Kultur : Das Glück der Götter

Einladung nach Angkor Vat: Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt Schätze aus Kambodscha

Michael Zajonz

Die größte Prügelei findet im Tempel statt. Genauer: in einem Kuppelraum darunter, dort, wo hinter allerlei fiesen Fallen ganz besondere Geheimnisse warten. Für Lara Croft alias Angelina Jolie und ihre Widersacher in „Tomb Raider“ sind die Ruinen von Angkor Vat nicht viel mehr als ein gewaltiger archäologischer Abenteuerspielplatz, überwuchert vom tropischen Dschungel Kambodschas, bewacht von grimassierenden alten Göttern und Dämonen.

Glücklicherweise widersetzt sich das reale Angkor dem Klischee, nur als Freiluftmuseum einer untergegangenen Zivilisation wahrgenommen zu werden. Mit westlicher Ruinenromantik ist diesem grandiosen Tempelpark nicht beizukommen. Das „göttliche Erbe Kambodschas“, so der Untertitel der großen Angkor-Ausstellung, die nach erfolgreichem Start in der Bonner Bundeskunsthalle nun im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist, entfaltet seine spirituelle Wirkung bis heute. Selbst zur Pressekonferenz in Berlin waren buddhistische Mönche erschienen, um eine Weihezeremonie auszuführen.

Angkor, das ist ein über 400 Quadratkilometer großes Gelände mit den weltweit einzigartigen Überresten einer Stadtanlage, von der heute noch über hundert größere Tempel, ein orthogonales Netz von Kanälen und gewaltige rechteckige Wasserreservoirs sichtbar sind. Der Angkor Vat ist das architektonische und geistige Zentrum der Anlage: der größte erhaltene und noch als solcher genutzte Sakralbau der Welt, errichtet zwischen 1113 und 1150 auf einer steinernen Basis von 187 mal 215 Metern, bekrönt von fünf bis zu 65 Meter hohen Haupttürmen. Ein Gebirge aus schwarzgrün patiniertem Sandstein, vielfach abgestuft, profiliert, und vollständig mit filigranen Reliefs geschmückt. Ein Abbild des Makrokosmos, und ein Meisterwerk der Architektur, vergleichbar dem Taj Mahal, den Pyramiden von Giza oder der Akropolis – doch für westliche Augen ungleich fremdartiger.

Sein Erbauer, der Khmer-König Suryavarman II., ließ den Tempel dem brahmanischen Gott Vishnu weihen. Um ihn herum war bereits ein gewaltiger Siedlungs- und Wirtschaftsraum entstanden, in dem dank ausgefeilter Bewässerungstechnik bis zu drei Reisernten jährlich eingebracht werden konnten. Zwischen 800 000 und einer Million Menschen sollen in der Blütezeit der Angkor-Kultur zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert dort gelebt haben. Eine mittelalterliche Großstadt wie Köln hatte um das Jahr 1000 etwa 25 000 Einwohner.

Im 15. Jahrhundert zogen die Khmer- Könige, inzwischen zum Buddhismus übergetreten, nach Süden und gründeten die neue Hauptstadt Phnom Penh. Dort konnten sie sich besser vor den benachbarten Thais verteidigen und bequemer Handel mit China treiben. Richtig vergessen war Angkor, die Tempelstadt im Dschungel, wohl trotzdem nie. Spanische und portugiesische Missionare beschrieben sie im 16. Jahrhundert, nach 1850 wurden die märchenhaften Bauten von europäischen Forschungsreisenden, unter ihnen der Gründer des Berliner Ethnologischen Museums Adolf Bastian, neu „entdeckt“. Im Europa des beginnenden Historismus war man reif für die so andersartige Schönheit der Khmer-Kunst. Der französische Forscher Henri Mouhot etwa schrieb 1862 mit Blick auf den Angkor Vat: „Wer kann uns den Namen jenes Michelangelo des Ostens nennen, der ein solches Werk erdacht und alle seine Teile in höchster Meisterschaft aufeinander abgestimmt hat.“ Eine Frage, die wie so viele andere zur Tempelstadt bis heute unbeantwortet geblieben ist.

Das Wunder von Angkor lockt inzwischen jährlich eine Million Besucher an, neben Touristen vor allem buddhistische Mönche und Pilger. Der Angkor Vat ist wieder zum spirituellen Zentrum und identitätsstiftenden Symbol Kambodschas aufgestiegen. Er ziert das Staatswappen der 1993 begründeten konstitutionellen Monarchie: als Zeichen der kulturellen und geistigen Rückbesinnung nach dem Bürgerkrieg, der Schreckensherrschaft der Roten Khmer und der Vietnamesischen Besatzung, die Kambodscha zwischen dem Ende der sechziger Jahre und den Pariser Friedensverträgen 1991 vollständig isoliert hatten. In dieser Zeit war Angkor sowohl für internationale Wissenschaftler wie für Gläubige und Touristen unzugänglich. Erst 1992 wurde der Tempelpark in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen.

Als Einladung, das Kulturerbe der Khmer kennenzulernen, darf auch die Ausstellung im Gropius-Bau verstanden werden. Wibke Lobo vom Ethnologischen Museum Berlin und die amerikanische Khmer-Spezialistin Helen Ibbitson Jessup vertrauen als Kuratorinnen ganz auf die Schönheit der ausgestellten Skulpturen. Gezeigt werden rund 140 Werke, entstanden zwischen dem 7. und frühen 20. Jahrhundert: das ganze brahmanische Pantheon von Shiva und Vishnu bis zur umwerfend sinnlich dargestellten Göttin mit dem unaussprechlichen Namen Bhagavati Mahishasuramardani; und natürlich die Buddhas und Bodhisattvas mit ihrem erleuchteten Lächeln. Neunzig Prozent der Skulpturen kommen als Leihgaben aus dem Nationalmuseum Phnom Penh und aus kambodschanischen Provinzmuseen. Auf Stücke aus Privatsammlungen hat man wegen der Raubgrabungsproblematik konsequent verzichtet.

Den Kultbildern gleichrangig in ihrer bildhauerischen Feinheit sind die wenigen ausgestellten Architekturfragmente. Türstürze und Portalrahmungen erscheinen über und über mit filigranen Reliefs geschmückt. Ansonsten bleibt das Thema Architektur auf ein Modell des Angkor Vat, atmosphärisch dichte Schwarzweißfotografien von Jaroslav Poncar und eine für das Gesamtverständnis von Angkor empfehlenswerte 3-D-Rekonstruktion der Technischen Universität Darmstadt beschränkt. Ganz so konzentriert wie in der noch bis 28. Mai in Dahlem laufenden Tibet-Ausstellung werden die Informationen im Gropius- Bau leider nicht gebündelt. Doch beide Ausstellungen beweisen mit Blick auf die Planungen zum Humboldt-Forum, wie aufregend und publikumswirksam außereuropäische Kunst sein kann. In Bonn kamen 180 000 Besucher, um Angkors Schätze zu sehen.

Eine Ausstellung in der Ausstellung macht mit dem „German Apsara Conservation Project“, dem deutschen Beitrag zur Restaurierung von Angkor, vertraut. Es wird seit zwölf Jahren von Restaurierungsspezialisten der Fachhochschule Köln organisiert und vom Auswärtigen Amt im Rahmen seines Kulturerhalt-Programms gefördert. Ein Vorzeigeprojekt: Für nur 1,9 Millionen Euro, die das Auswärtige Amt seit 1995 in das Angkor-Projekt investiert hat, konnte ein über 20- köpfiges deutsch-kambodschanisches Restauratorenteam aufgebaut werden, das mittlerweile nicht mehr nur die Reliefs am Angkor Vat konserviert, sondern als „Restaurierungsfeuerwehr“ auf dem gesamten Gelände zum Einsatz kommt.

Als Nebenprodukt der (im internationalen Vergleich gleichwohl bescheidenen) deutschen Restaurierungskampagne in Angkor entstanden die wunderbaren Fotografien der über 500 Meter langen Reliefs an den Umgangsgalerien des Angkor Vat von Jaroslav Poncar. In Originalgröße fotografierte er im Slit-Scan- Verfahren, bei dem das Motiv auf einem einzigen Negativ abgelichtet wird, auch das fast hundert Meter lange Relief, das den Kampf der Götter mit den Dämonen darstellt. Ein Ausschnitt daraus hängt nun in der Ausstellung. Von einem mächtigen Streitwagen aus schlägt Vishnu seine Gegner in die Flucht. Es ist der Sieg des Lichts über die Finsternis, eine Art Pergamon-Fries der Khmer-Kunst: Die größte Prügelei findet im Tempel statt. Und die schönste dazu.

Martin-Gropius-Bau, bis 29. Juli. Der Katalog (Prestel) kostet im Museum 28 Euro, im Buchhandel 59 Euro.

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