Kultur : Das Glück des Flüchtigen

Ein Millionengewinn im Lotto. Aber nach sechs Jahren war alles weg. Dann fing er an zu stehlen – 69 Mal

Marc Neller[Effelder]

Claus W. findet, es wäre nur folgerichtig, wenn er eine zweite Chance bekäme. Schließlich ist er ein Sonntagskind. Er trinkt nicht, er raucht nicht. Das beteuert der schmächtige Mann mit der rotblonden Otto-Schily-Frisur und dem knautschigen Gesicht vor Gericht immer wieder; als ob das hier in Effelder in Thüringen herausragende Charaktermerkmale wären. Gestanden hat er auch, das Meiste jedenfalls. Und außerdem: Er ist Lottomillionär.

Vielmehr war er das mal. Das Glück hat sich auf unbestimmte Zeit von ihm abgewendet. Heute ist der arbeitslose Fliesenleger Claus W., 49, über die Dörfer im Thüringer Wald hinaus als „Einbrecherkönig“ bekannt. Und über seine nähere Zukunft hat gerade das Landgericht Meiningen bestimmt: Viereinhalb Jahre soll er einsitzen, für 69 Diebstähle, von denen er nur wenige nicht gestanden hat. Aus seiner Zeit als Lottomillionär ist Claus W. eine Armbanduhr geblieben, eine Breitling für 2600 Euro. Aus der Zeit davor seine Begeisterung für Fußball.

In Effelder aber, einem Ort mit 1700 Einwohnern, in dem mittags die Rentner am Gartenzaun stehen, hat plötzlich jeder gewusst, dass sich das abgezeichnet hat mit dem Claus. Und irgendwie vermissen alle, Nachbarn oder nicht, Geld und Gegenstände.

Am 26.November 1997 gewinnt Claus W. im Mittwochslotto 1526498 Mark und 20 Pfennige. Für einen, der nicht spielt, hat er regelmäßig getippt; jede Woche zwölf Kästchen, immer „seine“ Zahlen: 5, 10, 13, 16, 18 und 39. Und, auch das ist eine Art glückliche Fügung: Zwei Monate vor dem Gewinn hat er die Scheidung eingereicht, der Ex-Frau steht also nichts von dem Gewinn zu. Dass Claus W. das Geld trotzdem in sechs Jahren durchgebracht hat, versteht so recht niemand in Effelder. Er selbst auch nicht.

Gearbeitet hat Claus W. nach dem Lottogewinn nicht mehr. Erst, weil er ja auch so Geld hatte. Dann, weil ein Lottomillionär doch nicht auf ein Arbeitsamt geht. Nur, woher sollte das Geld kommen, das er brauchte, um seine drei Kinder so reich zu beschenken wie bisher?

Geld, sagt Claus W., habe in seinem Leben nie eine besondere Rolle gespielt. Was er brauchte, hatte er. Seine Mutter sagt: „Ohne den Gewinn wäre das alles nie passiert.“ Inge W. ist gerade 70 geworden, ihr Leben lang hat sie in der Spielzeugfabrik im Ort gearbeitet. Dort hat die Frau mit dem breiten rötlichen Gesicht Wackeldackel und Hutablagen für Autos montiert. Mit der Welt und ihrem Sohn war sie zufrieden. Einer, der wenig redet zwar, anders als die Töchter. Aber so sind sie, die Männer hier. Und ihr Sohn war ein guter Junge. Nur Fußball im Kopf, beidbeinig geschossen, in der Bezirksliga immerhin. Und trotzdem hat er, als er Bauarbeiterlehrling war, „nebenher auf der Abendschule für einen besseren Schulabschluss gebüffelt“.

Der Fußball und der Westen. Schon als Junge verehrt Claus den FC Bayern München. Später, da ist er Mitte 20, will er rübermachen. Was heißt eigentlich rüber? Für viele in der Gegend ist Effelder schon zu DDR-Zeiten eher Bayern als Ostdeutschland, so nah ist die Grenze. Die Mutter seines besten Freundes erfährt von den Fluchtplänen. Er glaubt, sie will ihn verraten, und schlägt ihr eine Bierflasche über den Kopf. Es ist 1980.

„War nur eine Platzwunde“, sagt er. Das Gericht sieht das wegen des Fluchtplans anders: versuchter Mord, Claus W. soll fünf Jahre ins Gefängnis von Brandenburg. Aber dort hat er Glück. Der Polizeichef von Ost-Berlin kann einen guten Fliesenleger brauchen, er lässt gerade seine Datsche ausbauen. Claus W. wird vorzeitig entlassen, der Polizeichef hat sich für ihn eingesetzt. Kurz nach der Entlassung lernt Claus W. Elke kennen. Eine gute Partie, sagt seine Mutter zu ihr. Er trinkt nicht, spielt nicht. Nur ein bisschen Lotto. Sechs aus 49, die alten Zahlen.

Obwohl er nicht trinkt, verliert er zweimal den Führerschein. Einmal wird er mit 1,6 Promille erwischt, dann mit 2,0. Da ist der Führerschein weg und außerdem sein Job als Fahrer. Ein Trinker war er nicht, sagen die Kollegen im „Bayernzimmer“, ein Schläger auch nicht. Faul, das schon; einer der immer die anderen arbeiten ließ; ein Einzelgänger. Im „Bayernzimmer“, wo das Pils 70 Cent kostet, treffen sich die Fußballfans, um alle Bayern-Spiele im Fernsehen zu gucken. Claus W. ist ihnen zum Rätsel geworden.

Führerschein weg. Scheidung. Dann der Lottogewinn. Claus W. schenkt der Mutter und einer seiner Schwestern jeweils 100000 Mark. Die andere Schwester, der Schwager und die Tochter dürfen sich ein neues Auto aussuchen. Er verleiht viel Geld, Zigtausende, lässt sich von Anlageberatern und von zwei Freundinnen ausnehmen. Die Mutter unterdrückt ihre Tränen nur mühsam, wenn sie das erzählt. Er baut ein Haus, viel zu groß und zu teuer. Es ist noch nicht fertig, da geht die Baufirma Pleite. Trotzdem erfüllt er seinen Kindern jeden Wunsch. Handys, Computer, Klamotten. Wenn Bayern München ein Heimspiel hat, fahren sie hin. Sie haben drei Dauerkarten.

Nach fünf Jahren geht Claus W. das Geld aus. Er verkauft das Haus für einen Bruchteil dessen, was es gekostet hat, und zieht wieder bei seiner Mutter ein, wo auch die eine Schwester mit ihrer Familie wohnt. Er hat sechs Quadratmeter unterm Dach: ein Kinderzimmer mit Bett, Schrank, Fernseher. An der Wand hängt gerahmt das Plakat mit der Gewinnsumme, das ihm die Schwester geschenkt hat. Seinen Mercedes gibt er weg, damit er die Kinder weiter beschenken kann. Er wird wieder jener Eigenbrötler, der er vor dem Gewinn war. Drei, vier Tage lang redet er nicht. Wenn die Mutter ihm Fragen stellt, antwortet er nicht. Sie lässt ihn in Ruhe.

Ab 2003 kann Claus W. selbst den Mindestunterhalt für die Kinder nicht mehr zahlen. Ziemlich genau ab dieser Zeit häufen sich die Einbrüche in der Gegend. Autoscheiben werden eingeschlagen, Handys, Bargeld, CD-Spieler verschwinden. Zunächst steht eine Familie im Verdacht, die kürzlich aus Rheinland-Pfalz zugezogen ist. Zugezogen und vorbestraft, also wenn die es nicht waren, flüstert man im Ort. Die Familie war es nicht, aber sie ist weggezogen, weil sie die stummen Anfeindungen nicht mehr ertragen hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Claus W. steigt immer öfter auch in Wohnungen und Geschäfte ein, „aber nur, wo die Tür offen stand“.

Einmal erwischt ihn eine alte Frau. Er entschuldigt sich, wünscht guten Tag und verschwindet. Ein anderes Mal lässt er in einem Nachbarort einen tragbaren Computer mitgehen. Zuhause sieht er in einem Katalog, wie teuer das Gerät ist. In der kommenden Nacht bringt er es in einer Tüte zurück und hängt es an den Gartenzaun. Er weiß das noch alles. In den Vernehmungen und vor Gericht kann er sich an alle Einbrüche erinnern, Adresse, Datum, Uhrzeit, Beute. Jedes Detail.

Bargeld gibt er nicht zurück. Er bringt seine Jungs zum Fußballtraining, am Wochenende fährt er sie zu ihren Spielen. Das kostet. Er spielt Lotto, er braucht den zweiten Gewinn, aber der kommt nicht. Stattdessen kommt eine Sonderkommission der Polizei, die über ein Jahr lang hinter dem rätselhaften Einbrecher her war. Eine Nachbarin hat der Polizei erzählt, dass Claus W. sich nachts rumtreibe. Mehr nicht. Die Kripo weiß nichts, sie beschattet ihn einfach mal. Als die Polizisten ihn abholen, erwartet Claus W. sie im Trainingsanzug, Modell Bayern München, auf dem Sofa. Er habe was geahnt, sagt er.

Jetzt also bewohnt er eine Zelle und wartet auf die zweite Chance. Solange er im Knast sitzt, füllt die Schwester für ihn die Lottozettel aus. Jede Woche 16 Kästchen, die alten Zahlen. Sein Anwalt sagt, Claus W. sei manisch-depressiv. Er hat ein psychiatrisches Gutachten beantragt. Aber die zweite Chance lässt sich Zeit. Der Gutachter hat Claus W. nicht entlastet und der nächste Lottocoup kommt immer noch nicht. Kürzlich hat die Ex-Frau angedroht, dass er seine Kinder nie wieder sehen wird. Die beiden Söhne, 15 und 18, und die Tochter, 20, halten noch zu ihm.

Auf einer seiner Einbruchstouren ist Claus W. vor sich selbst geflüchtet. Er stand in einem langen Hausflur, an dessen anderem Ende tauchte ein Schatten auf. Da hat er zugesehen, dass er schleunigst verschwindet. Später stellte sich heraus: Im Flur stand ein Spiegel.

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