Kultur : Das große Staunen

Romantik als Trost: Caspar David Friedrich wird in Essen mit einer opulenten Ausstellung gefeiert

Nicola Kuhn

Kunstskandale haben immer schon die Publicity eines unbekannten Werks befördert. Das sollte auch Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) erfahren, ein bis dato über Dresden hinaus kaum namhafter Landschaftszeichner. Die Wende brachte 1809 eine Philippika von Wilhelm Basilius von Ramdohr über seinen „Tetschener Altar“. Punkt für Punkt listete der erzürnte Autor in der Januarausgabe der „Zeitung für die elegante Welt“ die Fehler im inkriminierten Gemälde auf, das für heutige Betrachter nur harmlos ein vom Sonnenuntergang angestrahltes Gipfelkreuz zeigt. Unklarer Betrachterstandpunkt, monierte von Ramdohr unerbittlich, widersprüchliche Kombination aus Nah- und Fernsicht, zu flächige Felsen, unharmonische Farbübergänge. Alles richtig: Der Künstler baute sich die Natur so zusammen, wie es ihm passte. Doch was noch viel schwerer wog: Die ganze Richtung missfiel dem Kritiker, die „pathologische Rührung“ des Betrachters, die Vermengung von Landschaftsmalerei und religiösem Motiv, und überhaupt, der „Mystizismus“.

Unfreiwillig traf der konservative Kammerherr damit den Kern. Denn Friedrich hatte mit seinem „Kreuz im Gebirge“, so der eigentliche Titel, ein Programmbild der Romantik geschaffen. Die Reaktion des Künstlers ließ nicht auf sich warten. In der darauffolgenden Ausgabe des Journals schrieb er zurück. Die Kunst und nicht die Religion sei „der Mittelpunkt der Welt, der Mittelpunkt des höchsten geistigen Strebens“. Der Skandal war perfekt. Ungeschützt hatte sich der Freigeist zu einer Poetisierung der Wirklichkeit bekannt, einer „Romantisierung der Welt“, wie von Novalis gefordert. Der „Tetschener Altar“ markiert einen Wendepunkt auch im Werk des Künstlers; erst mit diesem Bild im Alter von 34 Jahren entdeckt er für sich die Möglichkeit der Ölmalerei und die Bergwelt als Motiv. Indem er eine Landschaft zum Hauptgegenstand eines Andachtsbildes machte, brach er mit allen Regeln – nicht nur der Malerei, sondern auch der religiösen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen.

In der Essener Ausstellung „Caspar David Friedrich. Die Erfindung der Romantik“ steht das Gemälde im Zentrum. Und wieder soll der „Tetschener Altar“ die Sicht auf das Werk des Malers revidieren. Dreißig Jahre nach der letzten großen Schau, damals in Hamburg und Dresden aus Anlass des 200. Geburtstags, offeriert das Folkwang-Museum dem Publikum nicht nur ein opulentes Kunstevent samt glanzvoller Eröffnung am Dienstag in Anwesenheit von Schwedens Königin Silvia . Es will auch ein neues Friedrich-Bild begründen. Der Betrachter soll in ihm nicht länger den religiösen Verschlüsselungskünstler sehen (der dreistrahlige Sonnenuntergang überm Kreuz symbolisiert mehr als nur die göttliche Dreieinigkeit) und nicht allein den politischen Denker (ursprünglich war das Andachtsbild dem schwedischen König und von Friedrich verehrten Napoleon-Bekämpfer zugedacht).

Neuesten Forschungen zufolge gehörte Friedrich zur Dresdner Freimaurerloge und versteckte in seinen Bildern zahlreiche Hinweise darauf. All die Kreuze, Schiffe, Obelisken, Särge und Gräber stehen für die fromme Andacht und Gottesfurcht im Stil der Freimaurer. Das Wissen darum ändert also nicht die Sicht auf den großen Romantiker, denn diese Lesart gilt auch vor dem klassisch-kirchlichen Hintergrund. Dennoch lässt sich nun der geradezu manisch geometrische Aufbau von Friedrichs Kompositionen besser erklären, ebenso wie die sich fast jedes Mal bildende Hyperbel aus Taleinschnitten oder Wolkenformationen oder die Betonung der Dualität durch paarige Anordnung von Menschen, Grabsteinen und Bäumen. Denn Freimaurer glauben an eine kosmische Einheit, an die Vermessung der Welt in den Dimensionen des Alls. Plötzlich bekommen Lineal und Winkeldreieck im Atelier des Künstlers – zu sehen auf einem Bild von Georg Friedrich Kersting – eine zusätzliche Bedeutung.

Mehr Funken lassen sich aus der Erkenntnis von Friedrich als Begründer der Moderne schlagen, als Propagandist einer offenen Bildbefragung, einer individuellen Interpretation. Erstmals entlässt hier ein Künstler den Betrachter in die Freiheit und schreibt ihm nicht länger vor, was er zu sehen hat – womit er ihn gleichzeitig in Ungewissheit stürzt. Diese findet sich reflektiert in der planvoll inszenierten Landschaft. Stets ist der Mensch den Naturgewalten ausgeliefert, sieht er sich mit der schieren Unendlichkeit von Himmel, Wellen, Bergen konfrontiert. Staunend, zur Staffagefigur erstarrt, steht Friedrichs Personal davor – wie der Betrachter. Ergriffenheit, Sinnsuche, Neo-Romantik in der Malerei, das neue Faible für Melancholie (die Berliner Ausstellung schließt am Wochenende mit einem Besucherrekord) – das passt zu unserer Gegenwart. Die Feier Caspar David Friedrichs als Pionier der Moderne und Wegbegleiter in eine unwägbare Zeit fügt sich in das zunehmende Bedürfnis nach Erbauung und zumindest ästhetischer Selbstvergewisserung.

Fast alibihaft hängt die Essener Retrospektive drei Videoarbeiten junger Künstler an den Parcours, als Beweis für die Aktualität von Friedrichs künstlerischen Strategien. Nötig hat er diese Vernetzung nicht, ebenso wenig die Ausstellung selbst – zumal die Werke von Darren Almond, Kimsooja und Olga Chernysheva abseits im Treppenhaus und im Kellergeschoss gezeigt werden. Mit der Zusammenschau von rund 70 Ölgemälden und 120 Arbeiten auf Papier ist dem Folkwang-Museum ohnehin ein Coup gelungen, der sich kaum wiederholen lässt. Die Zusage der vier Hauptleihgeber Berlin, Dresden, Hamburg und St. Petersburg veranlasste viele kleinere Sammlungen, ebenfalls ihre Werke bereitzustellen. So ergibt sich ein einmaliges Panorama.

Hier lässt sich studieren, wie akribisch Friedrich die Natur zunächst zeichnete, wieder und wieder bestimmte Baumformationen oder Wurzelstücke porträtierte, um sie Jahre später als Versatzstücke in seinen Gemälden einzubauen, als hätte es sie niemals separiert voneinander gegeben. Auch Friedrich selbst wird als Figur greifbar in den vielen Selbstporträts: Mal stellt er sich als Grübler dar mit aufgestütztem Kopf und Blick aus dem Fenster, mal grimassierend mit offenem Mund, dann wieder mit weit aufgerissenen Augen, scheinbar sich selbst und den Betrachter fragend: Wer bin ich? Was ist die Welt? Mit jedem Bild, jeder Rückenfigur stellt er diese Fragen neu.

Als Friedrich 1840 starb, geriet sein Werk in Vergessenheit. Erst das 20. Jahrhundert entdeckte ihn als wichtigsten deutschen Maler seiner Zeit wieder. Seine Fragen waren wieder aktuell. Und die Spannung zwischen Ungewissheit und Trost in seinen Werken trat dringlicher denn je hervor. Vor seinen Bildern ist sie bis heute spürbar.

Essen, Folkwang Museum, bis 20. 8., anschließend Kunsthalle Hamburg 7. 10. bis 28. 1.. Katalog (Hirmer) 39,90 €.

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