Kultur : Das Glück im Himmel

Einsamkeit und Natur (II): der Dokfilm „Carpatia“ feiert Landschaften

Hans-Jörg Rother

Nur wer in Erdkunde gut aufgepasst hat, weiß wohl genau, wo die West-, Wald-, Ost- und Südkarpaten liegen und dass dieser Faltengebirgszug von der Donau bei Bratislava bis ins rumänische Banat reicht. Die Ukraine, Rumänien, die Slowakei und Polen haben an der gekrümmten Bergkette, zu der auch die Hohe und Niedere Tatra, die Mala Fatra, das Slowakische Erzgebirge und Teile der Beskiden gehören, Anteil. Doch nicht um diese Begriffe zu vermitteln, sind Andrzej Klamt und Ulrich Rydzewski in die einsame Gegend aufgebrochen; sondern um einen großen filmischen Rahmen mit intensiven Menschen-Porträts sowie berührenden Landschaftsbildern zu füllen. Schon 1998 arbeiteten sie für „Pelym“, einen bestürzenden Bericht aus Sibirien, zusammen – zwei Regisseure, die mit ihrem Wiener Produzenten Nikolaus Geyrhalter ein ausgeprägtes Interesse an Osteuropa verbindet.

Die Episoden sind weder chronologisch noch geographisch geordnet. In Siebenbürgen sahen sich die Regisseure zweimal um, nur dass sie dafür einmal die rumänische Bezeichnung „Transsilvanien“ verwenden. Das Thema schlägt die vielleicht schönste Begegnung mit einem Bergbauernpaar in der Ukraine an. „Hier ist es näher zum Himmel“, sagt die Frau und preist sich und ihren Mann glücklich, dass sie den Naturgewalten trotzen und ein zwar hartes, aber freies Leben auf dem Berghof führen. Für Reisen fehlt es an Zeit und Geld.

Einsame Waldbewohner ziehen die Autoren magisch in ihren Bann. Da ist eine junge Rumänin, die mit ihrer Mutter den Erbhof bewirtschaftet und als Verkäuferin im Dorf dazuverdienen muss. Sie bekennt, noch nie verliebt gewesen zu sein und auf Erden kein Glück zu erwarten, umso mehr aber im Himmel. Ein seit der Kindheit verkrüppelter Besitzer eines Hofs in der Slowakei dagegen lacht fröhlich in den Tag und weiß: „Gott wird nicht helfen.“ Immer wieder beten Menschen – etwa drei alte Frauen in einer Holzkirche, die auf deutsch ein „Ave Maria“sprechen, oder die Männer in der Synagoge von Kolomya (Ukraine). Nur drei Juden haben den Holocaust in dieser Stadt überlebt, und der eine erzählt in einem wunderbaren Jiddisch. Den Gegenpol zu diesen armen, doch wohlgemuten Menschen verkörpert ein junger Bergmann in einer rumänischen Goldgrube, der in gutem Englisch gegen wirtschaftliche Ausbeutung protestiert.

Schön hat die Reise in der Vormoderne begonnen, bitter endet sie in der globalisierten Welt. Kein Gespräch vergeht, ohne dass Zwischenschnitte neue Facetten der Landschaft liebevoll ins Auge fassen. Rauschende Flüsse, Gewitter, Blumen am Wegesrand – vieles von dem, was Rydzewskis Kamera eindrucksvoll einfängt, hält leider immer wieder den Erzählfluss auf. Dafür wirken die Gespräche zuweilen etwas steif, als seien die Autoren, die sich sprach- und ortskundiger „Scouts“ bedienen mussten, mit den Leuten nicht recht warm geworden. „Carpatia“ will vor allem ein ethnographisches Dokument sein: Berghörner ertönen, Musikanten spielen auf, und die Lebenslust vermischt sich mit der Klage.

Filmkunsthaus Babylon und fsk

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