Kultur : Das Glück der zehn Minuten

Ein Star und seine Show: Seltsame Erlebnisse bei dem Versuch, Rod Stewart in London zu treffen

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London, 6.30 Uhr. Wieder mal Regen. Perfekter Halt fürs Haar. Wegen Schnupfen und Druckausgleichproblemen funktioniert nach der Landung nur noch ein Ohr. Das benutze ich für ein Telefongespräch mit einem Bamberger Journalisten, er soll Süddeutschland auf Rod Stewart vorbereiten. Wir treffen uns unter dem Meeting Point Quader. Der Kollege hat etwas von Walter Sedlmayr, musste gestern Carmen Nebel covern und ist müde und schweigsam. Bereitet sich vielleicht mental vor: Einen Probenbesuch und fünfzehn Minuten Interview werden wir mit Ladies Love Rod the Mod haben, 65 Jahre alt, früher Rocker, heute Weichspüler. Er wird auf seiner Tournee drei Mal in Deutschland spielen, in Berlin in der O2-World. Sedlmayr und ich nehmen ein schickes London-Taxi zu den Pinewood-Film-Studios, wo die Probe stattfindet. Das riesige Areal wirkt verlassen, in einem Durchgang hängen Gedenkvignetten für „Carry On“, die britische Komödienreihe der sechziger Jahre, in der ununterbrochen kichernde Frauen von notgeilen Limeys gejagt wurden.

Hinter den grünen Türen von Stage D sollen wir Rod um zwölf Uhr treffen. Auf der Bühne in der geräumigen Halle steht die Begleitband, drei sympathische Backgroundsängerinnen mit A-, B- und D-Körbchen summen „uuuhs“ und „aaahs“, eine kleine Bläsersektion pustet, aus einem weißen Clayderman-E-Piano fließen auch Streicher. Über die große Leinwand dahinter tanzen im Takt Sterne (bei den Schnulzen) oder eckige Trickmännchen (bei den Abgehstücken). Nur Rod fehlt. Am Schlagzeug prangt das Celtic-Emblem-Kleeblatt.

B-Körbchen kommt in einer Pause zu uns, die wir auf ein paar Stühlen im Dunkeln sitzen, und gibt uns freundlich ihre warme Hand. Ich schnorre am improvisierten Musikerbuffet einen Brocken Baguette, ein Käsestück und eine Ecke Möhre, im Flugzeug gab es nichts, und es ist fast halb zwölf. Sedlmayr will nichts essen und schweigt. Der Gitarrist dudelt „The wind cries Mary“.

Außer Sedlmayr und mir ist noch israelische Presse da: Zwei Männer ohne und ein Mann mit Kippa, und zwei nette Frauen. Sie haben ein britisches EB-Team gemietet, der Kameramann hat einen tollen Bart und Augen wie Ewan McGregor. Meine Laune hebt sich, sogar das Ohr geht langsam auf. Die Israelis schnattern leise, und um 12.45 Uhr taucht Rod auf, man erkennt ihn an der großen Blondine mit den Ugg Boots und dem Fotoapparat. Penny Lancaster, so heißt seine 39-jährige Frau, ist Model und Fotografin. Rod trägt Turnschuhe, eine an den Knien kaputte Jeans, ein weißes Jackett. Er ist topfit, braun gebrannt, guckt mürrisch.

Seine Frau dagegen rennt zu den Backgroundsängerinnen und umarmt sie. Rod redet mit einem seiner Tonleute. Nach drei Minuten plötzlich Aufregung: Wir sollen bitteschön alle rausgehen. Rod „will erst mal alleine anfangen“, Instruktionen folgen. Ich wundere mich: Hat er uns überhaupt schon entdeckt, zwischen den Boxen und den Technikern? Wir gehen, die Israelis, der hübsche und der andere Brit und die deutsche Delegation, und stehen im eiskalten Treppenhaus herum. Wohin jetzt? Keiner kennt was, Ewan McGregor und sein Kumpel behaupten, in Pinewood gäbe es nix. Die Münchnerin und ich protzen mit den Bavaria-Studios und Babelsberg, da könnte man ja Tag und Nacht … hier dagegen … unfassbar.

Wir quetschen uns in den Israeli-Van, die Brits haben ihr eigenes Auto, und fahren Kolonne bis zum doch vorhandenen Pub. Alle haben Hunger, niemand traut sich zu bestellen, falls wir wieder reingerufen werden, wenn wir uns gerade über Fish und Chips hermachen. Die Israelis nehmen Zwiebelringe, das geht schnell, Ewan und sein Kumpel essen ungerührt Steak, die kennen sich aus mit Stars. Wir gucken Fußball, die Müncherin leiht mein Handy, weil ihres fast leer ist, und sie auf den Anruf von Moira, der Tourmanagerin wartet. Wir reden über das Interview, eine Fußballfrage als „Icebreaker“ sei gut, meint sie. Im Hintergrund läuft Rod Stewart, wir können es kaum fassen.

Wir diskutieren, wann wir mit dem Alkohol anfangen sollen, eine der Frauen schlägt Kneipenspiele vor. Da ruft Moira an: Schnell, Rod will jetzt. Es ist 14.30 Uhr. Wir sausen zu Stage D, Moira erklärt uns, dass Sedlmayr und ich zusammen nur zehn Minuten kriegen, und die Israelis (Internet, Fernsehen und Print) 25 Minuten. Aber hopphopp. Ich nestle das Aufnahmegerät raus, da hocken Sedlmayr und ich auch schon auf zwei Stühlen Rod gegenüber. Los.

Haben Sie schon mal geweint nach einem Fußballspiel? Oft, sagt er. Aber jetzt bitte Musikfragen. Wissen Sie noch in welcher Situation Sie waren, als Sie „Maggie Mae“ geschrieben haben? Kleines Haus in Nordlondon, Ronnie kam rüber und half mit den Akkorden. Sie sind Sam- Cooke-Fan, spielen Songs von ihm – haben Sie ihn damals live gesehen? Nein. Waren Sie mal bei seinem Grab? Nein. Haben Sie noch Kontakt zu jemandem aus der Mod-Szene? Nein. Zu Jeff Beck? Nein. Haben Sie sich gestritten? Vielleicht. Sie scheinen Kinder zu mögen, hat es Sie verändert, Vater zu werden? Ja, vor allem weil sie mit einem amerikanischen Akzent aufwachsen.

Sedlmayr ist dran. How do you get you fit? My wife and children. Warum spielen Sie jetzt Soul statt Rock? Wir spielen beides. Ich versuche es noch mal mit Sport. Gucken Sie auch Bundesliga? Ja. Für wen sind Sie? Schalke. Puh, immerhin. Sedlmayr. Würden Sie etwas ändern an den letzten vierzig Jahren, wenn Sie könnten? Nein, alles war spitze so. Wir sind durch. Rod sagt tschüss, und rennt zum Kamerateam. Sedlmayr und ich schleichen hinterher und spannen. Vor der Kamera ist Rod anders, viel freundlicher, vielleicht mag er keine Deutschen mit lustigem Akzent? Oder keine Icebreaker? Oder hat er das mit dem Baguette mitbekommen!? Er lacht, als die nette Internet-Israelin ihn interviewt, und ruft „You have to come to my show!“ in die Kamera.

Ich kaufe Lolli-Lichtschwerter und die „Vanity Fair“ mit halbnackten WM-Spielern, trinke Guinness, lerne alles über die Ampelkennzeichnung und esse viel in Rot. Nachts um halb zwölf bin ich zu Hause. Das Ohr ist wieder zu, auf meinem Aufnahmegerät zehn Minuten Rod Stewart. Eine Woche später haben die Pinewood-Studios Bankrott angemeldet, der neue Bond ist abgesagt. Rod Stewart kommt trotzdem.

Rod Stewart tritt am Sonntag, 4. Juli, in der Berliner O2-World auf, 20 Uhr, Tickets ab 76,- €

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