Kultur : Das Glück am Rande der Welt

Der kanadische Film „Die große Verführung“ lockt in ein Küsten-Idyll

Kerstin Decker

Es gibt ab jetzt einen unvergesslichen Ortsnamen mehr auf der Welt: Sainte-Marie-La-Mauderne. Das liegt irgendwo an der kanadischen Küste. Und genau dort, in Sainte-Marie-La-Mauderne, träumt an jedem letzten Freitag des Monats der Fischer Germain, der jetzt ein arbeitsloser Fischer ist, wie das war in Sainte-Marie-La-Mauderne, als er noch klein war. Früher, als das Glück noch Sainte-Marie-La-Mauderne besuchte. Aber es kam nicht nur zu Besuch, sondern es blieb gleich da. Denn es hörte auf eine sehr einfache Formel.

Wenn die Fischer nach ihren langen Tagen auf dem Meer heimfuhren, wussten sie, „dass sie sich den Fisch auf dem Teller, das Feuer auf dem Herd und die Sterne am Himmel verdient hatten“. Sie brauchten gar nicht weiter darüber nachzudenken. Sie dachten überhaupt wenig nach – das untrüglichste Zeichen für die Anwesenheit einfachen Glücks. Regisseur Jean-Francois Pouliot illustriert diesen Zustand mit Bildern zärtlichster Denunziation. Denn natürlich ist dieses einfache Glück auch irgendwie beschränkt. Und scheint im Nachhinein vielleicht größer, als es war. Aber das sind Wahrnehmungen, die schon nach dem Glück kommen. Genau wie das Denken.

Es gibt genau zwei öffentliche Einrichtungen in Sainte-Marie-La-Mauderne. Die Post, von der sich die Einwohner monatlich ihre Sozialhilfebescheide abholen und die Sparkasse, die die Sozialhilfe auszahlt. Aber auch das Selbstbewusstsein des Sparkassendirektors – „Ich bin ein wichtiges Glied in der Kette der Tüchtigen“ – ist nicht mehr ganz ungebrochen, seit er weiß, dass er bald durch einen Geldautomaten ersetzt werden soll.

Wer noch etwas vorhat im Leben, verlässt Sainte-Marie-La-Mauderne. Der Bürgermeister ist schon weg. Und Germains Frau hat einen Bruder in der Stadt, der ihr Arbeit besorgt. Oder wie lange, fragt sie Germain, willst du hier noch doppelt Sozialhilfe kassieren und die alten Geschichten vom Angeln erzählen? So ist das. Wenn einer keinen Erfolg mehr hat, wird selbst das Fischen, diese harte Männerarbeit, im Munde der eigenen Frau zum Angeln. Das mit der doppelten Sozialhilfe stimmt allerdings. Germain holt immer auch die für den kranken Freund ab, der in Wirklichkeit ein toter Freund ist. Mit anderen Worten: Germain ist der einzige, der Sainte-Marie-La-Mauderne retten kann.

Innovativ denken! Denn es gibt Hoffnung. Eine Fabrik will nach Sainte-Marie kommen. Vielleicht. Immerhin hat Germain (als selbsternannter neuer Bürgermeister) ihr schon absolute Steuerfreiheit versprochen – für immer. Die Schmiergeldzahlung wird auch nicht das Problem sein, denn der Sparkassendirektor ist zu vielem fähig, seit er durch den Geldautomaten ersetzt werden soll. Was er kann, kann kein Automat. Bliebe noch ein letztes Problem: der Arzt. Es muss einen Arzt geben in Sainte-Marie-La-Mauderne, sonst gibt es keine Fabrik.

Nur: Was, wenn der Ort schon seit 15 Jahren vergeblich einen Arzt zur Ansiedlung zu bewegen trachtet? Wie gut, dass Dr. Lewis, Schönheitschirug aus der Stadt, Typus Schnösel, einen Grund hat, den Probemonat in Sainte-Marie anzunehmen. Durch eine grobe Fahrlässigkeit seinerseits hat die Polizei sein Kokain gefunden. Regisseur Pouliot zeigt es mit leiser Ironie: Am Ende des Probemonats muss dieser Dr. Lewis wissen, dass es nur einen einzigen wirklich lebenswerten Ort auf der Welt gibt – Sainte-Marie-La-Mauderne.

Ist das schon kriminelle Energie, was die Sainte-Marie-La-Mauderner da plötzlich entwickeln? Die Stasi war dagegen ein Anfängerverein – man denke nur an den großen Lauschangriff auf Dr. Lewis. Aber hätte man wohl das ganze Dorf in ein einziges großes Cricket-Team beim Endkampf verwandeln können, ohne die Totalüberwachung der Telefongespräche des Dr. Lewis? Kein Mensch hätte gewusst, dass Dr. Lewis Cricket über alles liebt. Einen Sport, den die Sainte-Marie-La-Mauderner bis eben nicht einmal dem Namen nach kannten und noch immer tödlich langweilig finden. Und ist es wirklich unaufrichtig, dem neuen Arzt einen dicken, leider noch halbgefrorenen Fisch an die Angel zu hängen?

Globalisierung meets Sainte-Marie-La-Mauderne. Dass dieser kleine schöne Film mit seinem leisen Witz Preise auf Festivals gewinnt, ist klar. Dass er auch ein Publikumserfolg wird, nicht unbedingt. In Kanada hatte „Die große Verführung“ schon über eine Million Zuschauer.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst66, Kulturbrauerei und Neues Off; OmU im Broadway und im Cinéma Paris

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