Kultur : Das Glück hat Räder

MARION AMMICHT

Manch einer hat sich über die Frage nach dem guten Leben schon das Hirn zerbrochen, sich und andere mit tausend klugen Worten um Sinn und Verstand gebracht.Auch der Designer Jasper Morrison hat von Berufs wegen immer wieder darüber nachgedacht.Doch ein Mann der vielen Worte ist er nicht.Er zeigt anstelle einer Antwort bei der Eröffnung der Ausstellung "Stand der Dinge" in der Berliner Oberbaum City nur wortlos in die hintere Ecke des Raums.Da, einsam und allein, auf einem weißen zylindrischen Sockelpodest: ein Klapprad - in Ausehen und Gestalt höchst absonderlich.Das dreieckige Alugestell ist wie eine Harley aufgebockt, Sattel und Gepäckträger huckepack, die Handbremsenhebel am verkümmerten Lenkerfortsatz wie Fühler neugierig nach vorne gereckt.

Über 2000 Design-Objekte aus der aktuellen Jahresproduktion hat der Brite Jasper Morrison im Auftrag des internationalen Designzentrums Berlin gesichtet und 200 davon für das "Internationale Designjahrbuch 1999 / 2000" ausgewählt.Hundert davon sind zur Zeit unter dem Titel "Stand der Dinge" in der Berliner Oberbaum City ausgestellt."Die Besten der Besten sozusagen", witzelt Minimalist Morrison, der die Postmoderne für eine Art "Midlife-Crisis" hält und glaubt, daß die "an ihrer eigenen Humorlosigkeit" zugrundegegangene klassische Moderne, jetzt da die Krise überwunden ist, vor dem Hintergrund neuer Ideen und Technologien mit neuer Kraft die Zukunft weisen wird.

Zu den "Besten der Besten" zählt Morrison beispielsweise seine Kollegen Philippe Stark, Enrico Baleri und Julian Brown.Lustige, quietschbunte Fliegenklatschen gibt es da zu sehen, knuffig weiche aufeinanderpfropfbare Sitzpilzkissen und Tesafilm-Abroller mit großen Kulleraugen in der Gestalt eines Gürteltiers.Seine Fundstücke hat Morrison auf skulpturartigen Podesten aufgebaut, die in überdimensionierter Form den vier Buchstaben "i", "d", "y" und "b" nachempfunden sind.Die Buchstaben verweisen auf die aus London stammende Idee des "international design yearbook".Eine subtile Installation des Klangkünstlers Anthony Moore weist mit kreisförmig umherziehenden, synthetischen Klängen den Weg, der vorbeiführt an Marcel Wanders überdimensionalen, papierweißen Nachttisch-Stehlampen, Herbert H.Schultes stahlrohrbalancierten Leuchtkugeln und Jorge Pensis edel verformtem Buchenholzgestühl.

Dann endlich: das Klappfahrrad."Das ist aktuelles Design, das mitten aus dem Leben kommt", schwärmt Morrison, der selbst jüngst für die Stadt Hannover eine neue Straßenbahn entworfen hat.Das Klapprad ist das einzige Objekt der Ausstellung, das aus England stammt, was für den Briten Morrison, der selbst vorwiegend für italienische und deutsche Firmen arbeitet, schon deswegen bemerkenswert ist, weil er das Desinteresse der englischen Industrie gegenüber zeitgenössischem Design nur zu gut aus eigener Erfahrung kennt.Mitten im Londonder Straßenverkehr hat der 40jährige Brite mit der randlosen Sixties-Brille das Vehikel entdeckt und gleich selbst ausprobiert.Wenige Handgriffe nur, schon ist das Ding auf Buggy-Größe zusammengeschnurrt und sieht aus wie eine Kobra, vom Flötenton aus dem Korb gelockt."Das ist schön und funktioniert.So soll es sein.Das ist Lebensqualität", sagt Morrison.Womit für ihn die Frage nach dem guten Leben auch schon hinreichend beantwortet ist.

So unterschiedlich Morrisons Fundstücke vom preiswerten Ikea-Schemel bis zum edlen, italienischen Möbelstück auch sind - eines haben sie gemeinsam: Sie sind alles andere als elitär, einfach zu begreifen in ihrer formalen und funktionalen Genialität, unaufdringlich in der Wirkung und doch jedes für sich ein charakteristisches Einzelstück.Wer Morrisons Spurensuche nach dem aktuellen "Stand der Dinge" in der Berliner Oberbaum City folgt, begreift, daß die Antwort auf die Frage nach dem guten Leben irgendwo nur mittels gesundem Pragmatismus und einem ausgeprägten Sinn für Humor zu finden ist.Und daß sie zuweilen schlicht und einfach wie ein Klapprad ist.

"Stand der Dinge", Internationales Design Zentrum Berlin, bis 20.Juni, Di.-So., 11-19 Uhr, Katalog 58 Mark

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