Kultur : Das große Wechselspiel

Lust und Begehren in der modernen Kunst: die Ausstellung „Das achte Feld“ im Museum Ludwig Köln

Nicola Kuhn

Die Figur ist weltberühmt, die Pose überall bekannt. Doch irgendetwas stimmt hier nicht. Die Frau auf dem Foto ist in Wirklichkeit ein Mann, der eine blonde Perücke à la Monroe trägt, das dick aufgetragene Make-up verbirgt es kaum. Trotzdem versteckt sich hinter der Maskerade kein Kerl, sondern die amerikanische Künstlerin Deborah Kass, die wiederum in die Rolle Andy Warhols schlüpft, der sich Anfang der achtziger Jahre als drag queen herrichten ließ. Allein die karierte Krawatte und das weiße Oberhemd behielt er damals an. Das bei diesem vorübergehenden Geschlechtswandel gemachte Polaroid ist heute eine Kostbarkeit, denn es dokumentiert Warhols Homosexualität, die ansonsten bei der Betrachtung seines Werks meist ausgeblendet bleibt.

Die Konfusion ist damit perfekt: Frau wird Mann, der sich selbst zuvor in eine Frau verwandelt hat. Das hoch komplexe Selbstporträt von Deborah Kass steht neben dem original Warhol-Polaroid im Zentrum der gestern im Kölner Museum Ludwig eröffneten Ausstellung „Das achte Feld“. Denn es vollzieht genau jenen switch, der auch beim Schachspiel immer dann passiert, sobald der Bauer das achte Feld berührt: Er kann dann ausgetauscht werden gegen eine Dame – aus Mann wird Frau, zugleich wandelt sich schwach in stark, wird der Unterdrückte zur Herrscherin.

„Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960“ lautet der Untertitel der 240 Arbeiten umfassenden Schau, die der Berliner Kurator Frank Wagner eingerichtet hat. Homosexualität, Aids in der Kunst sind sein Lebensthema, das er seit jeher in Ausstellungen der Berliner Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst umkreist. Mit dem „Achten Feld“ zieht er die Summe seiner Tätigkeit als engagierter Ausstellungsmacher. Dass die Schau in Köln stattfindet, verdankt sich dem Kontakt zu Museumsdirektor Kasper König und dessen Gespür für Marketing: Denn wohin sonst würde sie besser passen als in die Homo-Hochburg Köln, ein Zentrum der gay community?

Gerade darin besteht auch die Crux der Ausstellung, die mit achtzig hochkarätigen Künstlern fraglos wichtige Werke zusammenträgt. Der Besucher kann sich nie ganz des Eindrucks erwehren, dass sie ein special interest bedient. In den Ohren der Ausstellungsorganisatoren mag das zwar klingen wie ein Rückfall in die graue Vorzeit der Ausgrenzung von Homosexualität. Doch sie selbst bedienen durch die Anhäufung exzentrischer Lebensmodelle – Fotos tätowierter Muskel- boys in Ketten, ein Video über finnische Mädchen, die als Jungs durchgehen, in der Abteilung Transsexualität – das Image des Kuriositätenkabinetts. Der Voyeurismus schaut stets mit; hier kriegt der Affe Zucker. Das schmälert nicht die ergreifende Serie der indischen Fotografin Dayanitha Singh, die einen Hermaphroditen über Jahre begleitet hat. Durch die Annahme eines kleinen Kindes verliert er seinen gesellschaftlichen Status als Glücksbringer und endet kläglich.

Die Kunst hat seit jeher gerade dem Anderen, den Gegenentwürfen einen Schutzort gewährt. Hier darf sie schwelgen, wenn auch nicht genießerisch, sondern häufig geboren aus Leidensdruck. Die Ausstellung versteht sich deshalb als „Bestandsaufnahme zum Topos marginalisierte Sexualität in der Kunst“, was ihren fast enzyklopädischen Charakter erklärt. Trotzdem ist sie kurzweilig, unterhaltsam, anrührend, abstoßend, niemals langweilig. Der Schicksalhaftigkeit in vielen Werken, der erotischen Konnotation kann sich in der über drei Geschosse erstreckenden Ausstellung kaum jemand entziehen.

Außerdem haftet der Ausstellung der Ruch des Skandalösen an, was ihren Aufmerksamkeitswert nur erhöht. Im letzten Moment ließ der Kölner Kulturdezernent ein Plakat verbieten, das von unten einen freien Blick auf das Geschlecht eines Rock tragenden Mannes erlaubt. Nun ziert das Motiv als eye-catcher nur noch den Katalog. In der Ausstellung gehört es zu einer großformatigen Serie von Wolfgang Tillmans. Zu sehen sind Bilder von einem geradezu lyrischen Volksfest im Park, bei dem hunderte Seifenblasen aufsteigen, außerdem ein knutschendes Männerpaar – in diesem Zusammenhang erweist sich das Skandalon als harmlos, in aller Arglosigkeit Ausdruck der reinen Lebenslust. Einen kleinen Aufreger gibt es noch im öffentlichen Raum: Quer über den Rhein, vom Vorplatz des Museums aus, gleich neben Hauptbahnhof und Kölner Dom, grüßt eine rosarote Kopie von Michelangelos „David“, ein Werk Hans-Peter Feldmanns. Der schönste Nackedei der Kunstgeschichte durfte jedoch stehen bleiben.

Der zeitliche Schnitt der Ausstellung ist mit dem Jahr 1960 markiert, als die Pop-Art ins Museum kam. Mit ihr fängt auch die Geschichte des Museums Ludwig an, denn hier machte das Sammler-Ehepaar Peter und Irene Ludwig seine ersten großen Erwerbungen von Rang. Im Entree hängt deshalb programmatisch Jasper Johns’ „Flag on Orange Field“. Neben ihr befindet sich die Regenbogenfahne von Jonathan Horowitz mit einer Widmung an Johns „in the Style of the Artist’s Boyfriend“. Das Nationalsymbol wird umgedeutet in ein Gruppenzeichen, eine Ikone der Kunstgeschichte ein halbes Jahrhundert später privat dechiffriert, denn von Johns’ Homosexualität war bislang nichts bekannt. Interessanter sind da als Vorspann frühe Fotografien aus den Zwanzigern und Dreißigern, die zwitterhaften Selbstporträts von Claude Cahun und Aufnahmen Brassaïs aus Lesbenbars. Sie lassen ahnen, wie es vor dem Beginn der modernen Schwulenbewegung war.

Der Rollenwechsel, das Spiel mit der anderen Identität ist seit jeher zentrales Thema. In Köln darf der Fotokünstler Jürgen Klauke mit seinen exzentrischen Wandlungen natürlich nicht fehlen. Die Fotoserie „Rot“ (1974) gehört nach wie vor zu den stärksten Selbstversuchen einer wechselnden Sexualität vor Kamera: In roter Ledermontur mit roten Stiefeln experimentiert er mit Pelzstola, penisartigen Brüsten und einer vorgehängten Vulva aus weißem Stoff. Klauke gibt den Freak, zeigt die Lust an der Monstrosität, aber auch die Ratlosigkeit. Das Selbstexperiment dient der häufig bitteren Selbsterkenntnis: bei den Maskeraden Cindy Shermans oder Adrian Pipers. Eine Entdeckung ist Daniela Comanis aufschlussreiche Serie „Eine glückliche Ehe“, in der sie sowohl den männlichen als auch weiblichen Partner eines Intellektuellenpaares gibt: Natürlich sucht er im Supermarkt den Wein aus, lässt sie ihn in der Küche kosten. Bei der Autopanne steckt er die Nase in den Motor, sie steht passiv daneben – wie gut, dass die Künstlerin eine Doppelrolle spielt.

Ihren Schwerpunkt hat die Schau in der Fotografie: bei den perfekten Bildern Robert Mapplethorpes, Nan Goldins Reportagen in den Boudoirs der drag-queens, Peter Hujars Freundschaftsbildern, Annette Fricks Aufnahmen vom Christopher Street Day in Berlin. Zu dieser Kunst gehört neben der Parteinahme die Schnelligkeit, das Erfassen des Moments. Die verschlüsselten Gemälde eines David Hockney, Robert Rauschenberg oder Cy Twombly haben dagegen keine Chance – sie sind das stillere Medium.

Allein Marc Brandenburg gelingt das Kunststück mit seinen delikaten Zeichnungen, in denen er Hell und Dunkel verkehrt, als wär’s ein darkroom. Sie zeigen Ausschnitte vom Berliner Tiergarten, ein beliebter Treff für Homosexuelle. Prompt sucht der Betrachter zwischen all dem Blattwerk einen Blick zu erhaschen, und plötzlich wird die Naturstudie spektakulär. Brandenburg trifft damit den Nerv der Ausstellung, die das Aufregende verspricht und zugleich auf hohem künstlerischen Niveau operieren will. Der Schau dürfte hoher Zuspruch sicher sein. Ein Schelm, wer dabei an anderes denkt als an Kunst.

Museum Ludwig, Köln, bis 12. November. Katalog (HatjeCantz Verlag) 34 €.

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