Kultur : Das große Schweben

Das ist die Höhe: Von der Auferstehung gibt es nur wenige Bilder. Dabei wimmelt es von Himmelsstürmern und Wolkenkratzern, in allen Religionen

Rüdiger Schaper

„Isabella, all is glowing.

Isabella, all is knowing.

Isabella, we are dying.

Isabella, we are rising.“

Patti Smith, „Easter“

Als habe es über Zeiten und Länder hinweg eine unausgesprochene Verabredung gegeben. Als hätten die großen Meister und ihre Werkstätten, einem inneren Befehl gehorchend, das Thema gescheut und sich aufgespart: Ostern, die Auferstehung, gehört zu den eher raren Bildmotiven der christlichen Kunst. Als wirkte hier zuletzt doch ein göttliches Bildverbot – und die Macht der Fantasie wäre an ihre übernatürliche Grenze gelangt.

Es sticht einem ins Auge, wandert man durch die staatlichen Bildertempel, allüberall: An Verkündigungen, Geburtsszenen, Madonnen, Kreuzigungen, Kreuzabnahmen mangelt es in keinem Museum, in keiner Gemäldegalerie. Ein Beispiel für viele: Die jüngst eröffnete, prächtige Tintoretto-Schau im Prado von Madrid gruppiert sich um das Lieblingssujet des Venezianers – das letzte Abendmahl. Vom Leidensweg, der Vorbereitung auf das ewige Leben scheint die katholische Bilderwelt vollkommen beherrscht, ja besessen. Das blutige Geschehen von Golgatha, das Märtyrertum überhaupt, füllt Wände und Bände, bis dahin und nicht weiter. Der Rest ist Glaubenssache, entzieht sich letzten Endes der bildnerischen Aufdeckung. Und wie auch nicht?

Das volle christliche Bildprogramm scheint sich zu Ostern – es geht um den Augenblick, da der Tod sich geschlagen gibt – einmal selbst zu unterbrechen. Und warum auch nicht? Das Auge erholt sich von den Gemarterten, den Folterszenen, dem durchkomponierten Leiden in all seinen Schattierungen und Ausformungen. Beinahe so, als würden nahezu sämtliche Fernsehstationen in einem Moment den Sendebetrieb einstellen.

Doch: Es existieren Bilder, die den aus dem Grab herausfahrenden Christus zeigen. Sie sind triumphale Machtdemonstrationen, zum Fürchten – für die Menschen, die in diesen Werken Zeuge des Ostersonntags sind, des dritten Tags. El Greco lässt Christus in seiner „Auferstehung“ (um 1600) abgehen wie eine Rakete, mit der Kreuzfahne in der linken Hand, der Zeigefinger der Rechten ist gestreckt, als wollte er sagen: Da seht ihr’s! In der unteren Bildhälfte stürzen nackte Menschen, zu Tode erschrocken, übereinander, als hätten sie auf der Grabplatte gehockt und seien nun der Hölle geweiht. Ein Exzess!

Auf dem Isenheimer Altar des Matthias Grünewald (um 1515) reckt der Auferstandene beide Arme in die Höhe, in Siegerpose. Das Bild ist erfüllt von einer Gloriole, wie von einer Sonne in der Nacht. Bei Giovanni Bellini, der um 1475 eine Auferstehung malte, wirkt die Szenerie friedlicher: Christus, schon entrückt, schwebt in eleganter Haltung über der Landschaft, die Sterblichen untersuchen das leere Grab. Das Zentrum des christlichen Glaubens, die Auferstehung, erscheint in der Kunstgeschichte als seltsame Leerstelle, im Vergleich mit anderen Sujets aus der Heiligen Schrift in ihren zahllosen künstlerischen Variationen.

Martin Luther verteidigte 1521 auf dem Reichstag zu Worms seine protestantischen, gegen die Allmacht der Päpste gerichteten Thesen. In jenem Jahr schuf Jerg Ratgeb, ein schwäbischer Künstler, den Herrenberger Altar (heute in der Staatsgalerie Stuttgart). Auf dem rechten Seitenflügel eine Auferstehung mit durchaus politischer Botschaft, beinahe ein militärischer Sieg: Christus in unwiderstehlicher Aufwärtsbewegung, hinter ihm ein Berg, der aussieht, als sei er im Augenblick von einer vulkanischen Kraft aufgeworfen worden, vorn ohnmächtige, besiegte Landsknechte. Ein Bild aus der Zeit der Bauernkriege. Ratgeb kämpfte mit den Aufständischen, er wurde 1526 wegen Hochverrats verurteilt und gevierteilt.

Eines zeigen die Auferstehungsbilder alle: dass die Fantasie zu spät kommt. Immer ist Christus als Triumphator schon aus dem Grab heraus, befreit, nichts erinnert mehr an den Leidensweg. Was man sieht, oder zu sehen glaubt, ist nicht der Moment des Erwachens aus dem Todesschlaf. Dieses Motiv findet man bei der ebenfalls seltenen und in der Kirche auch nicht sonderlich beliebten Darstellung der Auferweckung des Lazarus, des toten Freundes, den Christus mit seiner letzten Wundertat ins Leben zurückholte. Lazarus sieht stets betrübt, etwas faulig, ratlos aus. Er weiß nicht, wie ihm geschieht.

So wollte man sich den auferstandenen Christus nicht vorstellen. Und so weisen die prekären Auferstehungsbilder voraus und sind im Grunde schon begonnene Himmelfahrten. Oder man zeigte, ein verwandtes Motiv, die „Verklärung des Herrn“ auf dem Berg Tabor im überirdischen Licht, die in der Kirche im August gefeiert wird. Dass Jesus nach seinem Tod für kurze Zeit zur Hölle fuhr, gehört ebenfalls zu diesem Komplex der Flugbilder Christi. Man sieht die Höllenfahrt gelegentlich auf Ikonen der orthodoxen Kirche und fühlt sich an die griechische Mythologie erinnert. An Orpheus und andere, die im Hades, in der Unterwelt, die Zeit zurückdrehen wollten.

Noli me tangere, rühr mich nicht an. So spricht der Auferstandene, der auf der Erde herumwandert, zu Maria Magdalena, der er als Gärtner erscheint. Die malerische Darstellung dieser Szene hat meist etwas Kokettes – und auch unsagbar Trauriges. Es ist wie ein Abschied vom Leben. Ein Abschied, dem etwas Einseitiges, Verhärtetes innewohnt.

Zu Ostern bewegt man sich in einem Zwischenreich – zwischen Erde und Himmel (und Hölle), Leben und Tod. Rühr mich nicht an, das heißt auch: Mach dir kein Bild. An dieser Stelle, spätestens, setzen andere Deutungen ein, andere verschwiegene und unterdrückte Geheimnisse, mit erotischer Färbung: Jesus und Maria Magdalena. Die weltliche Pietà. Martin Scorsese hat darüber den Film „The Last Temptation of Christ“ gedreht, nach dem Roman von Nikos Kazantzakis.

Immer wieder wird man zu Ostern auf den Karfreitag zurückgestoßen, auf die Kreuzigung, den Leichnam, der nirgendwo menschlicher, schrecklicher, erbarmungswürdiger empfunden ist als auf Hans Holbeins Predella „Der tote Christus“, die in Basel im Museum hängt. Auch dies ein Reformationsbild, entstanden 1521/22. In Dostojewskis „Idiot“ spielt dieser schier endlos flach und gemartert Daliegende eine große Rolle. Ein Anblick, bei dem man vom Glauben abfallen kann.

Vielleicht muss man Ostern anderswo suchen. Vielleicht muss man auf Berge steigen, Architektur begreifen.

Mitte des 14. Jahrhunderts ging Athanasios, ein junger Mönch, durchs Gebirge. In Mittelgriechenland entdeckte er eine bizarre Felslandschaft, in der Berge aufschießen wie mysteriöse Pilze, bis zu 300 Meter hoch. Kegel, von Riesen aufgestellt. Athanasios gründete auf einer dieser konischen Eremitagen in schwindelerregender Höhe das erste der Meteora-Klöster. Der Name bedeutet schwebend. Patrick Leigh Fermor, der große englische Reiseschriftsteller und Mentor Bruce Chatwins, beschrieb vor fünfzig Jahren, als hier noch keine Touristenbusse aus Athen und Thessaloniki im Stundentakt ankamen, wie in der Abenddämmerung, wenn sich die Felsen verdunkeln und entmaterialisieren, die steilen Klosteranlagen schier in der Luft hängen und den Himmel berühren, zu „kleinen Himmelsstädten“ werden.

Man kann es sich als Sisyphusarbeit vorstellen, die eines Tages doch von Erfolg gekrönt war: Ein Leben damals reichte kaum, um eine Kirche, ein paar Mönchszellen auf die Meteora-Gipfel zu pflanzen. Es gab weder Treppen noch Rampen, so war es auch sicherer. Stein um Stein wurde hochgehievt, und das war bis ins 20. Jahrhundert auch der einzige Zugang zu den Klöstern: Mit einer Winde wurden die Menschen, über dem Abgrund schwebend, hochgezogen. Die Klöster Metamorphosis und Heilige Dreifaltigkeit verfügen heute über elektrische Seilbahnen, bei deren Anblick sich dem Besucher der Magen umdreht. Auch auf dem Berg Athos auf der Chalkidike, der größten Klosteranlage der orthodoxen Welt, findet man solche Architektur, die mit dem Leben spielt – und mit der Nähe zum Tod. Osterinseln in Europa.

Heilige Berge kennen fast alle Religionen, auch die islamische. In der Kaaba von Mekka ist ein Meteorit eingemauert, das Alte Testament berichtet von den Himmelfahrtskommandos des Moses und Elias auf dem Sinai. Die Meteora-Mönche aber richteten sich in ihrem halsbrecherischen Zwischenreich ein. Im 18. Jahrhundert zeichnete ein russischer Pilger ein Panorama von Meteora; Reproduktionen werden heute als Souvenir verkauft. Auf der kindlich-anschaulichen Karte sieht man überall Leitern, Winden, Haken, Netze und Körbe, die von den konischen Felsen herabhängen, als habe man es mit einer geheimnisvollen Fabrikations- oder gar Richtstätte zu tun. Die Klöster kleben wie auf riesigen, abgesägten Baumstämmen, die Wolken sind greifbar; dort thronen die Gründerväter der Klöster.

Noch in der kleinsten orthodoxen Dorfkirche ist Christus immer schon oben, in der Kuppel, im Himmelsgewölbe.Wie hoch war der Turm zu Babel, der angeblich bis in den Himmel reichte? 100 Meter? 150? Die Cheopspyramide misst heute noch an die 140 Meter, überragt jedoch Kairo, da sie auf einem Hochplateau steht. Kampfjets der griechischen Luftwaffe donnern zuweilen im Zehn-Minuten-Abstand über die Meteora-Klöster. Der Lärm ist so heftig, dass man meint, die Vögel müssten tot von den Bäumen fallen.

Reden wir nicht von Hochhäusern und Flugzeugen. Meteora ist flacher und zugleich höher als das, was unsere Vorstellung davon prägt, am Himmel zu kratzen. Als die Klöster erbaut wurden, muss der Himmel noch als eine Sphäre erschienen sein, an die man sich heranarbeiten konnte, aufopferungsvoll und bußfertig. Seitdem scheint sich diese Sphäre immer weiter zu entfernen, schon rein technisch. In Dubai wird am höchsten Gebäude der Welt gebaut. Angepeilt sind über 700 Meter. Die exakte Höhe wird nicht angegeben, um den geplanten Rekord nicht zu gefährden.

Der Olymp, in der Antike der Sitz der Götter, wurde, so die glaubhafte Legende, zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals von einem griechischen Bergsteiger bestiegen. Uralter Aberglaube soll die Menschen bis dahin von dem Zweieinhalbtausendermassiv ferngehalten haben.

In der griechischen Klosterwelt, die auf dem Athos und in Meteora gipfelt, gibt es Geschichten, die es nicht geben darf. Geschichten von Mönchen, die nach selbstmörderischer Askese, zumal in der Osterwoche, vor Hunger und Erschöpfung abgestürzt sind. Balkone und Erker in einigen dieser Klöster erwecken den Eindruck, als seien sie nur dafür gebaut – dass man über die Klippe gehen kann. Besucher, die hier übernachten, werden vor nächtlichen Spaziergängen gewarnt.

Goethes Osterspaziergang („Vom Eise befreit“) hat ja viel Heidnisches, ein bürgerlich-feierlich-fröhlicher Frühlingsanfang. So will man es haben – und nichts vom untoten Christus, der nach Ostern zwischen den Welten unterwegs ist, in der Schwebe. Fast sechs Wochen bis Christi Himmelfahrt, eine lange Zeit.

Auf den Meteora-Felsen kann man davon etwas erahnen: Sie sind vielleicht für ein lebenslanges Ostererlebnis konstruiert. Von der Klosterterrasse fällt der Blick auf ein Steinungetüm mit seltsamen Einbuchtungen, wie Augen geformt. Hier sollen, lange vor Athanasios und seinen genialen Baumeistern und Freskenmalern, Eremiten gelebt haben. Menschen, die auf die Weiterreise warteten. Die ihre Leichname den Vögeln darbrachten, wie die Parsen in Indien. Athanasios berichtete von einem Geier, in dessen Schnabel der Finger eines Einsiedlers steckte.

Auferstandene, von einer geheimen Kraft in die Höhe getrieben: Wie sonst hätten sie ihre Höhlen erreichen können in säulenglatten Felsen – dort, wo heute Freeclimber Urlaub machen.

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