• „Das Glück ist immer weiter gewachsen“ Klarinettist Karl Leister spielte bei der Eröffnung

Kultur : „Das Glück ist immer weiter gewachsen“ Klarinettist Karl Leister spielte bei der Eröffnung

Foto: privat
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Herr Leister, als Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker waren Sie bei der Eröffnung des Scharoun-Baus am 15. Oktober 1963 dabei. 50 Jahre später spielen Sie als Einziger der damaligen Besetzung auch beim Jubiläumskonzert mit. Was bedeutet Ihnen dieser Saal?

Er ist das größte Geschenk, das Berlin jemals erhalten hat. Der Saal ist von einer zeitlosen Schönheit, seine Akustik ist nach wie vor sensationell. Man muss immer wieder Herbert von Karajan loben, der mit seinem Finger auf Scharouns Modell zeigte und nicht auf einen der übrigen klassischen Schuhkarton-Entwürfe.

Sie haben die Bauphase aus nächster Nähe beobachten können.

Auf der Baustelle habe ich sogar einen Film gedreht. Bei der Grundsteinlegung hat Karajan den Hammer geschwungen und alles Gute gewünscht. Die Politiker zeigten damals große Weitsicht, denn die Philharmonie entstand ja mitten in der „Wüste“. Alle wünschten sich, dass dieser Ort nach einer Wiedervereinigung Deutschlands wieder in die Mitte von Berlin rücken würde. Dabei konnte niemand ahnen, was 1989 passieren würde. Als der Bau der Philharmonie begann, gab es ja noch nicht einmal die Mauer. Später hatten wir sie immer im Blick, inmitten einer trostlosen Landschaft.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Eröffnungskonzert?

Wir Philharmoniker waren glücklich, endlich wieder einen eigenen Saal zu haben. Beim Festakt zur Eröffnung spielten wir vormittags die 3. Leonoren-Ouvertüre, die „Fanfaren“ von Blacher und den zweiten Satz aus dem Streichquartett Nr. 77 von Haydn, der die Melodie des Deutschlandliedes enthält. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt und Kultursenator Adolf Arndt hielten Ansprachen. Dann überreichte Hans Scharoun dem Intendanten Wolfgang Stresemann die Schlüssel. Abends führten wir unter Karajans Leitung Beethovens Neunte auf. Die Atmosphäre war unbeschreiblich.

Und wie wurden die folgenden Jahre?

Das Glücksgefühl ist immer weiter gewachsen. Ich lernte die Werke in der Philharmonie ganz neu kennen. Die Akustik im Saal der Musikhochschule in der Fasanenstraße, wo wir vorher auftraten, war völlig anders. Optisch erinnert mich die Philharmonie an die Weinberge der Toskana. Ich habe den Saal immer als Landschaft erlebt. Wenn wir mit Karajan die Sechste von Beethoven aufführten und das Hirtenmotiv im letzten Satz kam, sagte ich mir: „Schau mal, mehr als 2000 Schafe hören dir zu!“

Mit Karajan sind Sie 30 Jahre lang aufgetreten. Welches Verhältnis hatten Sie?

Die Stelle im Orchester bekam ich mit nur 21 Jahren, Ende 1958. Anfangs war es nicht einfach, Karajan näherzukommen. Wir haben uns dann aber fabelhaft verstanden. „Der Leister, das ist mein Solo-Klarinettist“, so hat er mich überall vorgestellt. Karajan war ein Klangmensch und konnte uns unglaublich für seine Musik begeistern. Das Faszinierende an ihm war auch die Ernsthaftigkeit, die aus seinem Gesicht sprach, wenn er dirigierte. Das hat sich auf das Orchester übertragen.

Auch nach Ihrem Abschied aus dem Orchester 1993 sind Sie der Philharmonie weiter treu geblieben.

Als ich eine Professur an der Musikhochschule Hanns Eisler annahm, konnte ich kein festes Orchestermitglied mehr sein. Abbado hat mich aber gebeten, weiter mitzuspielen. Das habe ich noch vier Jahre lang als Aushilfe getan. 2008 lud mich auch Rattle ein. Und am 20. Oktober werde ich beim Jubiläumskonzert wieder dabei sein. Das ist eine riesige Zeitspanne. Oft sitze ich als Zuhörer in der Ehrenloge. Das Orchester war meine Familie, und meine Liebe zur Philharmonie ist mit den Jahren sogar immer stärker geworden.

Das Gespräch führte Corina Kolbe.

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