Kultur : Das gruftschwarze Paradies

Meike Matthes

Mit Shakespeare, so die Erwartungshaltung, lässt sich immer ein besonders großes Fass aufmachen. Ist nicht das von heilloser Vernarrtheit erzählende Liebeswirrspiel "Was ihr wollt" ein klassisches Karnevalsstück, der reinste Partykracher? All die maskierten Gefühle, all die besoffenen Begierden, das ist doch allerfeinster Trieb- und Treibstoff: für einen hochprozentigen Einbildungsrausch, einen megaerotischen Sinnestäuschungstaumel. Dazu ein bisschen illyrischer Stimmungszauber, ein elisabethanisch aufgebrezeltes mediterranes Ambiente, und fertig ist Shakespeares musikbeschwingtes Fabelreich der klingenden Seelen und seufzenden Mandolinen - in unseren Köpfen.

Schon der erste Blick auf Staffan Valdemar Holms "Was ihr wollt"-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin genügt aber, um zu wissen, dass wir uns unsere von Caprifischer-Romantik umnebelten Lustspielbedürfnisse abschminken können. Denn das Meer, das auf dem noch geschlossenen Vorhang hohe Wellen schlägt, ist grau und rau, und die jüngst an Land gespülte Viola hat so gar nichts lockend Schaumgeborenes an sich: Anika Mauer ist unverkennbar ein Mensch, der existenziellen Schiffbruch erlitten hat. Da sie in keiner Identität verankert ist, ein Treibholz auf der hochgepeitschten See, die zwischen den Geschlechtern tobt, ist es ihr Schicksal, dort zu stranden, wo der Zufall sie ans Ufer wirft.

Frierend, zitternd, mit nassen Haaren, die auf bleiche Schultern fallen, die Augen überflutet von Tränen, betritt sie Illyriens Boden. Ausgerechnet Illyrien! Dieses kunstgewerbliche Pseudo-Paradies, bevölkert von wogenden Gefühlsrhetorikern, die auf dem Trockenen zappelnd von ozeanischer Entgrenzung träumen. Deren aufgetakelte Sehnsüchte vergeblich ihre Anker auswerfen und notlanden im nächstbesten Ehehafen, den Shakespeare, der tückische Komödientechniker, ihnen zuweist. Klingt das etwa nach Rosenmontagsstimmung? Schreit das nach der Konfetti-Kanone?

Eine Frage, die Holm, der designierte Intendant des Königlichen Dramatischen Theaters in Stockholm, nicht entschieden, aber doch der Tendenz nach verneint. Wenn sich der nebelgraue Meeresvorhang hebt, verkündet kein azurblauer Horizont ein zu erwartendes Stimmungshoch. In dieser Aufführung, deren Farbpalette von sumpfgrün über schlammbraun bis gruftschwarz reicht, herrscht ein irgendwie ungesundes Aschermittwochsklima, eine schon halb in Ernüchterung abgleitende Schwermutstrunkenheit. Bente Lykke Möllers Bühnenbild, ein fensterloser Salon, der wie ein tapezierter Kerker wirkt, macht aus Shakespeares Realitätsverweigerern verbissene Stubenhocker. Bei Ingo Hülsmanns Orsino hat der Tageslichtentzug bereits bleibende Schäden hinterlassen. Die Jagdtrophäen an der Wand, der zwanghafte Griff zur Flinte weisen ihn zunächst als einen durchgeknallten Schürzenjäger aus. Dann aber taucht er zunehmend ab in eine morbide Ekstase, die abwechselnd trübe funzelt und hell lodert, knallt hospitalistisch seine Stirn auf die Tischplatte, schnippelt an seinen Pulsadern herum, berauscht sich an seinem eigenen Blut.

Orsina, die Projektionsfläche seiner narzisstischen Selbsterfahrungsinszenierung, ist bei Regine Zimmermann eine marmorgesichtige, starräugige Schwarze Witwe, die sich auch in ihrer blinden Passion für die als Cesario verkleidete Viola höchst kontrolliert erniedrigt und entblößt: Ein geziertes Austernschlürfen mit dem androgynen Geliebten, eine Spitzenunterhose, die sie in anmutiger Schamlosigkeit unter ihrem Glitzerkleid hervorzieht, ein Hauch von verschmiertem Lippenstift. Denn Holms Inszenierung will zwar die Krankheit Liebe, ihre Anfälligkeit für das Laster der Einbildung erforschen, die Opfer dieser Bewusstseinstrübung aber keinesfalls denunzieren.

Was die grobe Kehrseite der zarten Empfindungswelt angeht, birgt dieser behutsame, wohltuend ernsthafte Umgang mit dem Stück aber auch Verluste. Die Junker Rülps und Bleichenwang, Oliver Bäßler und Maximilian von Pufendorf, sind hier nur entfernte Verwandte jener militanten Müßiggänger, die mit ihrer feuchtfröhlichen Krawallbruderschaft das Stück noch unsicherer machen als es ohnehin schon ist. Zwei arme Schlucker, deren Sauf- und Raufgelage wenig artistischen Furor besitzen, aber auch keine Gelegenheit haben, die Aufführung flächendeckend zu übertölpeln.

So bleibt Raum für Dieter Manns Malvolio, der das stärkste Argument für Holms anti-karnevalistische Lesart verkörpert: Ein zugeknöpfter Spießer, der seiner Herrin beim Friedhofsgang die Gießkanne hinterherträgt, aber erst durch die Intrige aus seiner aufrechten, würdevollen Kleinkariertheit gekippt wird, geknechtet von seinem eigenen Größenwahn, geblendet vom manipulierten Anschein.

In Malvolios Betrogensein spiegelt sich zuletzt die Enttäuschung aller Figuren. Ein paar spitze Küsse werden noch getauscht, ein paar steife Umarmungen probiert. Doch dann, im letzten Bild, stehen die zum Glück Verdonnerten einsam da, mit leeren Blicken. Und dann regnet der Regen jeglichen Tag, Christian Grashofs unwirscher Narr singt sein melancholisches Schlusslied: Als hätte in dieser Inszenierung jemals eitel Sonnenschein geherrscht.

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