Kultur : Das Glück des Augenblicks

Das Deutsche Historische Museum eröffnet den Pei-Bau mit der Ausstellung „Idee Europa – Entwürfe zum Ewigen Frieden“

Von Christian Schröder

Europa, das war ursprünglich bloß der Name einer phönizischen Königstochter. Sie war so attraktiv, dass sich Zeus sofort in sie verliebte, als er sie mit ihren Gefährtinnen am Meer spielen sah. Der Göttervater verwandelte sich in einen weißen Stier, und als sie auf seinen Rücken kletterte, schwamm er mit ihr ins Meer hinaus. Sie landeten auf Kreta und hatten drei Kinder miteinander. Die Geschichte klingt nach einer Romanze, ist aber eigentlich ein Kriminalfall: Entführung und Vergewaltigung – bei der Geschichte Europas gehören Schönheit und Schrecken von Anfang an zusammen.

In der Berliner Ausstellung „Idee Europa“, mit der das Deutsche Historische Museum nun seinen furiosen, von Ieoh Ming Pei entworfenen Neubau einweiht, ist dem Gründungsmythos des Kontinents ein ganzes Kabinett gewidmet. Neben einem hinreißenden römischen Mosaik aus dem 1. Jahrhundert nach Christi, das den Moment der Entführung in vielfiguriger Lebendigkeit festhält, ist dort auch ein unscheinbares Trankopfergefäß in Stierform zu sehen, das um 1300 vor Christi in Zypern entstand. Stiere wurden in der Antike kultisch verehrt, erst mit dem Beginn des Ackerbaus hatte sich die Zivilisation von Mesopotamien aus in den Mittelmeerraum vorgearbeitet. Dass sich die Griechen ihren höchsten Gott in Stierform vorstellen konnten, erscheint logisch. Der Stier ist ein Leitmotiv dieser Ausstellung, er begleitet den Besucher bei seinem Rundgang von der Ur- und Frühgeschichte bis in die Gegenwart.

Die Nackte und das Biest

Ein bronzener Stierkopf Picassos, 1931/32 gegossen und aus dem Pariser Musée Picasso entliehen, gehört zu den Prunkstücken der Moderne-Abteilung. Der kraftvolle Primitivismus des Tierhauptes erscheint wie ein später Reflex auf das Kultgefäß aus Zypern. Fünf Jahre nach dem Bronzekopf taucht Picassos Stier erneut auf, als sinnlos abgeschlachtete Leidensgestalt auf seinem „Guernica“-Gemälde. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs schien der Traum von einem friedlichen Europa endgültig ausgeträumt. Ein paar Kabinette weiter hängt eine Pastellskizze von Johannes Grützke: Eine nackte Europa hockt mit lässig baumelnden Beinen auf einem Stier, der auf der Berliner Mauer entlangläuft. Europa überwindet alle Hindernisse. So ähnlich kam es dann ja auch.

Die Ausstellung, von einem kleinen Team um die Kuratorin Marie-Louise von Plessen zweieinhalb Jahre lang vorbereitet, ist ein kultur-, sozial- und mentalitätshistorisches Mammutunternehmen. Das Thema ist einigermaßen abstrakt, deshalb kommt der vollständige Titel nicht ohne zwei Unterzeilen aus: „Idee Europa. Entwürfe zum ,Ewigen Frieden’. Ordnungen und Utopien für die Gestaltung Europas von der pax romana zur Europäischen Union“. Entwürfe, Ordnungen, Utopien, das klingt trocken, aber von Plessen hat sich um maximale Sinnlichkeit bemüht. Präsentiert werden rund 450 Exponate, die auf 1500 Quadratmetern entlang einer so genannten „Zeitachse“ auf zwei Stockwerken in neun ineinander übergehenden Räumen arrangiert sind. Jeder Raum steht für eine Entwicklungsstufe der europäischen Geschichte, vom „Kontinent des Glaubens“ über das „Konzert der Nationen“ bis zum „Vereinten Europa“.

Die Idee Europas ist noch lange nicht verwirklicht, der Istzustand des Projekts bloß eine „Baustelle“, wie die Überschrift des vorletzten Kapitels lautet. Baustellen sind Provisorien, die Vereinten Staaten von Europa werden kommen. Jedenfalls endet die Schau optimistisch, mit fröhlich bunten Flaggenentwürfen für den künftigen Staatenbund. Ergänzt werden die aus ganz Europa, vom Louvre über das Londoner Imperial War Museum bis zum Warschauer Zentrum Karta, zusammengetragenen Objekte durch Ton- und Filmdokumente. Da jubeln tausende Kinder de Gaulle 1962 nach seiner „Rede an die deutsche Jugend“ zu, Margaret Thatcher warnt 1988 in einem Vortrag am Europa-Kolleg in Brügge noch immer vor den deutschen „Hunnen“. Europapolitik: ein seltsamer Tanz, zwei Schritte vor und einer zurück.

Ideen lassen sich schwer abbilden, das ist das Problem vieler historischer Ausstellungen. Auch die „Idee Europa“ wird von der gefürchteten „Flachware“ der Urkunden, Holzschnitte, Landkarten und Fotos dominiert. Aber diese Flachware ist erlesen. Eine ottonische Weltkarte aus Borgia-Besitz, um 1000 auf Eisen graviert, zeigt das Weltbild des Hochmittelalters: Europa steht im Zentrum und drängt Asien an den Rand, drumherum erobern Segler die Meere. 1461, als die Türken schon den halben Balkan erobert haben, droht Papst Pius II. in schwungvoller Handschrift dem Sultan Mohammed II. bei einem weiteren Eindringen in das „Innere der Christenheit“ mit einer fürchterlichen Niederlage und empfiehlt ihm ein „zweiter Konstantin“ zu werden, sich also taufen zu lassen. Und auch von einem neuzeitlichen Dokument wie dem Original des Locarno-Vertrages, 1925 von Stresemann, Briand und Chamberlain unterschrieben, geht trotz seiner protokollarischen Schlichtheit noch ikonischer Glanz aus.

Es gibt die Partitur von Beethovens Ode „An die Freude“, Cranach-Grafiken und „Simplicissimus“-Titel, gotische Buchmalereien und eine auf Stoff gezogene Samisdat-Ausgabe von Solschenizyns „Archipel Gulag“. Es ist ein dichter Parcours durch eine lange Geschichte, vom Ausstellungsarchitekten Helge Sypereck über zwei Etagen in kühlen Wandfarben und expressionistisch zerklüfteten Vitrinen inszeniert. Begrüßt wird der Besucher von einer römischen Victoria, Symbol imperialen Anspruchs, die sich auf der Weltkugel erhebt. Rechts daneben zeigt ein Diptychon des Kölner Malers Jörg Frank den Kontinent als abstraktes Farbschlierengewimmel, darüber steht: „Work in Progress“. Von den Kriegen der Vergangenheit in eine chaotische, aber friedvolle Zukunft: Auf diesem Weg sieht die Ausstellung Europa.

Zeiten der Venus, Zeiten des Mars

Der amerikanische Politologe Robert Kanal konstatierte unlängst polemisch, Europäer seien von der Venus, Amerikaner hingegen vom Mars. Während die Amerikaner bereit sind, gegen das Böse notfalls auch in den Krieg zu ziehen, hätten sich die Europäer in einem kuscheligen Scheinfrieden eingerichtet. Kanal könnte sich von der Ausstellung bestätigt fühlen. Die europäische Geschichte, das ist die These, läuft geradezu zwangsläufig auf den Zustand jenes „Ewigen Friedens“ hinaus, von dem Dichter und Philosophen seit Jahrhunderten träumen. Nebenwidersprüche – wie die Kriege im ehemaligen Jugoslawien – werden ausgeblendet. Doch die Ausstellung zeigt auch, wie mühsam und blutig der Weg zu jenem relativen Frieden war, der im Kerneuropa erst seit knapp sechzig Jahren herrscht. „Der Friedenszustand unter Menschen ist kein Naturzustand, er muss gestiftet werden“, schrieb Kant 1795 in seinem Traktat „Zum ewigen Frieden“. Paradoxerweise war es der Krieg, der in Europa den Frieden stiftete. Mit dem Zweiten Weltkrieg endete eine Kette immer grausamerer Konflikte, die Völker waren erschöpft. Churchill formulierte 1946 eine Vision: „Wäre jemals ein vereintes Europa imstande, sich in das gemeinsame Erbe zu teilen, dann genössen seine drei- oder vierhundert Millionen Einwohner Glück, Wohlstand und Ehre in unbegrenztem Ausmaße.“

Das vielleicht eindrucksvollste Objektensemble ist um Picassos Stierkopf gruppiert. Neben der Vitrine mit einem „Volksempfänger“ und Goebbels’ Rede über „Das nationalsozialistische Deutschland als Faktor des europäischen Friedens“ hängt das berühmte „Selbstporträt im Versteck“, das Felix Nussbaum 1944 malte. Nussbaum überlebte in einem Brüsseler Dachgeschoss, bis er im Juni 1944 denunziert, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Auf einer Landkarte, die er neben seinem abgemagerten Gesicht wiedergibt, hatte er das Vorrücken der Allierten verfolgt.

Die Ausstellung endet mit einem griechischen Relief aus dem 2. Jahrhundert, das den Kairos, den geflügelten Gott des günstigen Augenblicks zeigt. Ein Appell an die Europäer: Das Glück ist flüchtig, man muss es rechtzeitig ergreifen.

Bis 25. August, täglich 10-18 Uhr, Dienstag geschlossen. Der im Henschel Verlag erschienene Katalog kostet 25 Euro.

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