Das Gustav Mahler Jugendorchester bei Young Euro Classic : Komm, süßer Tod

Abschied und Vergänglichkeit: Das Gustav Mahler Jugendorchester kommt mit zwei Werken von Johann Sebastian Bach und Gustav Mahler zu Young Euro Classic.

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Dirigent Philippe Jordan fordert alles von seinem Orchester.
Dirigent Philippe Jordan fordert alles von seinem Orchester.Foto: Kai Bienert

Young Euro Classic, der Name sagt es ja schon, ist ein Fest für junge Leute. Was kein Grund ist, sich nicht auch mit Altern, Vergänglichkeit und Tod auseinanderzusetzen. Dass Gustav Mahlers letzte vollendete Sinfonie Nr. 9 sein Schwanengesang sei, sein auskomponierter Weltabschied, ist ein Ruf, den das Werk wohl nicht mehr loswird. Zu nahe liegen alle Assoziationen von Zerfall und Auflösung vor allem im vierten Satz. Wer will da genauer hinschauen – und sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Mahler weite Teile der Sinfonie bereits zwei Jahre vor seinem Tod in der kärntnerischen Sommerfrische geschrieben hat? 

Das Gustav Mahler Jugendorchester paart das Monumentalwerk mit Bachs Solokantate „Ich habe genug“ BWV 82 für Bariton – die sich auf völlig andere Art mit dem Lebensende auseinandersetzt. Unfassbar fröhlich nämlich. Eine Labsal, wie Christian Gerhaher sich Bachs Tönen auf den Text eines unbekannten Dichters anschmiegt, mit balsamischer Tiefe und tröstlich ausgeleuchteter Höhe, begleitet von Bernhard Heinrichs an der Solo-Oboe. Was beide nicht verdecken können: dass die jungen Musiker das „Schlummert ein, ihr matten Augen“ aus der zweiten Aria etwas zu wörtlich nehmen und eher schlafmützig spielen, Dirigent Philippe Jordan könnte gegensteuern, tut es aber nicht.

Vielleicht ist das proppenvolle Konzerthaus auch der falsche Rahmen für so ein intimes Stück, das in einer Kapelle oder einem kleinen Saal eine völlig andere Wirkung entfalten würde. Verblüffend anders die dritte der drei Arien: Gerhaher besingt in orgelnden Koloraturen die Vorfreude auf den nahenden Tod („Ach, hätt’ er sich schon eingefunden“), während Oboe und Solo-Violine in Concerto- Grosso-Manier miteinander wetteifern. Todessehnsucht, wie sie heute ziemlich unverständlich geworden ist, gekleidet in die herrlichste Musik.

Der manische Mahler

Nach der Pause der Kontrapunkt: Das kleine Ensemble ist für Mahlers Sinfonie zum 112-köpfigen Riesenorchester angeschwollen. Jetzt zeigt Jordan, was er tatsächlich draufhat – und die Musiker lassen den Namenspatron ihres Orchesters nicht hängen. Brillieren mit klaren Schichtungen und subtilen Dynamikschattierungen trotz maximaler Klangballungen. Der Sekund-Seufzer, der als Motiv den ersten Satz prägt, zersetzt sich immer weiter, wird im Säurebad aufgelöst. Jordan hetzt nie, lässt immer in großen Zäsuren Raum zum Atmen, Raum für bezaubernde Soli, etwa die zwitschernde Flöte. Der zweite Satz – „etwas täppisch und sehr keck“ – wird zum Schlachtfest. Kaum einer der im wogenden Dreivierteltakt unschuldig dahertänzelnden Ländler hat eine Chance, länger als ein paar Takte durchzuhalten, bevor er lustvoll zerfetzt wird. Teekesselschrill, mit knalligen, dicken Farben. Jordan und die Musiker präsentieren Mahler in Cinemascope, als Manischen, als Weltentwerfer und -zerstörer. Klar, nur eine Deutung von vielen, aber sie überzeugt. Vor allem, wenn sie mit solcher Luzidität und Elastizität gespielt ist wie hier. Und immer wieder mit diesen langen Generalpausen, in denen Jordan die Musik zu sich selbst kommen lässt, bevor er einen neuen Anlauf nimmt. Wie im dritten Satz, eine Burleske, die turbulent auf ihren Schlussakkord zupurzelt.

Danach auf die ganz anders geartete, in schimmernder Ruhe auf- und abwogende Klangwelt des vierten Satzes umzuschalten, fällt vielen schwer. Dem Gustav Mahler Jugendorchester gelingt es souverän. In gleißend silbrigem, sehnigem Strich fallen, rieseln die Phrasen herab. Schnee im August. Skelettiert, allen Glanzes entkleidet, verdämmert der Satz nach 20 Minuten, wird die Musik eins mit der Welt. Jordan senkt den Arm nicht, will Stille erzwingen. Der Saal lässt ihn nicht. Alle Gedanken an den Tod verscheuchend, fordert das Publikum nach langen Sekunden sein Recht auf Applaus ein.

Das Festival Young Euro Classic läuft noch bis Samstag, 3. September, im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

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