Kultur : Das große Menscheln

Werbespot für die Papstbranche: ein Kinofilm über Johannes XXIII.

Thomas Lackmann

Einen Papst zum Knuddeln hat die Welt noch nicht gesehen. Mit diesem Pontifex beginnt das große Menscheln im Vatikan. Der Vorgänger, Pius XII., war ein unnahbarer Aristokrat. Der Neue macht Witze über die eigene Figur und verdoppelt das Gehalt seiner Sänftenträger. Der Neue geht zum Volk und redet normal, das gab es noch nie. Der Neue will die Fenster der muffigen Kirche öffnen, den Wind der Moderne reinlassen. Der Neue ist 74 Jahre bei Amtsantritt, das typische Übergangsmodell, von den Strippenziehern im Kardinalskollegium historisch unterschätzt. Als er stirbt, ist er Papst für die ganze Welt, TV-Kameras bewachen sein Schlafzimmerfenster.

Das Leben Angelo Roncallis (geboren 1881) ist ein Jahrhundert-Plot. Der lombardische Bauernsohn macht kirchliche Karriere, bleibt auf der Seite der kleinen Leute, wird kurialer Diplomat, rettet als Nuntius Juden vor der Deportation in Vernichtungslager, wird Patriarch von Venedig. Als Bischof von Rom (1958–1963) besucht er Kranke und Gefangene, startet ein Reform-Konzil, verhindert durch Gebete und Appelle den Atomkrieg, empfängt sowjetische Funktionäre und wird von Chruschtschow als „Heiliger“ bezeichnet. Er schafft es, in der zweitausendjährigen Apparatur seiner Institution eine lebendige Person mit Charme zu bleiben.

Regisseur Ricky Tognazzi hätte dem Mysterium nachspüren können, warum die überwiegend nichtkatholische Menschheit eines säkularen Zeitalters sich danach sehnt, den römischen Oberhirten als lieben Papa zu erleben. Er hätte seinen Helden auf dem Hintergrund kirchlicher Stagnation auftreten lassen können; das pompöse Korsett der Zeremonien, die Spannung zwischen Amt und Individuum, wie sie sich im Pluralis Majestatis des Petrus-Nachfolgers bis Ende der 1970er Jahre ausdrückte, hätte seiner Erzählung psychologische Kontraste verliehen. Er hätte in das sentimentale Klischee vom Fortschritts-Papst Roncalli innere Dramatik bringen können durch die differenzierte Darstellung des Gottesmannes, der eine großartige, fromme und gelassene Persönlichkeit war, aber theologisch eher altmodisch, so dass er Battista Montini (seinen Nachfolger Paul VI.) als progressiven Berater brauchte.

Stattdessen inszeniert Tognazzi, „basierend auf dem Leben“ der geschichtlichen Figur, ein Weihrauch-Szenario mit globalem Umfeld, in dem alle irgendwie nett sind – außer ein paar reaktionären Kurien-Funktionären, die beim Tod ihres grundgütigen Chefs irgendwie bereuen. Für den Psycho-Thrill erfindet er Jugendfreunde, den bösen Kardinal Mattia und Nicola, den lieben Zweifler jüdischer Herkunft, aber Kardinal Montini, der intellektuelle Vertraute, taucht nicht auf. Für die Tränendrüse zeigt er den Papst nicht nur mit geretteten Judenkindern, was bei allem Kalkül ans Herz gehen muss, sondern als Freund eines todkranken Mädchens, was mit unerträglicher Penetranz ausgewalzt wird. Sympathieträger Bob Hoskins, nach eigener Angabe überzeugter Atheist, gibt „Johannes, den Guten“ überraschenderweise rundum liebenswürdig. Ennio Morricone kübelt Soundtrack über die Stadt und den Erdkreis, dass man die Engel im Himmel hört.

„Johannes XXIII. – Für eine Welt in Frieden“ ist ein Werbespot für die Papst-Branche: der erste Spielfilm zum Thema. Das Genre ist also jung, wäre ohne die Papamania wohl kaum entstanden. Die Inszenierungspobleme eines pontifikalen Bio-Pic ähneln den Vermittlungsproblemen der katholischen Kirche: Wenn man nicht auf Oberfläche und Marketing setzen will, scheint es nicht populär genug. Aber immer nur Knuddeln wird langweilig. Wie übersetzt man Geheimnisse? Das ginge nur über die Poesie, an der Filmkunst führt kein Weg vorbei: Der Papst ist ein Geheimnisträger.

In Berlin nur in den Kinos CinemaxX Potsdamer Platz und Zoo Palast

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