Kultur : Das große Nein

Norman Mailer (1): Eine amerikanische Legende kommt nach Berlin, spielt Theater und ist gegen einen Irakkrieg

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Von Gregor Dotzauer

Das Wort, auf das alle gewartet haben, fällt erst am Samstagmorgen im Hotel Adlon. Norman Mailer hätte sich viel öffentliche Ungeduld ersparen können, wenn er schon am Vorabend, bei der szenischen Lesung in der Akademie der Künste, sein Nein zu Bushs Irakpolitik verkündet hätte. Aber das aufgesparte „No“ ist auch ein Zeichen seiner Lebendigkeit, mit der er der Kunst den Vorrang vor der Politik einräumt.

All die schriftstellerischen Totenscheine, die ihm Kritiker nach seinem Debütroman „Die Nackten und die Toten“ (1948) regelmäßig ausstellten, all die überstandenen Schnapsdelirien und Ehekatastrophen: Sie reichen für Norman Mailers Erhebung in den Stand des ewigen Lebens. Und trotz seiner fast 80 Jahre, der fortschreitenden Taubheit und der Krücken, die unter seinen Armen klemmen, wirkt er immer noch wie ein Haudegen, dem man besser nicht zu nahe kommt.

In George Plimptons Textcollage „Ernest, Scott und Zelda“ spielt Mailer eigentlich nur den Satelliten Hemingway, der um die stürmische Ehe von Francis Scott und Zelda Fitzgerald kreist. Dennoch haben gegen seine knurrige Präsenz weder Norris Church Mailer, seine Ehefrau Nummer sechs, in der Rolle des flapper girls Zelda mit Südstaaten-Akzent, noch sein Freund George Plimpton, Mitbegründer der legendären Literaturzeitschrift „Paris Review“, eine Chance. Und so schiebt sich die Persönlichkeit der Vortragenden, die bis auf Norris Church Mailer kaum als Schauspieler agieren, vor die Figuren, deren Briefen und autobiografischer Prosa sie ihre Stimme geben. Allein wie sie aussehen: Plimpton im Goldknopf-Blazer mit Krawatte, ein Gentleman, der Fitzgerald vor allem durch seinen Wortwitz ähnelt. Mrs. Mailer, die im Art-Deco-Kleid mit Fransen einen Hauch von Roaring Twenties übergestreift hat. Und dann Mailer mit tief in der Kehle ansetzendem growl: eine Art Fremdenlegionär im hochgekrempelten Khakihemd mit Cargotaschen. Vielleicht nicht der aussichtsreichste Kandidat für einen Hemingway-Lookalike-Wettbewerb, aber der einzige, der herzhaft „Kiss my ass“ sagen darf.

„In Amerika“, sagt Mailer, „fehlt es uns an Mythologien. Ernest, Scott und Zelda machen das wett. Sie sind spirituelle Nahrung.“ Scott soff wie ein Loch und konnte Zelda im Bett nichts bieten. Sie taumelte von einer Psychose in die nächste, tanzte, schrieb und malte zwischendurch. Gemeinsam tobten sie von Party zu Party, lebten auf großem Fuß und liebten einander – bis von beiden nur noch Ruinen blieben. Hemingway, der Zelda nie leiden konnte, war der Bremser: ein strenger Kritiker von Scotts Romanen, bemüht, das schriftstellerische Genie seines Freundes zu schützen.

Schließlich also das große „No“ zu Bushs Irakpolitik: Ein Militärschlag zum jetzigen Zeitpunkt sei nicht zu rechtfertigen. Mailer will seine Haltung als Romancier begründen, nicht als Experte oder Paradelinker, der die Rolle, die er seit dem Vietnamkrieg spielt, manchmal gar nicht mehr mag. „Saddam Hussein ist vielleicht ein Monster, aber ein Terrorist ist er nicht.“ Der Diktator, sagt Mailer, hasse nichts mehr als individuellen Terrorismus: „Wenn ich ein muslimischer Terrorist wäre, würde ich mich jedenfalls als letztes in den Irak begeben.“ Deshalb sei Saddam das falsche Ziel. Zweitens sei eine nukleare Bedrohung durch den Irak im Moment nicht zu belegen. Und ein biochemischer Angriff zöge die sofortige Auslöschung einer ganzen Nation nach sich. Drittens dürfe man George W. Bush nicht dabei unterstützen, die Taten seines Vaters zu übertreffen. Mit einem Angriff würde man auch den flag-conservatives in die Hände spielen, die im Gegensatz zu den Wertkonservativen nur Spiel, Spaß und Geld wollen und sich um das eigene Land einen Dreck scheren.

Schließlich befürchte er, dass man mit einem Militärschlag auch anderen Ländern, wie etwa China, bedeuten wolle, wer in den nächsten 20 Jahren das Sagen habe. Düstere Hypothesen. „No“, sagt Mailer. Er weiß selbst am besten, dass er seine „düsteren Hypothesen“ nicht belegen kann.

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