Kultur : Das Glück liegt in der Vertikalen

POESIE-FESTIVAL

Jörg Plath

Die Wand ist schön gekachelt, 64 Meter hoch und gehört zu einem Plattenbau nahe der Jannowitzbrücke. Ganz oben hängt ein Mann über die Dachkante in die Nacht hinein, so schräg, dass er eigentlich längst gefallen sein müsste. Ob er den bulgarischen Chor unten hört, der ihm kehlig entgegensingt? Ob er das Mara! Ensemble hört, das eine ruhige Balkan-Musik mit Jazzelementen spielt? Ihm schreitet der Tänzer entgegen, die Fassade herab, mit ruhigen, ins Leere fallenden Schritten. Und dann sieht man das Seil aus seinem Rücken ragen.

„Legs on the Wall“ heißt das australische Ensemble, das die Vertikale als Tanzfläche nutzt und schon die Olympiade 2000 in Sydney eröffnete. Heute abend beginnt das von der Literaturwerkstatt in der Backfabrik ausgerichtete Poesiefestival Berlin damit. Das Stück „Homeland“ beruht auf einem Gedicht des 1924 in Bulgarien geborenen Australiers Stefan Kozuharov. In „Sezoni“ (Jahreszeiten) erinnert er sich an seine Heimat. Mit dem Martenita Choir, dem einzigen bulgarischen Chor Australiens, entstand die Vertonung der Verse über Heimweh, Liebe und die Hoffnung auf Ernte. Der Tänzer ist in der Mitte der Fassade angekommen. Ist es Zufall, dass er wie auf Christusdarstellungen einen Arm mit geöffneter Hand halb ausstreckt? Solisten treiben den Chor in Melodiefragmenten voran. Die Tänzer eilen über die ganze Fassade. Unter ihren Füßen wechselnde Projektionen: Collagen aus Hausmauern, Visastempel mit den Rubriken Name, Geburtsdatum usw., daneben Gesichter in Schwarzweiß: Einwanderer, für die ein Text Anerkennung fordert.

26.6. bis 5.7., jeweils 23 Uhr, Lichtenberger Straße (Ecke Holzmarktstr., nahe S-Bahnhof Jannowitzbrücke).

0 Kommentare

Neuester Kommentar