Kultur : Das große Messen

„Macbeth“ eröffnet das Berliner Theatertreffen

Rüdiger Schaper

Wie eine Wahrheitsdroge wirkt unser gutes altes Theatertreffen. Nachdem die Jury in unglaublicher Fleiß- und Kopfarbeit monatelang die Spreu vom Weizen sortiert hat, wird bei den Berliner Gastspielen der „bemerkenswerten“ Inszenierungen eines Jahrgangs dann auch noch der Weizen verdroschen. Oder einfach beiseite gelegt. Zur Eröffnung im Festspielhaus tobte der Düsseldorfer „Macbeth“ über die Bühne, Jürgen Goschs Shakespeare-Exerzitium für sieben meist nackte Schauspieler, die sich eifrig mit Mehl, rotem Sirup und Theaterkacke einschmieren. Und das ist schon der ganze Skandal – ein etwas aus der Kontrolle geratener Kindergeburtstag.

Im Düsseldorfer Schauspielhaus, in Hamburger und Frankfurter Feuilletonstuben schrillen deshalb die Alarmglocken. In Berlin bekommen die Akteure ordentlichen Applaus, alles bleibt ruhig, keine Buhs, kein Getöse – und der Regisseur zeigt sich auch nicht an der Rampe. Man hat schon sehr viel Stärkeres, Ärgeres gesehen. Auch beim Theatertreffen.

Goschs „Macbeth“ tut nicht weh. Man amüsiert sich streckenweise recht gut über die Nackten und die Roten. Über die drei Hexen, die die alte Jango-Edwards-Nummer machen (das Geschlenker nach hinten weggeklemmt) und das große Furzen zelebrieren. Damit wäre nun auch der neuzeitliche Begriff „Ekeltheater“ aus der Welt geschafft. Weil es in Wahrheit gar nicht eklig ist. Eher lustig. Und dann ziemlich langweilig. Sieben kloreiche Krieger laden zweidreiviertel Stunden lang zum Größenvergleich ein, und heraus kommt, dass Shakespeare größer ist.

Zu seiner Zeit durften auch nur Kerle auf der Bühne stehen, Lady Macbeth war also auch im Original eine Travestie. Und da sind wir bei der schönsten schauspielerischen Geschichte dieser ABM– Maßnahme für Theaterputzkräfte: Devid Striesow als Teufelsbraut. Mit Rock und langer schwarzer Perücke zeigt er unnachahmlich, dass Frauen nicht nur anders rauchen als Männer, sondern auch fieser und ehrgeiziger sein können. Übrigens hatte auch das Ehepaar Macbeth keine Kinder, Karriere ging damals schon vor Familienplanung. Eindrucksvoll auch Ernst Stötzner als König Duncan, Macduff usw. So zottelig haben die alten Schotten wohl ausgesehen, und er trägt seine Haut (Bühne und Kostüme: Johannes Schütz) mit großer Würde.

Aber was bringt es, wenn sie in dem schwarzen Bühnenkasten von Anfang an die arme Sau von Kreatur vorstellen? Ein Nullsummenspiel – und man erkennt wieder einmal, dass Gosch zwar ein respektabler Theaterradikalist (und Minimalist) ist, aber auch ein strenger Aufpasser. Das mag hier komisch klingen, aber Goschs Exzesse haben etwas Gesteuertes, eine protestantische Strenge, ja fast etwas Prüdes. Thomas Dannemann als Macbeth: mufflig und blass, der will eigentlich gar nicht König werden und Mörder. Aber er muss. Und dieses Müssen, die Triebkraft, das Geheimnis, das Entsetzen bleibt in weiter Ferne.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben