in diesem Jahr also auch aus Neuseeland und dem Südkaukasus, aus Kolumbien oder eben aus Brasilien, ist die Chance groß, dass ein Nicht-Europäer gewinnt. So wie 2010. Gerade wurde wieder ein Krisentreffen der G-7-Industrieländer zur Euro-Krise einberufen, erwähnt Ulrich Deppendorf am Freitag en passant in seiner Moderation. Die Organisatoren sollten sich also sputen bei der überfälligen Umbenennung von Young Euro Classic – sonst ist vielleicht vorher schon die Währung weg, die das Festival im Namen trägt.

Bis 21. August im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. www.young-euro-classic.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben