Kultur : Das göttliche Kind: selbstgebastelt

PHILIP KITCHER

Vor ein paar Wochen teilten Forscher einer texanischen Universität mit, daß sie eine Schenkung über 2,3 Millionen Dollar von einem Ehepaar erhalten hätten, das es vorzieht, anonym zu bleiben.Was das Ehepaar als Gegenleistung verlangt, sei - ein Hund.Natürlich nicht einfach irgendein Hund, sondern ein Welpe, dessen Zellen genau dieselben Gene enthalten wie Missy, ihre geliebte zwölfjährige Hundedame.

Niemand weiß, ob ihnen das Glück beschieden ist, ein Klon von Missy - teils Schäferhund, wenn auch kein Schaf - zu erhalten, aber die Wissenschaftler der Universität erhoffen sich neue Erkenntnisse über die Reproduktion von Hunden.Sollte tatsächlich ein Welpe entstehen, wird er wohl das teuerste Knuddeltier der Welt sein, aber ob er Missys vermutlich liebenswerte Eigenschaften aufweist, ist recht ungewiß.Aussehen und Temperament hängen, bei Hunden wie bei Menschen, sowohl von den Genen als auch von den Umweltbedingungen ab.Wenngleich Missy II.von denselben Leuten aufgezogen werden würde, die auch Missy I.gehegt und gepflegt haben, wird es zwangsläufig feine Unterschiede geben, und sei es nur, weil den stolzen Besitzern nicht mehr ganz die Energie zur Verfügung steht, die sie vor zwölf Jahren aufbringen konnten.Das Unterfangen, Missy neu zu erschaffen, ist hoffnungslos, und selbst der Versuch, einen Missy sehr ähnlichen Hund zu erhalten, könnte scheitern.

Seit der Existenz Dollys, des berühmtesten Schafes der Welt, sind viele Menschen von dem Gedanken fasziniert, daß das Klonen es ermöglichen könnte, geliebte Wesen, deren Leben dem Ende zugeht, zu ersetzen.Die biologischen Schwierigkeiten liegen auf der Hand.

Alle Organismen, wie niedrig auch immer, sind mehr als die Summe ihrer Gene.Besonders im Fall unserer eigenen Spezies, und zu einem geringeren Ausmaß bei unseren tierischen Lieblingen, hängen die uns wichtigen Charakteristika von komplexen Interaktionen zwischen Genen und Umwelt ab.Erweckt man einen neuen Menschen oder ein neues Tier mit den Genen eines anderen zum Leben, erhöht man zwar die Chance, daß der Neuankömmling ebenfalls die gewünschten Eigenschaften besitzt, aber mehr ist nicht zu erwarten.

Klonen als "Ersatz"-Technologie zu betrachten, ist nicht nur biologisch verworren, sondern auch moralisch verwerflich.Phantasien, früh verstorbene Kinder zu "doppeln", zeigen eine ungute Einstellung dem werdenden Leben gegenüber.Die Eltern hoffen, das Szenario für das neue Kind selbst schreiben zu können, indem sie sein Leben nicht als etwas sehen, das vom Kind in eigener Regie, so gut es geht, zu entwickeln ist, sondern als Abklatsch eines früheren Lebewesens.Eine der wesentlichen Faszinationen des Klonens rührt von einem Impuls her, den viele Eltern in sich spüren (und dem sie meist widerstehen): dem Wunsch, daß sich das Leben des Kindes auf eine Weise entfalten möge, die ihnen am genehmsten ist.Von James Mills egomanischem Wunsch, seinen Sohn zum Intellektuellen zu formen - verdeutlicht in einem strengen Erziehungsprogramm, mit dem dem jungen John Stuart seit seinen Kindertagen Griechisch, Latein und Hebräisch eingebimst wurde -, bis zu den Vätern, die bestrebt sind, in ihren Söhnen ihre eigene tatkräftige Jugend wiederzuerschaffen, sind Eltern versucht, die Lebenskonturen ihrer Kinder vorzugeben."Ersatz"-Klonierung wäre ein extremer Fall und für das Kind eine unerträgliche Bürde.

Sollte es eine legitime Rolle für das Klonen von Menschen geben, wird sie in den Randzonen der reproduktiven Technologie zu finden sein, ein letzter Ausweg für die, die keine andere Möglichkeit haben, gesunde Kinder zu bekommen.Aber dieses Szenario ist etwas weit hergeholt - wie wahrscheinlich ist es denn, daß es keine Alternativen gibt? Es würde kaum schaden, verböte man das Klonen von Menschen ganz.

Die zentralen moralischen Fragen, die sich durch das "Ersatz"-Klonen auftun, werden jedoch nicht verschwinden, sondern sich aufgrund der rapiden Entwicklung in der genetischen Forschung immer wieder aufdrängen.Während das Human-Genom-Projekt immer mehr DNA-Sequenzen entschlüsselt, lernen wir immer mehr über die Korrelationen zwischen besonderen Abschnitten des genetischen Materials und menschlichen Merkmalen, die uns im Alltag begegnen.Dieses Wissen wird nicht sofort dazu führen, diejenigen Eigenschaften, die uns gefallen, zu fördern, und diejenigen zu vermeiden, die uns nicht gefallen.Statt dessen wird der vorrangige Nutzen in einer vergrößerten Fähigkeit liegen, die DNA von Menschen zu testen, die reif sind, die jung sind, selbst die ungeborener Föten.Einige dieser Tests könnten uns nützliche Informationen liefern, aber sie werden uns auch mit der Qual der Wahl konfrontieren.

In den nächsten fünfzehn Jahren wird das Klonen von Menschen immer noch eine biologische Phantasie sein, aber es wird zum wissenschaftlichen Alltag gehören, die Gene von menschlichen Embryonen zu bestimmen.Vielleicht werden angehende Eltern in der Lage sein, die Chancen abzuschätzen, wieviele Tausende von verschiedenen Merkmalen ihre Kinder haben können - oder sind es Zehntausende? Den Tests ganz und gar abzuschwören könnte als Gipfel der Unverantwortlichkeit erscheinen, denn von diesen Tausenden von Tests werden sich einige mit schlimmen Entwicklungsbehinderungen, genetischen Abnormitäten befassen, die ein sinnvolles Leben nicht möglich machen.Doch ist dies nicht die einzige Art der Information, die zukünftigen Eltern zur Verfügung stehen wird.Wenn der Genberater mit einem langen Computerausdruck aus dem Labor kommt, werden die besorgten Eltern von einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Blind- oder Taubheit, frühkindliche Diabetes, Alkoholismus oder negatives soziales Verhalten sowie Details über Physiognomie oder Körperbau erfahren.Sollen sie den Berater in seiner Aufzählung unterbrechen, wenn er zu diesem Teil der langen Liste kommt?

Eltern, die dem Impuls nachgeben, das Leben ihrer Kinder zu diktieren, werden bestimmt mehr wissen wollen.Wird Peters Körperbau ihn für die geplante Karriere als Fußballer prädestinieren? Wird Anna das Zeug haben, eine erfolgreiche Ärztin zu werden? Und auch die, denen nur das Glück ihres Kindes am Herzen liegt, in welcher Form auch immer, werden sich überzeugen wollen, daß seiner Entwicklung keine unüberwindlichen Schranken im Wege stehen.Insofern kann man den unteren Teil der Liste des Beraters nicht ignorieren.In einer Gesellschaft, die Kleine, Dicke, Ungeschickte, langsam Lernende, Zauderer, "Schwierige" und Menschen, die sich vom eigenen Geschlecht angezogen fühlen, diskriminiert, wird es wichtig sein zu erfahren, ob die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten dieser Eigenschaften besondere Beachtung findet.

Im "Ersatz"-Klonen wird der Wunsch deutlich, zu selektieren, ein Wunsch, der wahrscheinlich in der Zukunft in abgewandelter Form bei Tausenden von pränatalen genetischen Tests mitspielt.Bis zu dem Punkt, daß unsere Gesellschaft ein niedriges Humanitätsideal vertritt und jene bevorzugt, die groß, schlank, heterosexuell, extrovertiert und intelligent sind, und bis zu dem Punkt, daß sie harte Wettbewerbe veranstaltet, in denen es tolle Sieger und ausgegrenzte Verlierer gibt; selbst solche Eltern, die ihren Kindern lediglich die Chance auf ein glückliches Leben sichern wollen, ohne es ihnen zu diktieren, werden sich dem Druck ausgesetzt fühlen, einer Idealvorstellung nachzukommen.Finden wir keine Wege, diesen Mißstand zu vermeiden, ist ein häßliches Wiederaufleben der Eugenik - verkleidet als Tausende von Entscheidungen für Konformität - fast unvermeidbar.

Bevor wir uns aber auf Phantasien über das "Ersatz"-Klonen einlassen, tun wir gut daran, uns über die Implikationen des genetischen Testens klarzuwerden.Ein breiter Informationsstrom, ermöglicht durch die wunderbaren Fortschritte in der molekularen Genetik, wird eine Gesellschaft überfluten, die für den weisen Gebrauch des Gelernten schlecht ausgestattet ist.Gänzlich Abstand nehmen von pränatalen Tests können wir auch nicht - die Tragödien von Menschenleben, die durch Mutationen in ihrer Entwicklung schwer beeinträchtigt sind, sprechen dagegen.Doch wie können wir verhindern, daß der vorteilhafte Einsatz von Tests Teil einer weitergehenden Praxis wird, die die häßlichen Vorurteile und harten Konkurrenzbedingungen unserer Gesellschaft widerspiegelt und perpetuiert?

Zweifellos werden die texanischen Wissenschaftler mit ihrem Geldsegen weise umgehen und dabei neue Einblicke in die Reproduktion von Hunden gewinnen.Doch sind ihre Bemühungen nur eine Randerscheinung, nicht nur weil sie einer wirren Phantasie über einen geliebten Hund entspringen.Trotz all der Tinte, die verschwendet wurde, ist die Diskussion über die Klonierung von Menschen nebensächlich, denn die moralischen Fragen, die sie aufwirft, werden erst akut durch die pränatalen Vorhersagen, die in ein paar Jahren verbreitet sein werden.

Die wahre Herausforderung besteht darin, die Weisheit zu erlangen, unser neues genetisches Wissen dem richtigen Zweck zuzuführen, Leiden vorzubeugen und gleichzeitig die moralische Verkommenheit einer neuen Eugenik zu vermeiden.



Deutsch: Ursula Grützmacher-Tabori

Philip Kitcher ist Professor an der University of California in San Diego und Mitarbeiter am Human-Genom-Projekt.Seine Studie "Genetik und Ethik.Die Revolution der Humangenetik und ihre Folgen" erschien bei Luchterhand in deutscher Übersetzung.

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