Kultur : Das große Fressen in der Musikindustrie

Ralph Geisenhanslüke

Warum die Fusion von Warner und EMI eine Branche erschüttertRalph Geisenhanslüke

Die Nachricht war schon am Vorabend Talk of the town. In Cannes, wo sich anlässlich der Musikmesse MIDEM gerade etwa zehntausend Menschen aus der Branche aufhalten, ist die Mundpropaganda schneller als jede Agentur. Normalerweise gehört es zum Ritual der Konzerne, bei Pressekonferenzen in noblen Hotels neue Deals bekannt zu geben: neu verpflichtete Stars, strategische Allianzen, sich eröffnende Märkte. Mit solchen Erfolgsmeldungen versichert sich die Branche ihrer selbst. Danach arbeiten die Manager beim traditionellen Golf-Turnier noch ein wenig an ihrem Handicap, und man fährt wieder heim in der Gewissheit, dass der Kuchen für alle reicht. Diesmal aber warf ein Deal seinen Schatten über die sonnige Croisette, dessen Auswirkungen niemand überschauen kann: die Fusion von Warner Music Group und EMI - die größte in der Musikgeschichte - kurz nachdem der Time-Warner-Konzern selbst an den Online-Riesen AOL gegangen ist. Das 21. Jahrhundert beginnt schneller als erwartet.

An den Messeständen, bei Konzerten, in Bars und Restaurants - es gibt in diesen Tagen kein anderes Thema. Man redet nicht über Kleinigkeiten wie etwa die Kooperation von Microsoft und Telekom. Die Vorstellung von Geschäften, die mehr Wert sind als mehrere europäische Staatshaushalte, wirkt für viele bedrohlich. Schließlich wurde die Branche bereits im vergangenen Jahr erschüttert von den Schluck-Bewegungen der multinationalen Konzerne. Polygram ging zu Seagram und wurde mit Universal Music zusammen geschlossen. EMI, die vor zwei Jahren bereits Virgin Music kaufte, nahm sich Intercord zur Brust, die letzte große deutsche Plattenfirma, die nicht in der Hand eines Multis war. Dass EMI seit der Trennung von dem Elektro- und Rüstungskonzern Thorn vor zwei Jahren zum Verkauf stand, war ein offenes Geheimnis.

Nun gehen die Spekulationen weiter: Was wird Bertelsmann tun? Steht nach dem geplatzten EMI-Deal der Musikbereich von Sony auf dem Speisezettel? Oder warten die Gütersloher nur auf den größten Brocken, die Universal Music Group? Für die Mitarbeiter wird es allmählich lästig, ständig neue Visitenkarten drucken zu müssen. Wenn der Konzentrationsprozess so weiter geht, werden sich bald nur noch zwei Global Players gegenüber stehen, glaubt David Gould, Geschäftsführer des amerikanischeen Internet-Anbieters customdisc.com. Ein Redakteur des schwedischen Branchen-Magazins "Musikindustrin" sieht die "Armageddon Days" kommen, den Tag des jüngsten Gerichts in der Musik-Branche. Von den 3000 Arbeitsplätzen, die bei EMI wegfallen, spricht niemand - ebenso wenig wie vom eigentlichen Grund der Messe: Musik. Die wird in Zukunft ohne Unterlass aus der weltumspannenden Warner-EMI-Juke-Box kommen. 2500 Künstler hat die neue Nummer eins unter Vertrag. Rund 2000 Alben pro Jahr sollen sie veröffentlichen.

Einst behauptete die EMI "The Greatest Recording Organisation In The World" zu sein. Doch dann erlebte das Flaggschiff der britischen Pop-Geschichte, groß geworden mit den Beatles, eine ähnliche Entwicklung wie die Warner Music Group: sinkende Umsätze wegen zu wenig zugkräftiger Titel und zu viel Drumherum. Ab einer gewissen Größe ersticken die Konzerne an sich selbst. Sie verlieren das Ohr für neue spannende Musik, und jeder Schritt, den sie wagen, verursacht immense Kosten.

Chris Smith, der britische Staatsminister für Kultur, macht einstweilen gute Miene zum großen Spiel. Von den Musikern und Bossen seines Landes wird er geschätzt, weil er, anders sein deutsche Kollege Naumann, immer wieder die Bedeutung der Pop-Musik für die heimische Wirtschaft hervorhebt. Sie trägt dort zum Außenhandelsüberschuß so viel bei wie die Stahlindustrie. Doch bei seinem Messe-Besuch blieb auch ihm nur die Feststellung: "Es wird mehr Platz für kleine, unabhängige Firmen geben."

An der Croisette wirbt ein Plakat für ein Casino. Darauf ist eine pink geschminkte ältere Dame zu sehen, Schmetterlingsbrille, zu kurzer Rock, sehr aufgekratzt. Darunter steht, übersetzt: "Das Spiel, die Party - das ist der Croisette-Effekt." Geht es den großen Musik-Konzernen nicht ähnlich? Ein bißchen füllig geworden mit den Jahren, jede Menge Geld in der Tasche, aber eigentlich bleibt ihnen nur das Vergnügen, Zocken zu gehen? Bei diesem Roulette werden die Jetons allerdings nicht in Cannes verteilt, sondern in New York, London oder Gütersloh.

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